Beim Netzanschluss einer Wärmepumpe im Mehrfamilienhaus kann auch die Zahl der Haustüren eine wichtige Rolle spielen.

Beim Netzanschluss einer Wärmepumpe im Mehrfamilienhaus kann auch die Zahl der Haustüren eine wichtige Rolle spielen.

Bild: © ArTo / Adobe Stock

Wer eine Wärmepumpe in einem Mehrfamilienhaus nachrüstet, kann auf eine böse Überraschung stoßen: Je nach Netzbetreiber und angewandter Norm fallen Netzanschlusskosten von null bis über 50.000 Euro an – für dasselbe Gebäude und dieselbe Technik. Darauf weist das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE) hin.

Grundlage einer entsprechenden Untersuchung sind Interviews mit Netzbetreibern unterschiedlicher Größe, eine regulatorische Analyse einschlägiger Regelwerke sowie Praxisfälle aus der Wohnungswirtschaft. Aus Sicht des Fraunhofer IEE können kalkulierbare Kosten und schnellere Verfahren Investitionshemmnisse abbauen und den Heizungstausch beschleunigen. Zugleich erhielten Netzbetreiber verlässlichere Berechnungsgrundlagen und würden von aufwendigen Einzelfallprüfungen entlastet.

Zwei strukturelle Defizite

Die Forschenden machen zwei Schwachstellen im System sichtbar. Erstens fehlt bundesweit eine einheitliche Definition dessen, was ein "Standard-Anschluss" ist. Denn die Niederspannungsanschlussverordnung (NAV) erlaubt Netzbetreibern zwar, für Standardfälle Pauschalen zu erheben. Sie legt aber nicht fest, bis zu welcher Anschlussleistung das gilt. In der Praxis reichen die entsprechenden Grenzen bei drei untersuchten Netzbetreibern von 43 bis 156 Kilowatt. Wer die jeweilige Schwelle überschreitet, muss mit aufwendigen Einzelfallprüfungen und unkalkulierbaren Kosten rechnen.

Die zweite Schwachstelle: Die DIN 18015-1 wird als Berechnungsgrundlage für den Haushaltsbedarf von Mehrfamilienhäusern eingesetzt, obwohl sie ursprünglich für die Bemessung von Hauptleitungen innerhalb von Gebäuden entwickelt wurde. Die Norm arbeitet mit pauschalen Sicherheitsaufschlägen, die den tatsächlichen Leistungsbedarf im Vergleich zu messdatenbasierten Werksnormen um bis zum Faktor 2,5 überschätzen können, heißt es im Fraunhofer-Papier.

Konkret: Bei einem Mehrfamilienhaus mit acht Wohneinheiten und einer geplanten Wärmepumpe mit 20 Kilowatt kann die Berechnung nach DIN eine Kapazitätserhöhung von 20 Kilowatt und Kosten von bis zu 5100 Euro ergeben – während eine Werksnorm keinen Anpassungsbedarf erkennt und die Kosten bei null Euro liegen.

"Die Netzanschlusskosten von Wärmepumpen im Mehrfamilienhausbestand lassen sich erheblich senken, wenn wir konsequent auf Best Practices der Netzbetreiber und auf reale Messdaten statt pauschaler Sicherheitsaufschläge setzen", sagt Elias Dörre vom Fraunhofer IEE. Er verweist dabei auf ein strukturelles Problem: Durch die gleichzeitige Wärme- und Verkehrswende werden die Leistungsgrenzen pauschaler Standardanschlüsse zunehmend überschritten.

Kostenunterschiede bis Faktor drei

Noch drastischer wirken sich die TAB – die Technischen Anschlussbedingungen – bei Zeilenbauten aus. Diese definieren ein Gebäude als einen Hauseingang mit einer Hausnummer. Ein Mehrfamilienhaus mit 50 Wohneinheiten und einem einzigen Hauseingang gilt danach als ein Gebäude. Dasselbe Haus mit fünf Hauseingängen gilt als fünf separate Gebäude. Die berechnete Anschlussleistung unterscheidet sich dadurch um den Faktor 2,9 – mit entsprechenden Konsequenzen für die Kosten.

Im schlimmsten Fall, wenn das öffentliche Netz vor Ort keine freie Kapazität hat, können individuelle Verstärkungsmaßnahmen – etwa eine neue Trafostation oder umfangreiche Kabelverlegungen – zwischen 15.000 und 120.000 Euro kosten. Zudem dauern solche Verfahren sechs bis 24 Monate. "Die dann anfallenden individuellen Mehrkosten können die Investition in eine Wärmepumpe im Mehrfamilienhaus leicht verdoppeln", warnt Christopher Graf vom Fraunhofer IEE.

Fünf Hebel für planbare Netzanschlüsse

Das Papier des Fraunhofer IEE empfiehlt mehrere Ansätze, die mehr Planungssicherheit schaffen sollen. An erster Stelle steht eine bundesweite Standardisierung der Pauschalgrenzen für Netzanschlüsse. Damit könnten Eigentümer Kosten früher kalkulieren. Netzbetreiber wiederum könnten mehr Anschlussbegehren ohne Einzelfallprüfung bearbeiten.

Parallel dazu sollen datenbasierte Normen die zweckentfremdete DIN-Norm ersetzen oder ergänzen. Dabei solle auch die eingesetzte Warmwassertechnologie berücksichtigt werden: Ein Elektro-Kleinspeicher etwa erzeugt einen deutlich geringeren Leistungsbedarf als ein elektrischer Durchlauferhitzer.

Als dritter Hebel könne dynamisches Lastmanagement verhindern, dass seltene Leistungsspitzen eine kostspielige Netzanschlussverstärkung erzwingen. Heben Nummer vier sei eine differenzierte Baukostenzuschuss-Regelung für Wärmepumpen, gestaffelt nach Wohneinheiten, mit Freigrenzen etwa für Ladeinfrastruktur. Hebel Nummer fünf schließlich sei ein vorausschauender Netzausbau basierend auf Wärme- und Verkehrswende-Szenarien statt reaktiver Einzelmaßnahmen. Für höhere Netzebenen sei dies bereits gängige Praxis, nicht aber fürs Verteilnetz.

Auf Wohnungsunternehmen und Netzbetreiber kommt das Whitepaper gesondert zu sprechen: Beide Seiten können auch ohne neue Regelwerke aktiv werden. Wohnungsunternehmen können ihre Gebäudeportfolios frühzeitig auf kritische Netzanschlüsse prüfen und Lastgangmessungen durchführen. Netzbetreiber wiederum können Smart-Meter-Daten für realistischere Berechnungsansätze nutzen und verfügbare Anschlusskapazitäten transparenter kommunizieren, so die Forschenden des Fraunhofer IEE.

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