Michael Seidel und Olaf Unruh vom Aachener Beratungsunternehmen BET verzeichnen derzeit zahlreiche Anfragen von Stadtwerken und Netzbetreibern, aber auch von Kommunen mit Blick auf die Zukunft ihrer Gasnetze. Im ZfK-Interview sprechen Sie über den Auf- und Ausbau von Geschäftsmodellen im Wärmebereich, den wirtschaftlichen Weiterbetrieb der Infrastruktur, aber auch um den stagnierenden Wettbewerb um Gasnetzkonzessionen und eine neue Art von Konzessionsverträgen.
Wie viel von der heutigen Gasnetzinfrastruktur wird nach Ihrer Prognose nach 2045 noch benötigt?
Olaf Unruh: Wir gehen davon aus, dass künftig noch etwa 20 bis 30 Prozent der heutigen Netzlänge gebraucht wird und gebietsabhängig bis zu 50-70 Prozent des konventionellen Gasverbrauchs ab 2045 künftig nicht mehr benötigt werden könnte. Ein Großteil dieser heutigen Gasversorgung wird durch den Ausbau der erneuerbaren Nah- und Fernwärme substituiert werden.
Die Rendite für diese Wärmelösungen ist aktuell höher als für die Wärmebereitstellung aus Gas. Hier ist es von Vorteil, dass Wärme ein nicht reguliertes Geschäft ist und in der Regel die Vertragslaufzeiten länger sind als bei klassischen Energielieferverträgen. Ein vollintegriertes Stadtwerk kann sich in dieser Konstellation als Systemlieferant im Prinzip gut etablieren.
Lassen sich Gasnetze in Zukunft überhaupt noch wirtschaftlich betreiben?
Michael Seidel: Die Frage, wie wir regulatorisch und politisch mit dem Thema Rückbau und damit auch den Rückstellungen umgehen, ist die Gretchenfragein allen Wirtschaftlichkeitsberechnungen. Wenn die Rückstellungen für den Rückbau regulatorisch nicht anerkannt werden, haben wir ein Problem.
Ich könnte mir vorstellen, dass es wie bei der Kohle irgendwann eine Entlastung in Form von Kompensationszahlungen geben wird.
Ein wirtschaftlich auskömmliches Geschäft ist dann vermutlich kaum noch möglich. Wenn das Thema Rückstellung und Rückbau nicht regulatorisch oder gesetzlich geklärt wird, hilft auch die KANU-Richtlinie nicht weiter. Sie gibt Investitionssicherheit bis 2045, dadurch können Energieversorger ihr ab 2023 verdientes Geld im Gasnetzbereich wieder zurückverdienen. Aber die Frage nach dem Bestandsnetz ist ebenso unbeantwortet wie die nach dem Rückbau.
Wie müsste ein guter regulatorischer Rahmen aussehen, der die Wirtschaftlichkeit sicherstellt?
Seidel: Aktuell ist es so, dass die Rückstellungspositionen regulatorisch nicht nur nicht anerkannt werden. Sie werden in der Bilanz sogar noch vom Vermögen abgezogen, sodass sich das verzinsliche regulatorische Eigenkapital reduziert. Diese Doppelwirkung muss dringend aufgelöst werden.
Aufgrund der hohen Abhängigkeit von den regulatorischen Rahmenbedingungen ist es für die Entscheider in den Stadtwerken schwer, gute unternehmerische Entscheidungen zu treffen. Aber der Druck ist groß. Ich könnte mir vorstellen, dass es wie bei der Kohle irgendwann eine Entlastung in Form von Kompensationszahlungen geben wird.
Stadtwerke sind der zentrale Player bei der Wärmewende. Das haben noch nicht alle Kommunen begriffen.
Hat die Branche Ihrem Eindruck nach erkannt, wie wichtig es ist, eine Gasnetz-Strategie zu erarbeiten?
Seidel: Ja, das hat sie. Sich frühzeitig mit Transformationsplänen zu beschäftigen, ist die zwingende Voraussetzung, um an Fördermittel zu kommen. Ohne die Investitionszuschüsse von immerhin 40 Prozent ist die Wärmewende für kommunale Unternehmen nicht zu schaffen. Je schneller die Transformationspläne auf dem Tisch liegen, desto größer ist der ökonomische Vorteil für das Unternehmen.
Unruh:Luft nach oben sehe ich vielerorts noch beim Zusammenspiel zwischen Stadtwerken und Kommunen. Die anstehenden Aufgaben sind so groß und vielschichtig, dass beide eng zusammenarbeiten müssen. Die Stadtwerke sind der zentrale Player, sie haben das nötige Know-how. Das haben noch nicht alle Kommunen begriffen.
