Małgorzata Kucharska ist Geschäftsführerin der GEWI Sp. z o.o., einem Tochterunternehmen von GETEC Energie.

Małgorzata Kucharska ist Geschäftsführerin der GEWI Sp. z o.o., einem Tochterunternehmen von GETEC Energie.

Bild: © GETEC

Der Ukrainekrieg und die Energiekrise wirken sich auch auf die Stromerzeugung in Polen aus. Die Nachfrage nach Grünstrom wächst und auch die Stromproduktion aus Erneuerbaren-Energien-Anlagen steigt an. Bei den Photovoltaik-Anlagen war der Zuwachs im Jahr 2022 gegenüber dem Vorjahr mit 151 Prozent am stärksten. Aber auch Die Windstromerzeugung legte um 24 Prozent gegenüber 2021 zu. Die Tendenz geht dabei stark nach oben.

"Der Markt für erneuerbare Energien in Polen ist dieses Jahr erwachsen geworden", sagt Małgorzata Kucharska, Geschäftsführerin der 2021 gegründeten Gewi Sp. z o.o., der polnischen Tochter des Direktvermarktungs-Geschäfts von Getec. Wo früher eher PV-Anlagen unter 1 MW Grünstrom produziert hätten, seien jetzt auch viele Großproduzenten unterwegs.

Im zweiten Quartal 2023 waren PV-Anlagen mit einer Leistung von 13.818 MW installiert, davon entfallen rund 10.000 MW auf private Kleinstanlagen (kleiner als 50 kW). Bei Windkraftanlagen beläuft sich die Leistung auf 9.698 MW. Mit rund 24.000 MW macht die installierte Erneuerbaren-Energien-Kapazität damit bereits rund 40 Prozent der installierten Gesamtkapazitäten von 63 GW in Polen aus.

Erstmals negative Preise

Der Aufschwung der Erneuerbaren beeinflusst auch den polnischen Strommarkt. So erlebte die polnische Strombörse dieses Jahr zum ersten Mal überhaupt negative Preise: im Juni im Day-Ahead-Markt (FIXING II) und im September am Ausgleichsenergiemarkt. Im Oktober traten dann auch im Day-Ahead-Markt (FIXING I) zum ersten mal negative Preise auf. Die polnischen Netzbetreiber haben angefangen, an besonders sonnigen und windigen Tagen – vor allem, wenn diese auf Feiertage fallen – die Anlagen abzuschalten.

Die Nachfrage von Betreibern von größeren Windkraft- und Photovoltaikanlagen nach wirtschaftlichen und zuverlässigen Vermarktungsmöglichkeiten ist laut Kucharska im zweiten Halbjahr 2022 sowie in diesem Jahr nochmal merklich gewachsen. Auch hat sich die Anzahl der Stromvermarkter in den letzten Jahren nochmal erhöht. Ausländische Investoren drängen zunehmenden auf den Markt und der Wettbewerb nimmt zu.

Vermarktung auf Ausgleichsenergiemarkt

Für Investoren gibt es jedoch einige Punkte zu beachten, denn der polnische und der deutsche Energiemarkt unterscheiden sich. So müssen in Deutschland etwa EE-Anlagen verpflichtend fernsteuerbar sein. Direktvermarkter vermarkten ihre Anlagen über ein virtuelles Kraftwerk. In Polen ist das noch nicht möglich, Direktvermarkter haben keinen Einfluss auf den Betrieb der Anlagen. Auf dem Ausgleichsenergiemarkt in Polen wird zudem noch stündlich abgerechnet, statt viertelstündlich wie in Deutschland. Dies soll sich wahrscheinlich erst im Jahr 2025 ändern.

