Die neuen, deutlich ambitionierteren EU-Klimaschutz- und CO2-Minderungsziele 2030 sind beschlossen. Insbesondere die CO2-Minderungsziele 2030 für die Energiewirtschaft wurden spürbar angehoben. Der Energiesektor soll danach im Jahr 2030 nur noch 108 statt 175 Mio. Tonnen CO2 emittieren dürfen. Die Energieökonomen der Enervis Energy Advisors prognostizieren nun die langfristige Strompreis- und Strommarktentwicklung am deutschen Großhandelsmarkt.
Dabei lassen sie die aktuellen Einschätzungen zur Strommarktentwicklung kombiniert mit unterschiedlichen Erwartungswerten zum Kohleausstieg und zur Entwicklung des EU-ETS-CO2-Preises einfließen.
Die Strommarktmodellierungen von Enervis zeigen, dass ein Kohleausstieg bereits bis 2030 sowie ein CO2-Preis über 65 Euro pro Tonne den Strompreis am Großhandelsmarkt steigen lassen, teilt das Beratungsunternehmen mit. "Eine direkte Konsequenz sind zudem spürbar abnehmende CO2-Emissionen der Stromerzeugung. Der Ausstoß von Kohlendioxid des Kraftwerksparks reduziert sich auf deutlich unter 100 Mio. Tonnen CO2 in 2030", sagt Mirko Schlossarczyk, Partner und Strommarktexperte der Enervis.
Ära der Gaskraftwerke eingeläutet?
Gleichzeitig steigt allerdings die Stromnachfrage bis 2030 signifikant, heißt es in der Mitteilung weiter. Die voranschreitende Dekarbonisierung und Elektrifizierung des Wärme- und Verkehrssektors sowie der Industrie und der Markthochlauf von Wasserstoff resultiert in neuen Herausforderungen. Es folgt die Notwendigkeit eines zügigen Ausbaus der erneuerbaren Energien, der deutlich über die derzeitigen Ausbaupfade hinausgehen müsse, so das Unternehmen weiter. Auch für Gaskraftwerke würden neue Zeiten anbrechen. Ein Zubau neuer gasgefeuerter Erzeugungsanlagen rücke bereits deutlich vor 2030 ins Blickfeld.
Die skizzierten Annahmen führen schon 2030 zu einem höheren Bedarf an Gaskraftwerken. "Die vielzitierte Brückentechnologie Gas könnte in diesem Umfeld eine Renaissance erleben", so Schlossarczyk weiter. Erwartbar seien zudem höhere Marktwerte Wind Onshore und PV, da sich – bei ansonsten vergleichbaren Szenarioprämissen – ein höherer EU-ETS-CO2-Preis bei gleichzeitigem Kohleausstieg 2030 erhöhend auf den Strompreis und in der Konsequenz auch positiv auf die Erlösoptionen Erneuerbarer auswirkt. Für die Stützjahre um 2030 und 2035 lassen sich durchaus Steigerungen des Marktwertes von 15 bis 20 Prozent gegenüber einem Vergleichsszenario mit Kohleausstieg 2038 und moderaterem CO2-Preisniveau ableiten.
Das Preislevel am EU ETS wird der zentrale Treiber
Demzufolge wird das Preislevel am EU ETS in den kommenden Jahren einer der zentralen Treiber des künftigen Strompreisniveaus sowie der strukturellen Veränderungen am Strommarkt sein und spielt demzufolge eine wesentliche Rolle bei der Profitabilität und Bewertung der verschiedenen Erzeugungstechnologien.
Insbesondere für Kohlekraftwerke, neue Gaskraftwerke und EE-Anlagen könnten sich bei einem dauerhaft hohen CO2-Preis und einem zunehmend kohleunfreundlichen regulatorischen Umfeld strategische Fragestellungen wie Weiterbetrieb, Investitionsstrategien und das Gebotsverhalten in den jeweiligen Auktionen (u.a. Stilllegung bei Steinkohle, Zubau bei EE) neu stellen. (gun)