Eine Gasnetzinfrastruktur kann man nicht auf das Abstellgleis schieben, ohne eine entsprechende Übergangsregeglung zu finden.
Wie optimistisch sind Sie, dass trotz all der bestehenden Fußangeln und Unwägbarkeiten letztlich eine klimapolitisch und volkswirtschaftliche sinnvolle Transformation der Gasnetz-Infrastruktur gelingen kann?
Unruh: Die Politik wird da letztlich kaum anders können. Die Wärmeversorgung hängt in Deutschland zu 50 Prozent von einer funktionierenden Gasnetz-Infrastruktur ab. Die kann man nicht auf das Abstellgleis schieben, ohne entsprechende Übergangsregelungen zu finden.
Da wird auch ein entsprechender Druck von den Bürgern kommen. Eine große Mehrheit der Menschen wird sich eine umfassende energetische Sanierung eines Hauses oder eine Wärmepumpe wohl nicht leisten können. Da kann nur der Versorger vor Ort mit alternativen Technologien für eine Lösung sorgen.
Mittlerweile überlegen Bestandskonzessionäre, ob sie sich überhaupt noch auf die bestehenden Konzessionen bewerben.
Zum Abschluss noch einmal zum Thema Gasnetzkonzessionen. Welche Auswirkungen haben die absehbaren Entwicklungsszenarien auf den Konzessionswettbewerb?
Unruh: Es gibt aktuell keinen großen Wettbewerb um Gaskonzessionen. Momentan bekommen wir allenfalls noch Bewerbungen vom bestehenden Konzessionär. Aber das verändert sich. Vor ein, zwei Jahren haben Bestandskonzessionäre noch auf ihr Bestandsgebiet, aber nicht mehr auf neue Gebiete beworben. Mittlerweile überlegen Bestandsanbieter, ob sie sich überhaupt noch auf Bestandskonzessionen bewerben.
Einerseits müssen Kommunen ja den diskriminierungsfreien Netzbetrieb bis 2045 gewährleisten, gleichzeitig muss der Netzbetrieb aber auch für den Betreiber wirtschaftlich sein. Wie kann man das lösen?
Unruh: Das zentrale Problem sind die Rückstellungen und die Rückbaukosten. Entweder die Stadt verzichtet auf einen Rückbau oder im Konzessionsvertrag wird explizit geregelt, dass es für den Betreiber keine Rückbauverpflichtung geben wird. Bleibt diese Verpflichtung aber bestehen, ist ein Weiterbetrieb auch für den Bestandskonzessionär unwirtschaftlich.
Über den Daumen gepeilt, ist ein Rückbau so teuer wie der Bau der Gasnetze. Insgesamt kann man sagen, die Kräfteverhältnisse bei den Konzessionsverfahren im Gasbereich haben sich derart verändert, dass sich mittlerweile die Kommune hier bewegen muss, damit sie den diskriminierungsfreien Zugang sicherstellen kann.
Eine Idee ist, dass sich Netzbetreiber künftig nicht um eine Gaskonzession, sondern um eine Konzession für die Wärmeversorgung bewerben.
Sie haben in dem Zusammenhang eine neue Art von Konzessionsverträgen ins Spiel gebracht, die auch Themen wie Wärmeversorgung oder grüne Gase adressieren?
Seidel: Bei den neu ausgeschriebenen Gaskonzessionen hat in den vergangenen Jahren Wasserstoff eine immer größere Rolle gespielt. Es ist aber unklar, ob und wieweit die Versorger bereit sind, ihre Netze auf Wasserstoff umzurüsten. Deshalb haben wir die Idee entwickelt, dass sich Netzbetreiber nicht um eine Gaskonzession, sondern um eine Konzession für die Wärmeversorgung bewerben. Das heißt, der potentielle Gasnetzbetreiber müsste quasi eine ganzheitliche Wärmeversorgung zusichern und gewährleisten. Das ist in erster Linie aber mal eine These, um eine Diskussion anzustoßen. Rechtlich umsetzbar ist das aktuell noch nicht.
(Die Fragen stellten Hans-Peter Hoeren und Ariane Mohl)
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Die Zukunft der Gasnetz-Infrastruktur und die Kommunale Wärmeplanung sind auch einer der Schwerpunkte in der aktuellen Printausgabe der ZfK. Diese ist am vergangenen Montag erschienen. Zum Abo geht es hier.