Bei der Vermarktung haben Anlagenbetreiber in Polen mehrere Möglichkeiten. Zum einen lässt sich Strom – anders als in Deutschland – auf dem Ausgleichsenergiemarkt verkaufen. Da die Direktvermarkter hier keine Ausgleichsenergiekosten tragen, sinken entsprechend die Dienstleistungsgebühren für Anlagenbetreiber, was diese Vermarktungsform attraktiv macht. Unter anderem deshalb ist auch der polnische Intra-Day-Markt verglichen mit Deutschland weniger liquide und für die Vermarktung weniger interessant.

Zum zweiten ist es möglich, Anlagen staatlich fördern zu lassen. Das polnische Fördersystem richtet sich für neue Anlagen seit 2016 nach einem Auktionssystem, bei dem die Anlagenbetreiber sich zu einer bestimmten Liefermenge verpflichten. Die Förderung gilt dann 15 Jahre lang. Die Verkaufserlöse sind allerdings, anders als in der deutschen EEG-Förderung, auf den Auktionspreis gedeckelt und Mehrerlöse müssen zurückgezahlt werden.

PPA zunehmend attraktiv

Als weitere Alternative gelten auch in Polen Power-Purchase-Agreements (PPA). "PPA ermöglichen aktuell gegenüber dem Auktionssystem in Polen häufig höhere Einkünfte für Anlagenbetreiber", sagt Kucharska. Etwa 10 Prozent der Erneuerbaren-Anlagen (die Kleinstanlagen sind hier ausgenommen) werden laut der Managerin derzeit über langfristige Stromabnahmeverträge vermarktet. Grenzüberschreitende PPAs mit physischen Lieferungen sind demgegenüber bislang kein Thema, weil es vor allem an Netzkapazitäten an den Ländergrenzen fehlt.

Virtuelle Stromlieferungen, etwa über Herkunftsnachweise, scheitern demgegenüber daran, dass Polen bislang kein Mitglied bei der Association of Issuing Bodies (AIB) ist, weshalb der Export von Zertifikaten ins Ausland rechtlich nicht möglich ist. Polen plant jedoch, der AIB beizutreten, im Gespräch ist dies für Ende 2024.

"Die Vermarktung großer Mengen an der polnischen Strombörse sowie über PPA direkt an Verbraucher ist unser Kerngeschäft", betont Geschäftsführerin Kucharska.

Gewi Sp. z o.o. unterstützt außerdem Investoren, die neu auf dem polnischen Markt sind, mit umfassenden Leistungen, so dass diese alle formalen Anforderungen der Verteilnetzbetreiber, Übertragungsnetzbetreiber und der polnischen Energiebehörden einhalten können.

Politischer Rückenwind

Für Zuversicht, dass der Aufschwung der Erneuerbaren anhält, sorgt bei der polnischen Gewi-Tochter unterdessen auch der mögliche Regierungswechsel, nachdem die bislang regierende PiS-Partei die Mehrheit verfehlte. "Die neue Regierung, die sich im Aufbau befindet, wird sich viel stärker für die Entwicklung der Erneuerbaren einsetzen", ist Kucharska überzeugt. "Die ganze Branche freut sich über die Veränderung."

Zwar hat die polnische Regierung zuletzt einige Gesetzesvorhaben beschlossen, die den Ausbau von Erneuerbaren Energien voranbringen sollen. So hob sie mit der Umsetzung der EU-Richtlinie "RED II" etwa die Genehmigungspflicht für PV-Anlagen bis 150 kW auf. Außerdem wurde die lange geltende 10H-Regel für Windkraftanlagen durch einen Mindestabstand von 700 Metern ersetzt. Jedoch fiel die PiS-Regierung auch durch zahlreiche Markteingriffe auf, die Anlagenbetreiber und Investoren verunsicherten. So gilt etwa die Erlösabschöpfung für Erneuerbaren-Anlagen in Polen bis zum Jahresende – statt nur bis zum Sommer wie in Deutschland. Die Erneuerbaren-Branche in Polen ist jedoch optimistisch, dass sie nun noch mehr Rückenwind erhält. (jk)

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