Vernachlässigt die Politik im Zuge der Transformation die Verteilnetze? Bei der Vorstellung des neuen Gasnetzgebietstransformationsplans (GTP) waren sich die den GTP tragenden Verbände jedenfalls einig, dass den Verteilnetzen eine entscheidende Rolle zukommt – und das nicht nur bei der Versorgung der Industrie mit Prozesswärme. Der Startschuss für das Wasserstoff-Kernnetz sei ein riesiger Erfolg, betonte Tilman Wilhelm vom DVGW. Aber es sei eben auch nur der erste Schritt. Nun müsse eine Regionalplanung folgen, die das Kernnetz und den GTP zusammenbringe.
„Die Energiewende ist dezentral. Wir dürfen nicht immer nur an die Großen denken“, unterstrich auch Kai Lobo, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VKU. Die Rolle der Verteilnetze im Transformationsprozess zu stärken bzw. klar zu definieren, sei ein ureigenes kommunales Anliegen, gab Lobo zu bedenken.
Das Interesse an der Umstellung der Erdgasnetze auf Wasserstoff scheint jedenfalls groß zu sein. Eine Mehrheit der am GTP teilnehmenden Netzbetreiber plant innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre, mit der Umstellung auf 100 Prozent Wasserstoff zu beginnen. Die Klimaneutralität wird offenbar vielerorts bereits vor 2045 angestrebt.
Nur wenige setzen gar nicht auf Gas
Interessant: Die Mehrheit der rund 1100 Befragten plant den langfristigen Einsatz klimaneutraler Gase sowohl in der Industrie als auch in Privathaushalten. Lediglich zwei Prozent der Kommunen sprachen sich gegen den Einsatz in der Industrie aus, sieben Prozent lehnten das für Privathaushalte ab.
Zwei Drittel der über 3500 befragten Industrie- und Gewerbekunden will künftig Wasserstoff nutzen. Bei den Großkunden ab 10 Millionen Kilowattstunden sehen das sogar mehr als vier von fünf Kunden so. Wie Florian Feller, der Vorsitzende von H2vorOrt, betonte, würde ein Viertel dieser Kunden den Wasserstoff gerne bereits vor dem Jahr 2030 beziehen. „Das zeigt uns, wie dringend die Transformation ist und wie wenig dieser Wunsch leider mit der Realität zusammenpasst“, gab Feller zu bedenken. Die Verteilnetzbetreiber seien durch die vergangenen drei Jahre Planung gut aufgestellt und transformationswillig. Was fehlt, sei eine praktikable und zielorientierte Ausgestaltung des Rechts- und Regulierungsrahmens, kritisierte Feller. Es gebe nach dem Abgang des umstrittenen Energiestaatssekretärs Patrick Graichen inzwischen zwar ein Umdenken im Habeck-Ministerium. Feller sieht aber bei der Umsetzung nach wie vor große Hürden für einzelne Energieträger. Die Politik müsse technologieoffen agieren und Kommunen und Stadtwerken bzw. Netzbetreibern die Möglichkeit geben, vor Ort eigene Entscheidungen zu treffen.
Biomethan auf dem Vormarsch
Großes Potenzial sieht der GTP auch für den Einsatz von Biomethan: Die Zahl der von den Netzbetreibern 2023 erhaltenen Einspeisebegehren hat sich demnach gegenüber dem Vorjahr weiter erhöht und übersteigt nun die Anzahl der bestehenden Anlagen.
Generell müsse sich die Politik darüber klar werden, welches Potenzial bei grünen Gasen vorhanden sei. Im zweiten Schritt gelte es dann die Finanzierung zu klären, so Feller. Klar sei, dass ein Finanzierungsmodell wie beim Wasserstoff-Kernnetz bei den Verteilnetzen nicht funktioniere. Gegenwärtig sei es beim Wasserstoff so, dass in der Theorie viel möglich ist, was dann aber an der Realität scheitere. Der politische und regulatorische Rahmen müsse aber so ausgestaltet werden, dass auch ein Dorf mit 2000 Einwohnern Wasserstoff bekommen könne, wenn das etwa in der Kommunalen Wärmeplanung vorgesehen sei.
Industrie und Kraftwerke als Treiber
Soll der grüne Wasserstoff denn in Zukunft verheizt werden? Auch um diese Frage ging es bei der Vorstellung des neuen GTP. Tilman Wilhelm bezeichnete es rückblickend als ungünstig, den Fokus in der Debatte über die Zukunft der Verteilnetze zu stark auf die Wärmeversorgung einzelner Haushalte zu legen. Die wichtigen Treiber der Transformation seien eben nicht die Kommunen und die einzelnen Bürger, sondern Industrie und Kraftwerke. So sieht es auch Florian Feller: „Die Industrie ist das Zugpferd und der Wärmemarkt sitzt in der Kutsche dahinter.“
VKU-Chef Ingbert Liebing ist überzeugt: „Die Kommunen haben beim zukünftigen Einsatz klimaneutraler Gase ein klares Bild vor Augen.“ Die Einschätzung vor Ort zeige, dass der Einsatz von Wasserstoff nicht nur punktuell bei Großverbrauchern gesehen werde, sondern die Kundenbasis viel breiter sei. „Deshalb braucht es Regelungen, die keine unüberwindbaren Hürden für die Transformation sind, sondern Regeln, die allen kommunalen Unternehmen unabhängig von ihrer Größe bei Bedarf die Transformation möglich machen.“ Gerade bei der Finanzierung brauche es kluge und praxistaugliche Lösungen. (amo)
