Eon-Chef Leonhard Birnbaum ging beim BDEW-Kongress 2026 auf die aktuelle Gefahrenlage für Stromnetze ein.

Eon-Chef Leonhard Birnbaum ging beim BDEW-Kongress 2026 auf die aktuelle Gefahrenlage für Stromnetze ein.

Bild: © BDEW/Ecke/Schweizer

Reutlingen, Berlin, Garching – die Liste der Anschläge auf kritische Strominfrastruktur in Deutschland wird länger. Beim Kongress des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Berlin wurde am Mittwoch deutlich: Was die Öffentlichkeit davon mitbekommt, ist nur ein Bruchteil.

"Es gab eine ganze Reihe von Anschlägen, die nicht an die Presse gelangt sind", sagte Leonhard Birnbaum, Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns Eon. Wie real diese Dunkelziffer ist, belegte kürzlich etwa eine Recherche des Tagesspiegel-Podcasts "104 Stunden Blackout": Nordrhein-Westfalen meldete für 2024 und 2025 zusammen 375 politisch motivierte Straftaten gegen Energieversorgungsinfrastruktur – darunter auch Cyberangriffe und Sachbeschädigungen.

Bundesweit wurden 2024 insgesamt 176 Angriffe auf Energieversorger erfasst. Gleichzeitig stufen Bayern, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg entsprechende Daten als Verschlusssache ein. Das Bild ist fragmentiert – und dürfte die tatsächliche Lage eher unter- als überschätzen.

Netzbetreiber "noch nicht gut genug"

Birnbaum skizzierte zudem, wie tiefgreifend sich sein Unternehmen auf den Ernstfall vorbereitet: "Wir üben jetzt häufiger bei Eon, wie die Abläufe sein müssen, wenn wir erfolgreich angegriffen worden sind."

Sein Urteil fiel selbstkritisch aus: "Ich kann sagen, wir sind immer noch nicht gut genug." Ziel sei es nicht, jeden Angriff zu verhindern, sondern schnell handeln zu können. Und: Die Zusammenarbeit zwischen Netzbetreibern müsse geübt werden. "Können Sie als Stadtwerk überhaupt den übergelagerten Netzbetreiber erreichen? Das müssen wir üben."

Ausfallzeiten und wachsende Netzlast

Dass der Handlungsdruck real ist, belegte Torsten Maus, Vorsitzender der Geschäftsführung des Oldenburger Netzbetreibers EWE Netz, mit Zahlen. Die durchschnittliche Ausfallzeit pro Kunde beträgt in Deutschland rund zwölf Minuten pro Jahr. Im Netz von EWE Netz sind es nur 3,4 Minuten – ein Wert, der künftig schwerer zu halten sein könnte.

Großbatteriespeicher und Rechenzentren treiben die Nachfrage, der Netzausbau hält kaum Schritt. "Wir fahren heute schon ein Stück weit auf Kante", sagte Maus. "Damit fahren wir in ein höheres Risiko hinein."

Seine Antwort: smarte Steuerung statt bloßer Kupferausbau. Durch intelligente Flexibilitätslösungen ließen sich noch 20 bis 30 Prozent mehr Kapazität aus den Bestandsnetzen holen. Dazu müssten Netze in die Lage versetzt werden, sich selbst zu steuern – mit festgelegten Grenzwerten, damit Transformatoren stärker ausgefahren werden können.

Spanien als Lehrmeister

Sabine Erlinghagen, Geschäftsführerin von Siemens Grid Software, nannte den Blackout im April 2025 auf der Iberischen Halbinsel als konkreten Lernfall. Innerhalb von zehn Stunden sei die Versorgung wiederhergestellt worden – Erfolg und Warnsignal zugleich. Umrichter müssen steuerbar, die Kommunikation zwischen Verteil- und Übertragungsnetzbetreibern besser werden. Und Netzbetreiber dürften nicht von ihren eigenen Sicherheitsmechanismen überrascht werden.

Erlinghagen plädierte für Mut beim Wissenstransfer: "Das Gegenteil von Tempo sind viele Pilotprojekte." Als Vorbild nannte sie den niederländischen Netzbetreiber Alliander, der Netzengpässe zu 93 Prozent autonom managt – von der Identifikation bis zur Behebung. Nur in sieben Prozent der Fälle sei menschliches Eingreifen nötig.

Wer zahlt für mehr Schutz?

Die Kostenfrage bleibt die heikelste. Aus Branchenkreisen ist zu hören, dass sich der Schutzfokus derzeit stark auf Umspannwerke konzentriert – mit spürbar gestiegenen Sicherheitsanforderungen und entsprechenden Kosten, etwa für aufwendigere Zäunanlagen.

Der politische Wunsch, möglichst alles mit höchstem Standard zu schützen, stoße in der Praxis an Grenzen der Verhältnismäßigkeit. Am Ende trage vor allem der Kunde über die Netzentgelte die Mehrkosten.

Richard Huber, Leiter systemübergreifende Infrastruktur beim EnBW-Netzbetreiber Netze BW, hatte dies nach dem Reutlinger Anschlag offen angesprochen: Für 330 Umspannwerke in Baden-Württemberg Sicherheitsdienste vorzuhalten – das gehe auf die Netzentgelte. "Das ist eine Frage, die politisch beantwortet werden muss."

Mehr dazu hier: Stromausfall in Reutlingen: Wer schützt kritische Infrastruktur?

Mark Helfrich, CDU-Bundestagsabgeordneter und Beiratsvorsitzender der Bundesnetzagentur, unterstrich beim Kongress: "Wer glaubt, dass wir unsere Ziele ohne Digitalisierung schaffen, der irrt." Er wünsche sich, dass die Bundesnetzagentur stärkere Anreize für die Digitalisierung im Netz selbst setze – jenseits von Smart Metern.

Maus fasste die Lage der Branche in einem Satz zusammen: "Unsere Stromnetze sind nicht zu teuer, sondern hochleistungsfähig." Die entscheidende Frage ist, wie lange das unter wachsender Bedrohung und steigendem Lastdruck so bleibt.

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