Der Stichtag ist verstrichen, die meisten Großstädte haben ihre kommunalen Wärmepläne abgeliefert – doch für Tausende kleinere Kommunen beginnt die Arbeit gerade erst. Bis 2028 müssen alle rund 11.000 deutschen Kommunen einen Wärmeplan vorlegen. Ob das gelingt, hängt von Ressourcen, Netzwerken und dem richtigen Verständnis des Prozesses ab. Robert Brückmann leitet das Kompetenzzentrum Kommunale Wärmewende (KWW) in Halle und begleitet Kommunen bei diesem Vorhaben. Im Gespräch zieht er eine erste Bilanz und macht deutlich, wo es noch hakt.
Herr Brückmann, der Stichtag 30. Juni für die Großstädte ist verstrichen. Einige wenige Städte haben ihre Wärmepläne noch nicht abgeschlossen. Drohen Konsequenzen?
Rechtliche Sanktionen gibt es keine, keine Strafen, keine Bußgelder. Aber es gibt sehr wohl Konsequenzen – für die Menschen und Unternehmen vor Ort. Die haben ein dringendes Interesse daran, zu wissen, wie sie sich zukunftsfähig aufstellen können. Wer keinen Wärmeplan liefert, nimmt ihnen genau diese Orientierung. Das ist die eigentliche Konsequenz. Die gute Nachricht: Von den rund 80 Großstädten haben 74 ihren Plan bereits finalisiert und veröffentlicht und bei dreien liegt er im Stadtrat vor. Die verbleibenden drei Städte werden in wenigen Monaten nachziehen. Insgesamt läuft es da wirklich sehr gut.
Jetzt rücken die kleineren Kommunen in den Fokus. Von vielen wissen wir kaum etwas über ihren Stand. Ist das ein Warnsignal?
Ganz und gar nicht. Von 37 Prozent der Kommunen kennen wir aktuell keinen Status – aber die haben noch zwei Jahre Zeit. Das war von Anfang an so geplant: Zuerst machen die großen Kommunen den Anfang, damit Erfahrungen gesammelt und Kapazitäten im Dienstleistungssektor aufgebaut werden können. Jetzt, wo die Großstädte durch sind, kommen nach und nach die mittleren und die kleinen Kommunen dran. Viele schließen sich dabei zum Beispiel zu sogenannten Konvois zusammen und planen gemeinsam. Kurzum: Ich sehe das überhaupt nicht als Problem, sondern als einen Mehrwert.
Welche typischen Fehler machen kleine Kommunen beim Einstieg?
Der entscheidende Fehler ist, die Wärmeplanung nur als lästige Pflichterfüllung zu sehen. Wer so denkt, macht den Plan automatisch unvollständig, nicht stringent genug, nicht konsequent genug. Und schadet damit letztlich den Menschen und Unternehmen vor Ort. Wir erleben, dass sich Unternehmen bei uns melden und sagen: Bei uns hat ein kommunaler Wärmeplan stattgefunden – und wir wissen nicht, was drinsteht. Bekommen wir ein Wasserstoffnetz? Werden die Stromnetze ausgebaut? Das darf nicht passieren.
Und der zweite häufige Fehler?
Die Kommunen vergessen, dass die Wärmeplanung schon vor der eigentlichen Wärmeplanung beginnt. Es braucht intensive Netzwerkarbeit im Vorfeld. Stadtwerk, Wohnungswirtschaft, Bürger – die müssen frühzeitig einbezogen werden. Ein kommunales Wohnungsunternehmen muss wissen, ob es bald an ein gutes Wärmenetz angeschlossen sein wird – damit können auch Sanierungen priorisiert werden. Und das Stadtwerk muss wissen, mit welchen Kapazitäten es planen soll. Diese Abstimmung muss insgesamt früh passieren.
Ihre Kommunenbefragung zeigt: Begrenzte Ressourcen sind der größte Hemmschuh. Was fehlt konkret?
Das ist differenzierter, als man zunächst denkt. Kein Geld, keine Zeit, kein Personal – das sagen vor allem die Kommunen, die noch gar nicht angefangen haben. Bei denen, die den Prozess bereits begonnen haben, verlagern sich die Fragen: Dann geht es plötzlich um Datenverfügbarkeit und praktische Umsetzungsprobleme. Je näher man dem konkreten Problem kommt, desto mehr verschwinden die klassischen Vorbehalte. Was aber wirklich durch den gesamten Prozess bleibt, ist der Bedarf nach mehr Kommunikation und Austausch – das ist ein konstantes Thema, egal wie weit eine Kommune ist.
