Im ersten Halbjahr 2019 war in allen westeuropäischen Ländern ein starker Rückgang bei der Kohleverstromung zu verzeichnen. 22 Prozent waren es in Deutschland, sogar 79 Prozent in Irland. In fast allen westeuropäischen Ländern gab es Tage, an denen stundenweise die Kohleverstromung auf Null oder fast Null heruntergefahren wurden. In Irland, Frankreich und Großbritannien betrug der Kohleanteil am produzierten Strom weniger als 2 Prozent, in Spanien und Italien 6 Prozent. Im Mai wurden in Großbritannien erstmals seit Beginn des industriellen Zeitalters alle Kohlekraftwerke vom Netz genommen – und das für volle zwei Wochen.
Dies ist das Szenario, vor dem die englische Klimaschutzorganisation Sandbag mit den Bilanzen der deutschen Braunkohlekraftwerke analysiert hat. Die Briten kommen zu dem Ergebnis, dass die deutsche Braunkohleverstromung derzeit unrentabel ist und es voraussichtlich auch bleiben wird. Für rund die Hälfte aller Betriebsstunden von März bis Juni 2019 ermittelte Sandbag einen negativen Saldo, rechnerisch kam in dieser Zeit ein Verlust von 664 Mio. Euro zusammen.
Gewinne binnen Jahresfrist halbiert
Insgesamt sanken laut Sandbag die Bruttogewinne der deutschen Braunkohlekraftwerke im ersten Halbjahr 2019 um 54 Prozent auf 513 Mio. Euro. Für denselben Vorjahreszeitraum standen noch 1,11 Mrd. Euro in den Büchern. Kraftwerksblöcke, die vor 1990 ans Netz gegangen sind, haben demnach im selben Zeitraum sogar einen noch stärkeren Gewinnrückgang verzeichnet, und zwar von 500 Mio. auf 188 Mio. Euro – ein minus von 62 %. Sandbag rechnet vor, dass diese Kraftwerke ihre Fixkosten damit nicht mehr decken konnten.
Diese Entwicklung dürfte noch an Dramatik zunehmen. Aus den aktuellen Terminpreisen für Strom sowie für CO2-Zertifikate ergibt sich, dass für die vor 1990 errichteten Braunkohlemeiler im Zeitraum 2020 bis 2022 ein Verlust von 1,8 Mrd. Euro zu erwarten ist. Aber auch die neueren Kraftwerksblöcke werden gemäß Sandbag kaum noch nenneswerte Gewinn machen. „Die Zeiten von 24/7-Grundlastversorgung mit Braunkohlestrom sind vorbei, die Cash Cow am Ende“, kommentiert Sandbag.
Kritik von RWE
Die Gründe für den Niedergang der Braunkohle liegen offen zutage. Der CO2-Preis hat sich fast versechsfacht, andererseits drängen immer größere Kapazitäten an Erneuerbarer Energie die fossilen Rohstoffe aus dem Markt. Aktuell kommt dann noch ein historisch niedriger Gaspreis hinzu. Deswegen nahm zum Beispiel EnBW sein großes Kraftwerk im sächsischen Lippendorf vom Netz nehmen. Und das, obwohl Lippendorf mit einem Produktionsleistung von 20 Jahren eher zu den jüngeren und vergleichsweise effizienten anlagen zählt.
RWE übt nun Kritik an den Autoren der Sandbag-Studie: „Nicht nur wir, sondern auch Analysten meinen, dass sich die zugrundeliegenden Preise auch durchaus anders entwickeln könnten“, so ein Sprecher gegenüber Energate. Die Einzelblockbetrachtung sei schwierig und gehe an der Realität vorbei. Anderes als die britischen Klima-Lobbyisten erwartet RWE einen Rohgewinn seiner Braunkohle- und Kernkraft-Sparte von 300 bis 400 Mio. Euro für das Jahr 2019. Unbeschadet dessen fordert RWE von der Bundesregierung aber auch 1,2 bis 1,5 Mrd. Euro an Entschädigung pro Gigawatt Braunkohlekapazität, die vorzeitig vom Netz geht. (sig)



