Das Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) feiert dieses Jahr im September den zehnten Geburtstag. Das ist sicher einen Rückblick wert, aber vor allem auch den Blick nach vorne. Mit Smart-Meter-Gateway und Steuerbox steht die digitale Infrastruktur bereit, der technische Durchstich ist gelungen. Jetzt muss sich in der Praxis zeigen, was sie für Kunden, Netze und das Energiesystem tatsächlich leisten kann. Das ist ein anderer, in vieler Hinsicht anspruchsvollerer Abschnitt als die Aufbaujahre – und er beginnt jetzt.
Aus dem Maschinenraum heraus mitgestalten
Die kritischen Jahre der Rollout-Verzögerung, die auch wir als Gwadriga seit unserer Gründung vor zehn Jahren durchlaufen haben, waren für die Branche eine echte Bewährungsprobe; viele Hardware- und Software-Hersteller sowie Prozessdienstleister sind vom Markt verschwunden. Wer geblieben ist, hat in dieser Zeit nicht gewartet. Auch wir haben in dieser Zeit im Maschinenraum weitergearbeitet: in den Rechenzentren, den Fachbereichen, den Prozessen – und gelegentlich ganz buchstäblich im Keller beim Kunden. Denn dort entsteht die Realität, an der sich Skalierung entscheidet.
Der deutsche Weg: anspruchsvoll, aber seiner Zeit voraus
Deutschland hat beim Rollout bewusst einen Sonderweg gewählt. Statt eines schnellen, kostenoptimierten Massenrollouts wurde die Infrastruktur von Beginn an als zukunftsfähige digitale Netzinfrastruktur konzipiert. Der Fokus lag auf Steuerbarkeit, Interoperabilität und sicherer Kommunikation. Das hat die Komplexität erhöht, auf Geräteebene mit dem Smart-Meter-Gateway als sicherem Kommunikationsanker ebenso wie im Dienstleisterökosystem.
Viele europäische Länder waren schneller. Sie haben den Rollout früh auf Fernauslesbarkeit und Verbrauchstransparenz ausgerichtet und damit die ursprünglichen EU-Zielsetzungen zügig erfüllt. Für die Anforderungen von gestern war das richtig. Heute aber hat sich die Frage verschoben: Es geht nicht mehr primär um Transparenz, sondern um die Beherrschung hochdynamischer Netzsituationen verursacht durch Faktoren wie volatile Einspeisung aus Photovoltaik oder stark schwankender Verbrauch durch Wärmepumpen und Elektromobilität.
Die ehrliche Bewertung nach zehn Jahren lautet deshalb: Nicht jede Regelung dieses Modells ist exportfähig. Die starke Fragmentierung von Marktrollen hat Komplexität erzeugt, die man nicht schönreden sollte. Die technologische und architektonische Grundidee aber war richtig: eine sichere, standardisierte Kommunikationsinfrastruktur und die saubere Trennung von Messung, Steuerung und Mehrwertdiensten.
Vom Messen zum Steuern – und was dafür zusammenpassen muss
Mit dem Übergang zum Steuern verändert sich auch die Rolle der Messstellenbetreiber grundlegend. Was lange ein nachgelagerter Teil des Systems war, rückt mit Digitalisierung und Steuerungsrollout ins Zentrum. Aus dem Verwalter von Zählern wird Schritt für Schritt ein aktiver Ermöglicher von Steuerung, Transparenz und systemdienlicher Flexibilität.
Damit Steuerung wirksam wird, muss mehr zusammenpassen als ein einzelnes Gerät im Feld. Es geht vielmehr um technische Standards und Interoperabilität, Systemlandschaften und durchgängige IT-Prozesse sowie Marktmechanismen wie dynamische Tarife und flexible Netzentgelte. Wird einem dieser Faktoren zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, bleibt die Infrastruktur zwar vorhanden, ihre Wirkung jedoch klein.
Der technische Durchstich ist da, jetzt zählt die Skalierung
Die technischen Grundlagen sind geschaffen. Zertifizierte Steuerboxen sind verfügbar, CLS- und GWA-Systeme laufen produktiv, erste Steuerungen sind möglich. Im Projekt CLS ON haben EWE Netz, Rheinnetz, Westfalen Weser Netz und N-Ergie gemeinsam mit Gwadriga bereits vor zwei Jahren die ersten Steuerboxen produktiv in Betrieb genommen. Mit Westfalen Weser Netz wurde eine der ersten CLS-Integrationen mit einem IS-U-System umgesetzt; EWE folgt als erster S/4HANA-Nutzer. Und gemeinsam mit Envelio und Westfalen Weser Netz haben wir erstmals ein Niederspannungsleitsystem mit unserem CSL-Management gekoppelt und sind aktuell dabei, die Steuerungsprozesse in der Praxis zu erproben.
Mit Upscaling und technischem Rollout allein ist es aber nicht getan. Jetzt beginnt der eigentlich anspruchsvolle Teil, die Steuerung im Energiesystem wirksam zu machen. Das volle Potenzial liegt nicht im einzelnen Schaltvorgang, sondern in den Wirkungen für das Gesamtsystem. Darin, dass Anlagen schneller ans Netz gehen, Kunden profitieren, Netze stabil bleiben und weniger Kupfer verbaut werden muss.
Warum sich das Tempo lohnt
Der ökonomische Fall für Deutschland ist im Kern klar. Der Ausbau der Erneuerbaren muss weiter möglich bleiben, die Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Industrie muss weitergehen. Die damit entstehenden systemischen Risiken aber dürfen nicht ignoriert, sondern müssen beherrschbar gemacht werden – und zwar nicht allein durch immer mehr klassischen Netzausbau, sondern durch eine intelligente Kombination aus Netz, Messung und Steuerung. Mehrere Studien sehen die Effizienzvorteile eines konsequenten Steuerungsrollouts in der Niederspannung in einer Größenordnung im dreistelligen Milliardenbereich. Es geht also nicht um Netz oder Digitalisierung. Es geht um die intelligente Kombination aus beidem – damit die Energiewende bezahlbar, sicher und resilient bleibt.
Was jetzt kommen muss: Ein weiter gedachter Umsetzungsrahmen
Damit es so kommt, sollten sich Branche und Politik eine ehrliche Frage stellen. Reicht es, über einzelne Regeländerungen, Fristen und Prozessdetails zu diskutieren? Oder ist jetzt der Moment, wieder gemeinsam größer zu denken, mit einem klaren Bild davon, welches Energiesystem wir in fünf Jahren in Deutschland tatsächlich betreiben wollen?
Ein solcher Arbeitsprozess müsste die Branche stark einbinden und die entscheidenden Fragen offen stellen: Wo wollen wir in fünf, wo in zehn Jahren stehen? Was ist technisch noch zu entwickeln – bei den Anlagen im Feld, bei Hardware-Herstellern, IT-Systemanbietern und Leistungspartnern? Und was muss regulatorisch, prozessual und operativ zusammenpassen? Gebraucht wird nicht nur das Abarbeiten des bestehenden Rahmens, sondern ein ambitionierterer Blick nach vorn: auf Ziele, die die Branche wirklich gemeinsam trägt, und auf eine Umsetzung, die über Marktrollen und Netzebenen hinweg zusammenpasst.
Die spannendste Phase des Smart Meterings liegt also nicht hinter, sondern vor uns. Auf sie haben wir uns vorbereitet.



