Fernwärmerohre gehen von einem Heizkraftwerk ab. Das Fernwärme-Potenzial in Deutschland ist regional sehr unterschiedlich. (Symbolbild)

Fernwärmerohre gehen von einem Heizkraftwerk ab. Das Fernwärme-Potenzial in Deutschland ist regional sehr unterschiedlich. (Symbolbild)

Bild: © focus finder/AdobeStock

Für Millionen Haushalte in Deutschland ist die Frage längst nicht mehr abstrakt: Womit wird in Zukunft geheizt? Eine Wärmepumpe, ein Gasanschluss – oder vielleicht doch Fernwärme? Welche Option sinnvoll und wirtschaftlich ist, hängt stark vom Wohnort ab.

Das zeigt der Fernwärmeatlas, den das Basler Beratungsunternehmen Prognos im Juni 2026 veröffentlicht hat und über den "Handelsblatt" sowie "Tagesspiegel Background" vorab berichtet haben. Für jeden der 401 deutschen Kreise und kreisfreien Städte bewertet der Atlas, wie gut die strukturellen Voraussetzungen für den Fernwärmeausbau sind – und wie leicht oder schwer eine klimaneutrale Erzeugung gelingen kann.

Der Nordosten hat die Nase vorn

Das Muster ist eindeutig: Ost- und Norddeutschland sind bei der Fernwärme traditionell stark aufgestellt – und das verschafft diesen Regionen einen klaren Vorteil für den weiteren Ausbau. Berlin kommt heute auf einen Fernwärmeanteil von 35 Prozent des Wärmeverbrauchs in Wohngebäuden, Hamburg auf 29 Prozent, Mecklenburg-Vorpommern auf 23 Prozent.

Dort, wo bereits Netze liegen, sind Verdichtung und Erweiterung deutlich günstiger als ein Neuaufbau von Grund auf. Prognos fasst es knapp zusammen: "Wer hat, der kann."

Einzelne Städte stechen noch stärker hervor: In Flensburg werden bereits 94 Prozent des Wärmeverbrauchs in Wohngebäuden über Fernwärme gedeckt, in Wolfsburg sind es 74 Prozent, in Rostock 55 Prozent.

Bundesweit liegt der Fernwärmeanteil bei Wohngebäuden derzeit bei zehn Prozent. Prognos sieht darin erst den Anfang: Theoretisch könnte Fernwärme ihren Beitrag verfünffachen und künftig knapp die Hälfte des Wärmebedarfs der Wohngebäude abdecken – das wären rund 253 von 522 Terawattstunden (TWh). Zum Vergleich: In Dänemark liegt der Fernwärmeanteil bereits bei rund 66 Prozent, in Schweden bei etwa 75 Prozent.

Städte schlagen Fläche

Ein zentraler Befund des Atlas: In kreisfreien Städten ist der Fernwärmeanteil im Schnitt vier- bis fünfmal so hoch wie in Landkreisen – 22 Prozent gegenüber fünf Prozent. Der Grund liegt in der Wärmedichte: Je dichter besiedelt ein Gebiet ist, desto wirtschaftlicher lässt sich ein Wärmenetz betreiben. In 55 kreisfreien Städten könnte der Fernwärmeanteil laut Prognos auf über 75 Prozent steigen, wenn alle Potenziale ausgeschöpft werden.

Mehr dazu hier: Die größten Fernwärme-Netze in Deutschland

Auch für den Wärmenetzausbau gilt: Verdichtung und Erweiterung bestehender Netze sind der bevorzugte Weg. Der kostenintensive Neuaufbau von Leitungen "von Null" lohnt sich in den meisten Fällen weniger.

Sieben "Hidden Champions"

Besonders interessant für die kommunale Versorgungswirtschaft: Prognos identifiziert sieben Kreise als sogenannte "Hidden Champions" – das sind Gebiete mit aktuell niedrigem Fernwärmebestand, aber hohen Potenzialen und gleichzeitig guten oder sehr guten Gesamtvoraussetzungen.

Dazu gehören Frankenthal (Pfalz), Konstanz, Memmingen, Neustadt an der Weinstraße, Pirmasens, Straubing und Worms. Diese Städte könnten zu den Gewinnern einer forcierten Wärmewende zählen – sofern die Investitionen fließen.

Überraschend: Auch zehn Kreise in Bayern weisen sehr gute Voraussetzungen für den Fernwärmeausbau auf, obwohl das Bundesland mit einem Fernwärmeanteil von sieben Prozent bislang eher unauffällig ist.

Wo die Dekarbonisierung leichter gelingt

Neben dem Netzausbau bewertet der Atlas auch, wie gut die Voraussetzungen für eine klimaneutrale Wärmeerzeugung sind. Entscheidend ist dabei die Verfügbarkeit lokaler erneuerbarer Energiequellen: Geothermie, Flusswasser, Kläranlagen, Industrieabwärme und Solarthermie. In zehn Bundesländern könnten Fernwärmenetze künftig zu mehr als 50 Prozent aus solchen lokalen Quellen gespeist werden.

Besonders gut aufgestellt sind Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Bremen. Schwieriger wird es für Berlin, Sachsen und Thüringen – dort sind die lokalen erneuerbaren Potenziale geringer. Diese Regionen werden stärker auf Luft-Wärmepumpen oder Biomasse angewiesen sein, die in der Regel teurer sind.

Hotspots mit besonders günstigen Bedingungen für die Dekarbonisierung finden sich zudem dort, wo Flusswasser oder industrielle Abwärme genutzt werden kann – etwa in Karlsruhe, Gelsenkirchen, Ludwigshafen, Duisburg und Bottrop.

Gesamtbild: 19 Prozent in bester Lage

In der Gesamtschau verfügen 19 Prozent der deutschen Kreise und kreisfreien Städte über sehr gute Voraussetzungen für den Fernwärmeausbau. Weitere 49 Prozent weisen gute bis durchschnittliche Bedingungen auf. Nur wenige Gebiete – eine kreisfreie Stadt und fünf Landkreise – gelten als doppelt herausfordernd: sowohl beim Netzausbau als auch bei der Dekarbonisierung.

Für Kommunen und Stadtwerke, die gerade ihre kommunale Wärmeplanung erstellen, liefert der Atlas damit eine wichtige Orientierung. Bis 2026 müssen Städte ab 100.000 Einwohnern einen Wärmeplan vorlegen, kleinere Kommunen bis 2028. Die Frage, ob Fernwärme dabei eine tragende Rolle spielen kann, lässt sich künftig mit dem Atlas auf Kreisebene beantworten – wenn auch nicht für jedes einzelne Gebäude.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper