Stefan Kapferer ist seit Dezember 2019 Vorsitzender der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz Transmission. Zuvor war der 57-jährige Energiemanager von Mai 2016 bis Oktober 2019 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Stefan Kapferer ist seit Dezember 2019 Vorsitzender der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz Transmission. Zuvor war der 57-jährige Energiemanager von Mai 2016 bis Oktober 2019 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Bild: © 50Hertz

Von Stefan Kapferer, CEO von 50Hertz

Deutschland hat die schwierige Energieversorgungslage des vergangenen Winters gut gemeistert. Es ist eine beachtliche Leistung, dass die Abhängigkeit von russischen Energieimporten so schnell überwunden werden konnte, und auch das hohe Maß an Nichtverfügbarkeit französischer Kernkraftwerke zu keiner Versorgungskrise geführt hat. Eine Preiskrise im Energiebereich – zumindest für die Verbraucherinnen und Verbraucher – konnte zudem abgefedert werden.

Das lag vor allem daran, dass viele Herausforderungen schnell erkannt und pragmatisch angegangen wurden. Dazu gehören etwa die schnelle Genehmigung und der dann folgende Bau notwendiger LNG-Terminals, die Rückkehr wichtiger Kraftwerkskapazitäten an den Strommarkt, die Möglichkeiten zur Höherauslastung der Stromnetze und die Maßnahmen zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren beim Ausbau der Erneuerbaren und der Netze. Und nicht zu vergessen – der sparsame Umgang vieler Bürgerinnen und Bürger und der Wirtschaft mit Energie.

Mehr Pragmatismus bei der Energiewende

Das alles zeigt: Das vielbeschworene Deutschland-Tempo ist möglich. Daher müssen wir die guten Erfahrungen des letzten Winters nutzen, um wichtige Infrastrukturprojekte für die Energiewende voranzubringen. Gerade im Bereich des Netzausbaus brauchen wir erheblich mehr Tempo. Mehr Tempo bei den Genehmigungen, mehr Tempo beim Ausbau selbst. Die aktuelle Bundesregierung hier viele richtige und wichtige Maßnahmen auf den Weg gebracht.

Jetzt kommt es aber auch auf ein grundlegendes Umdenken derjenigen an, die diese Infrastrukturprojekte umsetzen müssen und sollen. Das betrifft Genehmigungsbehörden, das betrifft aber auch Unternehmen. „Wir müssen lernen, dass die Energiewende Mut erfordert“, voranzugehen. Konkret bedeutet das, beim Ausbau der Energieinfrastrukturen nicht immer nur die perfekte Lösung anzustreben. Oftmals ist die pragmatischere und zügige Lösung die bessere.

Investitionsanreize in gesicherte Kapazitäten

Bereits in jeder sechsten Stunde deckten im vergangenen Jahr die Erneuerbaren Energien den Strombedarf des 50Hertz Netzgebiets zu 100 Prozent ab. Das ist eine gute Nachricht für den Klimaschutz und für den Strompreis. Unsere Analysen haben deutlich gezeigt, dass eine hohe Einspeisung durch Erneuerbare Energie zur Dämpfung der Strompreis an den Großhandelsmärkten geführt hat.

Trotz dieser guten Nachricht dürfen wir jedoch zwei Tatsachen nicht aus dem Blick verlieren:

Erstens: Wir brauchen auch in Zukunft zuverlässige Backup-Kapazitäten, die immer dann einspringen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Gegenwärtig erledigen vor allem Kohlekraftwerke diesen Job. Wenn wir bis 2030 aus der Kohleverstromung aussteigen wollen, braucht es daher dringend Investitionsanreize in neue gesicherte Kraftwerkskapazitäten.

VNB leisten bei EE-Integration Enormes

Zweitens: Der weiter steigende Anteil der Erneuerbaren Energien im Kombination mit einem zukünftig durch die stärke Elektrifizierung von Wärme und Verkehr einhergehenden steigenden Strombedarf, stellt enorme Herausforderungen an den Netzausbau. Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber haben ermittelt, was an Höchstspannungsnetzausbau notwendig ist, um bis 2045 eine klimaneutrale Stromversorgung zu ermöglichen. Das Ergebnis: Für ein Klimaneutralitätsnetz brauchen wir mehrere tausend Kilometer neue Stromleitungen – die meisten davon bereits bis 2037.

Das ist quasi morgen. Für das Netzgebiet von 50Hertz heißt das zum Beispiel: Im Vergleich zum bisher geplanten Ausbaubedarf verdoppeln sich durch den neuen Netzentwicklungsplan in etwa die neu zu bauenden Leitungskilometer (von 1750 auf etwa 3200 km), die Anzahl neuer Transformatoren (von 120 auf 235) und der Schaltfelder in Umspannwerken (von 575 auf 1000).

Netzbetreiber müssen an einem Strang ziehen

Klar ist dabei auch: Eine erfolgreiche Integration der Erneuerbaren Energien gelingt nur, wenn Übertragungsnetzbetreiber und Verteilnetzbetreiber eng und pragmatisch zusammenarbeiten. Was die Verteilnetzbetreiber schon heute beim Anschluss von Wind- und PV-Anlagen auf ihrer Netzebene leisten ist enorm. ÜNB und VNB müssen an einem Strang ziehen: In der 50Hertz-Regelzone bauen wir hier auf sehr gute Erfahrungen mit den direkt an unser Netz angeschlossenen Verteilnetzbetreibern auf, die wir weiter vertiefen werden. (hil)

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