Die europäischen Großhandelspreise für Strom könnten als Folge der Coronakrise im laufenden Jahr um 20 Prozent unter dem Vorkrisenniveau bleiben. Sollte sich die Weltwirtschaft im Jahr 2021 nur langsam erholen, ist sogar ein weiteres Absinken auf 30 Prozent unter das Vorkrisenniveau möglich. Der deutsche Grundlaststrompreis könnte 2021 sogar um bis zu 36 Prozent zurückgehen. Das sind zwei der zentralen Ergebnisse einer Strompreisprognose der norwegischen Klassifikationsgesellschaft DNV GL zu den Auswirkungen der Pandemie auf den europäischen Großhandelsmarkt.
Die Analysten von DNV GL gehen davon aus, dass die jährlichen CO2-Emissionen aus der Stromerzeugung um mehr als 100 Mio. Tonnen sinken werden. Gründe hierfür seien die geringere Stromproduktion und das gleichzeitig fortschreitende Fuel Switching von Kohle zu Gas, das durch das gleichbleibend hohe CO2-Preisniveau getrieben wird. Es wird erwartet, dass der europäische Gasbedarf für die Stromerzeugung insgesamt auf einem ähnlichen Niveau wie vor der Krise bleiben wird. Für Italien und Spanien wird allerdings ein deutlich geringerer Gasbedarf für die Stromerzeugung prognostiziert.
Szenario 1: Rasche Erholung
DNV GL hat zwei Szenarien ausgewertet, um die Auswirkungen der Corona-Krise auf den europäischen Stromgroßhandelsmarkt zu analysieren. Das Szenario einer V-förmigen Erholung wäre durch eine positive BIP-Wachstumsrate für die europäischen Volkswirtschaften in vierten Quartal dieses Jahres gekennzeichnet. In dieser Konstellation würden die Wirtschaftstätigkeit und der Stromverbrauch vergleichsweise rasch wieder in Fahrt kommen und sich die Weltwirtschaft bis 2021 relativ schnell erholen.
In diesem Szenario würde der europäische Stromverbrauch im laufenden Jahr um vier Prozent niedriger ausfallen als im Vorjahr und 2021 nochmals um drei Prozent sinken. Die Rohstoffpreise (Kohle, Gas, CO2) folgen den aktuellen Terminmärkten bis Ende 2021, was zu Fuel Switching von Kohle zu Gas führt, insbesondere im zweiten und dritten Quartal dieses Jahres.
Szenario 2: Langsame Erholung
Das Szenario einer „U-förmigen Erholung“ beinhaltet hingegen anhaltende Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit und die Stromnnachfrage im laufenden Jahr und eine allmähliche Erholung der Weltwirtschaft 2021. Sowohl im laufenden Jahr und 2021 würde in dieser Konstellation die Stromnachfrage um jeweils sechs Prozent niedriger ausfallen. Die Preise für Kohle, Gas, CO2 folgen zunächst den aktuellen Terminmärkten und bleiben bis 2021 unter Druck, was zu Fuel Switching von Kohle zu Gas führt, insbesondere im Jahr 2020.
Steigende Stromimporte denkbar
Für das laufende Jahr haben die Stromerzeuger ihre Erzeugungsmengen bereits weitgehend abgesichert. Für 2021wird laut DNV GL dagegen die derzeitige Unsicherheit zu einer hohen Nachfrage nach Absicherungsgeschäften führen, um die Stromproduktion 2021 bereits im Vorfeld an Händler, Industrie und Versorger zu verkaufen.
Da die Wirtschaftlichkeit der Stromerzeugung aus Steinkohle durch die Corona-Krise erheblich beeinträchtigt wird, könnte im Falle einer langsamen Erholung der Weltwirtschaft eine frühere vorübergehende oder endgültige Stilllegung einiger Steinkohlekraftwerke in den Blick kommen. Deutschland könnte in diesem Fall zeitweise verstärkt Strom importieren – ein Trend, der bereits 2019 zu beobachten war. (hoe)
