Um die steigende Nachfrage für Fernkälte in der bayerischen Hauptstadt decken zu können, bauen die Stadtwerke München das Fernkältenetz in der Innenstadt mit seinen bisher drei Kältezentralen seit Jahren aus. Nun beginnen die Arbeiten für den Anschluss eines weiteren Erzeugungsstandorts: Ab Ende 2021 soll unter anderem mit Geothermie erzeugte Kälte vom Energiestandort Süd in Sendling durch die Isarvorstadt und Ludwigsvorstadt in die City strömen, da sich die Innenstadt in den Sommermonaten laut den SWM immer stärker erwärmt. In die Gesamtbaumaßnahme aus Erzeugung und Leitungsbau investieren die Stadtwerke rund 80 Millionen Euro.
Am Energiestandort Süd erzeugen die SWM bislang Strom und Fernwärme aus Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Der technische Geschäftsführer der SWM Helge-Uve Braun: „Im Heizkraftwerk Süd erzeugen unsere erdgasbetriebenen Turbinen Strom, die heiße Abwärme wird in Fernwärme umgewandelt. Bis zu 90 Prozent der Energie aus dem Erdgas werden so genutzt – damit ist die KWK eine der effektivsten und klimafreundlichsten konventionellen Erzeugungsmethoden. Zudem modernisieren die SWM derzeit die Turbinenanlagen, wodurch eine noch bessere Energieausbeute möglich wird.“
Zur Heizsaison 2021 wird die Wärmeerzeugung durch Deutschlands bislang größte Geothermieanlage unterstützt, die die SWM derzeit direkt daneben errichten. Sie wird Fernwärme für mehr als 80.000 Münchner erzeugen. Am Energiestandort Süd wird die vorhandene Wärme aus Geothermie und KWK aber auch zur Fernkälteerzeugung genutzt. In Absorptionskältemaschinen wird die vorhandene Wärme in Fernkälte umgewandelt und über die neu entstehende Transportleitung den Kundinnen und Kunden entlang der Trasse sowie in der Innenstadt zur Verfügung gestellt.
„Lange Leitung“ gegen die Wärmeglocke
„Wir erzeugen die Fernkälte zentral und verteilen sie über Rohrleitungen an die Abnehmer. Erneuerbare Energien leisten einen erheblichen Beitrag zur Kälteerzeugung. Dadurch sinkt die CO2-Belastung deutlich. Zudem entfallen individuelle Klimaanlagen in den Gebäuden und deren Abwärme vor Ort. Damit wirkt die Fernkälte der sommerlichen Hitzeglocke über der Innenstadt sowie der Gesamterwärmung Münchens entgegen“, nennt Braun die Vorteile der Technologie.
Für die rund fünf Kilometer lange Kälte-Transportleitung laufen die Vorarbeiten bereits seit Ende März. In den Wochen nach Ostern sollen die Hauptmaßnahmen beginnen und die gesamten Baumaßnahmen bis Herbst 2021 abgeschlossen sein. Technischer Geschäftsführer Braun: „Die Fernkälte-Arbeiten werden mit den vielen anderen Baumaßnahmen in der Stadt abgestimmt durchgeführt. Deshalb gelten hier herausfordernde Zeitpläne. Dazu kommt, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie auch die Baubranche erreicht haben. Es kann hier also teils zu Verzögerungen kommen, die eine Neuplanung der Abläufe und der Bauzeiten notwendig machen." Man versuche, durch vorausschauende Planung und möglichst flexible Durchführung, diese so gering wie möglich zu halten.
Fernkälte ist gefragt
Schon mehr als 60 Hotels, Bürogebäude und Warenhäuser allein in der City werden laut den Stadtwerken mit klimafreundlicher M-Fernkälte versorgt, der Anschluss von rund 60 weiteren Immobilien sei bereits in der Projektierung. Das Innenstadtnetz ist aktuell gut zwölf Kilometer lang und wachse jedes Jahr weiter.
Hier wird in bislang drei Fernkältezentralen die natürliche Energie des unterirdisch fließenden westlichen Stadtgrabenbachs genutzt – im Winter ausschließlich, sonst unterstützt von Kompressionskältemaschinen. Mit dem kalten Bachwasser sind Energieeinsparungen gegenüber individuellen Kälteanlagen von rund 70 Prozent möglich.
Weitere Kältequellen
Neben der Innenstadt setzen die SWM auch an bald sieben anderen Stellen in der Stadt auf die natürliche Kälte des Grundwassers. Dabei gehen sie noch einen Schritt weiter: Im Fernkältenetz in Moosach etwa, in das auch die SWM-Zentrale eingebunden ist, wird die Abwärme aus dem städtischen Rechenzentrum zur Vorwärmung des Beckenwassers im nahegelegenen Dantebad sowie – über Wärmepumpen – zur Wärmeversorgung von 114 neuen SWM-Werkswohnungen genutzt. Ebenso soll das Fernkältenetz in naher Zukunft die Eisfreihaltung des neuen MVG-Busbetriebshofs gewährleisten. Durch die Kopplung von Kälte- und Wärmebedarf, wo immer möglich, sorge man zudem dafür, dass das genutzte Grundwasser weit geringer erwärmt wird, als es die strengen Umweltauflagen erlauben, so die SWM. (sg)
