Das Eigenheim-Segment im PV-Markt steht vor einer ungewissen Zukunft. (Symbolbild)

Das Eigenheim-Segment im PV-Markt steht vor einer ungewissen Zukunft. (Symbolbild)

Bild: © Patrick Pleul/dpa

Kommt er nun oder nicht, der große Markteinbruch bei privaten Photovoltaik(PV)-Anlagen? Die Verbände sind sich einig: ja, und zwar heftig. Das Bundeswirtschaftsministerium winkt ab. Beide Seiten haben Argumente.

Kernpunkt der Auseinandersetzung ist der Referentenentwurf zur Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG 2027), den Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vorgelegt hat. Der Entwurf kappt die dauerhafte Einspeisevergütung für neue Dachanlagen unter 25 Kilowatt (kW) – also genau jene Anlagengröße, die typischerweise auf Einfamilienhäusern steht und in den vergangenen Jahren den Boom auf dem deutschen Solarmarkt getragen hat. Stattdessen sollen Betreiber ihre überschüssige Einspeisung künftig selbst direkt vermarkten.

Das Ministerium begründet den Schnitt so: Steuergelder sollen "dort eingesetzt werden, wo sie die größte Wirkung erzielen". Gemeint sind Freiflächen-PV-Anlagen, die über ihre Größe günstiger Strom erzeugen als Kleinstanlagen, welche sich, laut Ministeriumsansicht auch ohne Förderung rechnen.

So ordnet Reiche den Plan ein: Das EEG wandle sich vom "Rundum-Sorglos-Paket" zum "zielgerichteten Absicherungsinstrument". Als Übergangslösung gibt es für drei Jahre eine abgesenkte Einspeisevergütung von 5,2 Cent je Kilowattstunde (kWh), danach für vier weitere Jahre einen Direktvermarktungsbonus.

Zahlen des Ministeriums widersprechen

Doch im Entwurf selbst liegt bei genauerem Hinsehen ein Widerspruch vor, den der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) herausgearbeitet hat: So rechnet das Ministerium laut Gesetzentwurf in den kommenden Jahren mit lediglich 90.000 zusätzlichen Direktvermarktungsfällen pro Jahr im PV-Segment bis 100 kW.

Bliebe die PV-Nachfrage gegenüber 2025 stabil, bräuchte es aber über 400.000 solcher Fälle jährlich. Die Differenz lässt sich kaum anders interpretieren: Das Ministerium selbst erwartet einen massiven Rückgang im Heimsegment, auch wenn Ministerin Reiche das öffentlich anders darstellt.

"Das Schadenspotenzial der ab 2027 für neue Solarstromanlagen geplanten Einschnitte wäre erschreckend hoch", sagt Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des BSW-Solar. Nach Umfragen in der Branche und unter Immobilienbesitzern würde die PV-Nachfrage bei Privathaushalten und Kleingewerbe um mehr als zwei Drittel einbrechen.

Dabei verdient das Argument des Ministeriums, kleine Anlagen rechneten sich ohnehin, eine genauere Betrachtung: Das stimmt für viele Anlagen mit hohem Eigenverbrauch – also dort, wo Strom selbst verbraucht wird, bevor er ins Netz fließt.

Wer aber viel einspeist, etwa weil er tagsüber nicht zu Hause ist, verliert mit dem Wegfall der Vergütung einen wesentlichen Teil seiner Wirtschaftlichkeitsgrundlage. Der Satz "rechnet sich auch ohne Förderung" gilt nicht pauschal.

Mehr dazu hier: Nach EEG-Förderung: So bleiben PV-Anlagen wirtschaftlich

Direktvermarktung: Noch nicht für kleine Anlagen

Welche Idee hinter dem Systemwechsel steckt, ist nachvollziehbar. Großanlagen vermarkten ihren Strom längst direkt, reagieren auf Preissignale und entlasten so das Netz. Jährlich drei Milliarden Euro Redispatch-Kosten, weil Erzeugung und Netzkapazität nicht zusammenpassen, sind ein reales Problem. Der Übergang zu mehr Marktverantwortung ist energiepolitisch begründbar.

Das Problem: Die Direktvermarktung kleiner Mengen scheitert bisher an der Infrastruktur, nicht am Konzept. Intelligente Messsysteme – Grundvoraussetzung für jede sinnvolle Direktvermarktung – sind im Eigenheimbereich noch längst nicht flächendeckend installiert. Standardisierte, kostengünstige Direktvermarktungsprodukte für Anlagen unter 25 kW gibt es kaum.

"Für eine funktionierende Energiewende brauchen wir Verlässlichkeit", sagt Alexander Neuhäuser, Hauptgeschäftsführer beim Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH). Der Verband vertritt rund 49.000 Handwerksbetriebe mit mehr als 451.000 Beschäftigten. "Eine Förderung für neu gebaute kleine Anlagen auf drei Jahre zu begrenzen und die Verlängerung offenzulassen, schafft diese Sicherheit nicht, zumal die Perspektive für die Direktvermarktung fehlt."

Der Bundesverband des Solarhandwerks (BDSH) warnt vor einer umgekehrten Logik: Es könne nicht sein, dass Flexibilitätspotenziale ungenutzt blieben, weil Netzbetreiber den Smart-Meter-Rollout nicht stemmen. Das Marktmodell komme also vor der Marktinfrastruktur – das sei das strukturelle Problem des Referentenentwurfs.

Gewerbedächer: Weniger Förderung, höhere Kosten

Neben den Eigenheimen dreht das Ministerium dabei auch beim Gewerbesegment gleich an mehreren Stellschrauben. Die Ausschreibungsmengen für große Aufdachanlagen zwischen 40 und 750 kW sinken von bislang 2300 Megawatt (MW) auf künftig 1500 MW pro Jahr – ein Rückgang um 35 Prozent. Gleichzeitig steigt der Ausschreibungshöchstwert um zehn Prozent auf 9,9 Cent je kWh. Weniger Wettbewerb bei höheren Förderobergrenzen.

Das führe langfristig zu höheren Preisen und damit auch Förderkosten, meint Daniel Fürstenwerth, der die Solar-Beratung 1000 GW betreibt. Er rechnet daher bereits mit einer weiteren Kürzung. Die Frage sei nicht ob, sondern wann. "Für den Weg hin zu 1000 GW PV in Deutschland erscheint das nicht gut." Darüber hinaus will das Ministerium auch den erst 2023 eingeführten Volleinspeisebonus wieder streichen. Projekte, die Investoren auf Basis dieser Regelung bereits entwickelt haben, stehen nun vor veränderten Grundlagen.

Kommt der Einbruch?

Im Eigenheimbereich spricht vieles dafür, dass die Nachfrage 2027 deutlich zurückgeht, wenn der Entwurf so in Kraft tritt. Wer eine Anlage plant und sieht, dass die Einspeisevergütung wegfällt und die Direktvermarktung noch keine praktikable Alternative bietet, verschiebt die Investition oder lässt sie ganz fallen.

Im Gewerbesegment ist das Bild differenzierter: Dort gibt es bereits Erfahrung mit Direktvermarktung, die Anlagen sind größer und die Wirtschaftlichkeitsberechnungen robuster. Ein Einbruch ist möglich, aber kein Automatismus.

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