Thüga und Energie Südbayern (ESB) haben gemeinsam mit Energienetze Bayern für das Forschungsprojekt H2Direkt ein bestehendes Gasnetz auf 100 Prozent Wasserstoff umgestellt. Zehn Haushalte und ein Gewerbekunde haben ausschließlich mit dem neuen Energieträger geheizt. Im Interview spricht Elke Wanke, die Leiterin des Projekts bei der Energie Südbayern und Stabsstellenleiterin Erneuerbare Gase & Wasserstoffbeauftragte der ESB-Gruppe, über Herausforderungen, Erkenntnisse und die Zukunft des Projekts.
Frau Wanke, was war die größte Hürde oder Herausforderung beim Projekt H2Direkt?
Das Projekt ist in dieser Form deutschlandweit ein Vorreiter. Wir waren die ersten, die im Realbetrieb über ein bestehendes Gasverteilnetz reinen Wasserstoff zu Privatkunden transportieren. Diese Pilotposition bringt erwartungsgemäß auch gewisse Herausforderungen mit sich, da die geltenden Rahmenbedingungen den Betrieb mit Wasserstoff noch nicht als Standard vorgesehen hatten. Wir konnten zwar auf diverse Vorarbeiten der Branche aufbauen, mussten aber auch verschiedene neue Wege gehen – was immer einhergeht mit unzähligen Abstimmungen, Genehmigungen, Prüfungen und Behördengängen.
Zum Glück konnten wir hier nicht nur auf unsere eigene jahrzehntelange Erfahrung mit Erdgas aufbauen, sondern auch auf die Zusammenarbeit mit vielen namhaften Experten aus den Bereichen Netztechnik, Anlagenbau und Energieversorgung setzen. Auch die Zusammenarbeit mit Behörden und der Kommune war im gesamten Prozess sehr gut.
Insgesamt können wir ganz klar festhalten: Bei der Umstellung gab es keine nennenswerten Schwierigkeiten. Auch unsere Betriebsmannschaft hat H2Direkt von Tag eins nahtlos in ihre betrieblichen Abläufe integriert.
War es schwer, die Kunden für das Projekt zu begeistern?
Ein innovatives Pilotprojekt wie H2Direkt kann nur umgesetzt werden, wenn die Gemeinde, die Bürgerinnen und Bürger offen für neue Ansätze sind. Und genau diese Grundvoraussetzung war in Hohenwart erfüllt. Die Anwohnerinnen und Anwohner waren direkt sehr aufgeschlossen, Teil von H2Direkt zu werden und damit die Energiewende voranzubringen.
Die Zufriedenheit unserer Kunden ist für uns und das gesamte Projekt zentral. In Hohenwart haben wir deshalb von Beginn an auf eine enge Zusammenarbeit gesetzt und umfassend über alle relevanten Aspekte von H2Direkt informiert. Auch jetzt im Projektverlauf holen wir uns regelmäßig Feedback ein.
Uns freut besonders, dass die Begeisterung angehalten hat und wir bisher sehr positive Rückmeldungen erhalten haben! Derzeit arbeiten wir an einem Nachfolgeprojekt, um den Kunden auch im Anschluss an die eigentliche Laufzeit eine wasserstoffbasierte Wärmeversorgung anbieten zu können – und ich kann bereits sagen, dass das Interesse sehr groß ist.
Warum wurde grüner Wasserstoff eingesetzt? Er ist ja teurer als etwa blauer Wasserstoff.
Unser Fokus im Rahmen von H2Direkt liegt darauf, die technische Machbarkeit des Transports von Wasserstoff über die bestehende Infrastruktur inklusive der anschließenden Nutzung zu belegen.
Nichtsdestotrotz wollten wir in Hohenwart eine echte Option für die klimaneutrale Energieversorgung demonstrieren. Deshalb war für uns von Anfang an klar, dass wir im Projekt auf grünen Wasserstoff setzen. Für folgende Projektphasen arbeiten wir derzeit übrigens an der Errichtung einer Wasserstoff-Erzeugung vor Ort – entsprechende Konzepte prüfen wir aktuell.
Was ist aus Ihrer Sicht die wesentliche Erkenntnis?
Mittlerweile sind wir seit über einem Jahr in Betrieb und können nach dieser Zeit ein schönes Fazit ziehen: Es funktioniert! Selbst bei Temperaturen bis minus 15 Grad war auf die gesamte Wasserstoffinfrastruktur Verlass. Bestehende Gasinfrastruktur ist mit vergleichsweise wenigen baulichen Maßnahmen auch zukünftig als Teil einer leistungsfähigen Infrastruktur nutzbar – und kann durch den Einsatz grüner Gase wie Wasserstoff einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten.
H2Direkt zeigt im kleinen Maßstab, aber in der Praxis und mit Erfolg, dass die Umstellung der heutigen fossilen Gasversorgung auf eine künftige klimaneutrale Wasserstoff-Versorgung möglich ist.
Sind die gewonnenen Erkenntnisse übertragbar?
Der Netzbetrieb mit Wasserstoff unterscheidet sich wenig von dem mit Erdgas. Und die bestehende Gasinfrastruktur ist bereits heute weitgehend geeignet für den Einsatz von 100 Prozent Wasserstoff. Das lässt sich auch auf andere Netzbereiche übertragen, das heißt für alle Kundengruppen am regionalen Verteilnetz: Haushalt, Gewerbe und Industrie.
Wie blicken Sie generell auf das Thema Wasserstoff im Wärmemarkt, das ja sehr kontrovers diskutiert wird? Werden wir in Zukunft mit Wasserstoff heizen oder hat die Wärmepumpe bzw. die Fernwärme die Nase vorn?
Die technische Machbarkeit haben wir mit H2Direkt gezeigt. Künftig wird das Wasserstoff-Kernnetz ein zentraler Baustein der deutschlandweiten Wasserstoffinfrastruktur sein. Viele Industrie- und Gewerbekunden liegen jedoch abseits des Kernnetzes. Um diese Lücke zu schließen, werden derzeit geeignete regionale Netzstrukturen aufgebaut – was durch die Nutzung und Umstellung bestehender Infrastrukturen vergleichsweise kostengünstig machbar ist.
Neben Industriekunden werden über die regionalen Verteilnetzen prinzipiell ganze Ortschaften erschlossen. In diesen Regionen bietet Wasserstoff eine gute zusätzliche Option für die klimaneutrale Wärmeversorgung. Wasserstoff für den Wärmemarkt steht damit im Wettbewerb zu anderen Heizmöglichkeiten. Die Marktanteile von Wasserstoffheizungen werden daher auch von der Kostenentwicklung bei den anderen Heizmöglichkeiten abhängen.
Das Interview führte Ariane Mohl



