Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Von Joachim Endress, Ganexo

Kühle Temperaturen und eine niedrige Stromproduktion bei den Erneuerbaren treiben die Gasnachfrage in dieser Woche auf den höchsten Stand seit Januar 2022. Der Trend könnte auch in den nächsten Tagen anhalten.

Die europäische Gasnachfrage stieg in den letzten Tagen über 21 TWh/Tag. Im Monat Im Dezember lag die durchschnittliche tägliche Gasnachfrage bei 16 TWh und in der Spitze nicht wesentlich über 19 TWh pro Tag.

Damit liegt die europäische Nachfrage im laufenden Monat auf dem Niveau des Fünf-Jahres-Durchschnitts. In den letzten drei Monaten lagen die Einsparungen gegenüber dem Referenzwert noch bei bis zu 12 Prozent.

In Deutschland stieg die Gasnachfrage zuletzt auf knapp 5 TWh pro Tag, gegenüber einem täglichen Durchschnitt von 3,5 TWh im Vormonat Dezember.

Kraftwerksgasnachfrage auf 5-Jahres-Hoch

Bedingt durch kalte Temperaturen und eine sehr niedrige Windstromproduktion stieg die Stromproduktion der Gaskraftwerke in dieser Woche in Deutschland auf über 17 GW. Erdgas als Brennstoff zur Stromerzeugung machte damit zuletzt bis zu 33 Prozent der gesamten deutschen Stromgeneration aus.

Auch in Italien, den Niederlanden und Frankreich zog die Gasnachfrage im Stromsektor bedingt durch die Wetterlage zuletzt deutlich an. Die Stromproduktion aller europäischen Gaskraftwerke stieg in dieser Woche auf bis zu 75 GW (23% der Stromproduktion) gegenüber einem Durchschnitt von 55 GW im Vormonat Dezember.

Ausfall in Aserbaidschan

Die Gasflüsse aus Aserbaidschan am türkisch-griechischen Interkonnektor Kipoi der TANAP-Pipeline zeigen sich seit dem 6. Januar deutlich reduziert. Lagen die Gasflüsse vormals bei rund 350 GWh/Tag, so fielen die Lieferungen Aserbaidschans auf bis zu 200 GWh/Tag.

Grund ist ein Ausfall im Shah Deniz Gasfeld, der bisher vom aserbaidschanischen Betreiber nicht näher spezifiziert wurde. Durch den Ausfall ist der Output des Gasfelds um 8,5 Mio. Kubikmeter pro Tag gekürzt, dies macht rund 12 Prozent des gesamten Outputs des Gasfelds aus.

In der Folge sind die Gaslieferungen nach Bulgarien aus der TAP-Pipeline von zuvor rund 28 GWH/Tag auf null gefallen. Weitere betroffene Länder der aserbaidschanischen Gaslieferung sind Griechenland, Serbien und Italien.

Ausspeicherungen auf 4-Jahres-Hoch

Die Flexibilität für die gestiegene Nachfrage und das eingeschränkte Angebot wird dabei im Wesentlichen durch massiv gestiegene Ausspeicherungen gespeist. Die Ausspeicherungen der EU-Länder steigen in dieser Woche auf über 9,5 TWh pro Tag, gegenüber einem täglichen Durchschnitt von 5,2 TWh im Vormonat Dezember.

Der Füllstand der europäischen Gasspeicher sinkt auf 64 Prozent und damit 7 Prozentpunkte weniger als im Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2024. In Deutschland fällt der aggregierte Füllstand der Gasspeicher auf 70 Prozent, 5 Prozentpunkte unter dem Referenzwert.

Die Wetterprognosen bis Ende des Monats sehen Temperaturen weitgehend auf saisonalem Niveau, jedoch eine deutlich unterdurchschnittliche Windstromproduktion vor. Damit könnten wir auch zumindest in den nächsten sieben Tagen eine weiterhin überdurchschnittliche Gasnachfrage und damit hohe Ausspeicherungen sehen.

Speicherziele könnten verfehlt werden

Das Speicherziel von 49 Prozent Füllstand zum 1. Februar sollte damit auch im Falle einer weiterhin überdurchschnittlichen Gasnachfrage bis zum Stichtag erfüllt werden.

Sollten die Temperaturen im Februar und März jedoch deutlich unter der Norm liegen und sich die hohen Speicherentnahmen damit fortsetzen, so könnte nach Berechnung der Initiative Energien Speichern (INES) der Speicherstand zum Ende März auf 24 Prozent fallen.

In diesem Fall würde vermutlich die Zielvorgabe der EU-Kommission, ein Speicherfüllstand zum 1. Mai von 31 Prozent, nicht erreicht werden. In den letzten Jahren lag das Füllstand-Plus vom Monat April meist nicht über 5 Prozentpunkte.

INES empfiehlt daher den frühzeitigen Beginn der Einspeicherungen mittels Ausschreibungen, um die Einspeicherungen im Sommer mit Blick auf das Füllstandziel von 90 Prozent für den 1. November zu erreichen.

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