Die Stahlindustrie gilt als einer der größten CO2-Emittenten und muss dabei bis 2050 CO2-neutral sein.

Die Stahlindustrie gilt als einer der größten CO2-Emittenten und muss dabei bis 2050 CO2-neutral sein.

Bild: © Industrieblick/stock.adobe.com

Der Fernwärmeverbund Niederrhein Duisburg/Dinslaken plant die industrielle Abwärmenutzung weiter auszubauen. Welche Pläne gibt es konkret?

Der Fernwärmeverbund Niederrhein Duisburg/Dinslaken (FVN) bezieht in größerem Umfang unvermeidbare Abwärme aus der Stahlproduktion und der chemischen Industrie. Am Standort der thyssenkrupp Steel Europe AG (tkse) in Duisburg-Bruckhausen speisen aktuell drei Wärmeauskopplungsanlagen in die Fernwärmeverbundschiene Niederrhein ein. Darüber hinaus wird aus unterschiedlichen Anlagen der chemischen Industrie an Standorten in Moers und Duisburg-Homberg unvermeidbare Abwärme bezogen. Gegenwärtig wird unser Fernwärmenetz mit rund 30 Prozent aus industrieller Abwärme gespeist, was einer Wärmemenge von circa 250 - 300 GWh pro Jahr entspricht.

Aus unserer Sicht ist die Nutzung vorhandener, unvermeidbarer Abwärmepotenziale die sinnvollste Lösung zur Erreichung der Klimaziele in der Fernwärme.  Daher ist der weitere Ausbau von Abwärmequellen der logische Schritt auf dem Weg zur komplett klimaneutralen Fernwärmebereitstellung. Dazu ist eine weitere Abwärmeauskopplung mit einer Wärmeleistung von rund 35 MW am Standort der tkse in Duisburg geplant.  Mit Inbetriebnahme dieser zusätzlichen Anlage prognostizieren wir einen Anstieg des Anteils der Abwärme an unserer Wärmeeinspeisung auf rund 40 Prozent.

Kurze Investitionszyklen in der Industrie sind eine Herausforderung

Warum setzen Sie so stark auf Abwärme in der Fernwärmeversorgung?

Als Fernwärmeversorger am Niederrhein haben wir einen klaren Standortvorteil durch die direkte Nähe zum Werksgelände der tkse und können damit auf ein großes Angebot an Potenzialen unvermeidbarer Abwärme auf hohem Temperaturniveau zurückgreifen. Allerdings ist die Nutzung industrieller Abwärme auch mit zum Teil erheblichen Risiken verbunden, die nur teilweise durch die Förderung der Projekte aus öffentlichen Mitteln abgefedert werden. Dennoch bietet die Nutzung der klimaneutralen Wärme auch Chancen zum weiteren Ausbau der Wärmenetze, die sich zum Teil auch auf Grund der bisherigen Nutzung klimaneutraler Wärmequellen in deren Umfeld entwickelt haben. Durch die derzeitige Nutzung der Abwärmequellen sparen wir aktuell jährlich rund 60.000 Tonnen CO2 ein.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen bei der Abwärmenutzung?

Die größten Herausforderungen bei der Initialisierung von Abwärmeprojekten bestehen unserer Meinung nach in den bestehenden Risken durch den Ausfall der Produzenten, die bisher kaum abgesichert werden können. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, um sehr aussichtsreiche Projekte zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen an zu stoßen.

Die im Vergleich zur Versorgungsbranche sehr kurzen Investitionszyklen in der Industrie sind ein weiterer Faktor, der die Vertragsgestaltung zur Umsetzung von Projekten maßgeblich erschweren und in Bezug auf Standort- oder Produktionsentscheidungen zu Konfliktpotentialen führen kann. Der Versorger muss in erster Linie sicherstellen, dass seine Kunden sicher, klimaneutral und bezahlbar mit Wärme beliefert werden. Insbesondere bei der Abwärmelieferung nach Können und Vermögen ist eine zusätzliche Absicherung der kontrahierten Wärmeleistung erforderlich, was weitere Kosten verursacht und Investitionsmittel bindet.  

Ausfallbürgschaften oder Risikofonds wären eine Möglichkeit

Wie müsste die Politik aus Ihrer Sicht auf diese Hemmnisse reagieren?

Um Ausfallrisiken neu zu erschließender Abwärmequellen abzufangen, wäre eine Risikoabdeckung über z.B. Ausfallbürgschaften oder Risikofonds sehr hilfreich. Des Weiteren müssen die Förderrahmen für Investitionen in Projekte zur Nutzung unvermeidbarer Abwärme stärker an den Bedarf angepasst und die Beantragung von Fördermittel unbürokratischer gestaltet werden.

Die Fragen stellte Lisa Marx

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