Fernwärme, Wärmepumpen, Geothermie, Wasserstoff – wie groß ist die Gefahr, dass Kommunen bei der Technologiewahl die Prioritäten falsch setzen?
Ich würde zunächst klarstellen, was ein kommunaler Wärmeplan überhaupt aussagt. Er beantwortet erst einmal nur: Befinde ich mich in einem Gebiet, das voraussichtlich dezentral versorgt wird – oder gibt es dort die Möglichkeit einer zentralen Versorgung, also zum Beispiel eines Wärmenetzes? Die genaue Technologieentscheidung kommt erst später, wenn es an die Umsetzung geht. Das ist ein iterativer Prozess. Vieles, was in den Plänen der ersten Generation steht, wird sich noch anpassen. Das ist völlig normal und auch so gewollt.
Und die Diskussion über zu optimistische Sanierungsraten?
Das stimmt, da kann es Schwächen geben. Aber auch dem lässt sich begegnen: Wenn der tatsächliche Verbrauch höher ist als geplant, kann man auf der Erzeugungsseite gegensteuern und Wärmenetze entsprechend anders dimensionieren. Der Wärmeplan ist keine finale Antwort – er zeigt einen Prozess auf, der am Ende Verbrauch und Erzeugung in Einklang bringt. Wir schauen jetzt gerade, wie wir kommunale Wärmepläne übereinanderlegen und miteinander vergleichen können – um dann auch auf regionaler und Bundesebene sehen zu können, wo welcher Infrastrukturbedarf entsteht. Hier wird der Datenraum Wärmeplanung, der gerade aufgebaut wird, ein wichtiges Instrument sein, aus dem wir Erkenntnisse ziehen werden.
Wo hakt es am häufigsten zwischen Stadtwerken, Wohnungswirtschaft und Bürgern?
Die Kommune ist in diesem Prozess der Matchmaker. Sie muss alle Beteiligten an einen Tisch bringen. Was wir konkret beobachten: Viele Stadtwerke stehen vor enormen Investitionen in den Wärmenetzausbau, müssen teils ihre Bilanzen verdoppeln. Da kann die Kommune einspringen – zum Beispiel mit Eigenkapital, das dem Stadtwerk günstigeren Zugang zu Finanzmitteln ermöglicht. Hannover hat das gemacht, Halle auch. Das sind Modelle, die wir auf unseren Veranstaltungen aktiv als Good Practices vorstellen.
Gibt es eine Stadt, die Sie als Vorzeigebeispiel nennen würden?
Das eine Vorzeigebeispiel gibt es nicht – dafür sind die Kommunen zu unterschiedlich. Aber man kann sagen, was gute Wärmepläne von bloßer Pflichterfüllung unterscheidet. Erstens: ein frühes, ernsthaftes Commitment zur Klimaneutralität. Zweitens: die Bildung von Allianzen, in denen alle Akteure zusammenfinden. Zum Beispiel Hannover, Halle, viele Kommunen im Südwesten, die den Klimanotstand ausgerufen haben – die sind da stark. Drittens: ein engagierter Kümmerer, eine Person mit Kompetenz und Durchsetzungsvermögen. Rostock war da ein sehr gutes Beispiel – von der politischen Ebene bis ins Sachgebiet zog sich eine ganze Kette solcher Kümmerer. Und Tangermünde übrigens auch, obwohl es keine große Stadt ist.
Wie schaffe ich als Stadt Akzeptanz bei der Wärmewende?
Bürgerkommunikation. Nicht nur die Turnhallenveranstaltung, bei der alle einmal zusammenkommen. Sondern eine kontinuierliche Pressearbeit, gute Online-Darstellung, interaktive Karten, auf denen jeder sehen kann: Befinde ich mich in einem Gebiet, in dem ein Wärmenetz geplant ist? München macht das gut, Halle auch, Oldenburg ebenfalls. Wer die Menschen früh und verständlich mitnimmt, schafft Akzeptanz. Wer das verschläft, erlebt, dass die lokale Wärmewende plötzlich wie vor die Füße geworfen wirkt.
Das Wärmeplanungsgesetz schreibt vor, dass alle Kommunen bis 2028 fertig sein müssen. Ist dieses Ziel realistisch?
Wir reden von fast 11.000 Kommunen in Deutschland. Natürlich wird nicht jede einzelne bis 2028 fertig sein – das kann niemand garantieren. Aber wenn ich ein großes Mosaik betrachte, schaue ich nicht auf die paar fehlenden Teile, sondern auf das Gesamtbild. Und das sagt: Mehr als zwei Drittel aller Kommunen haben sich bereits auf den Weg gemacht. Die Dynamik ist da. Das, was wirklich zählt, ist, dass der überwiegende Teil diesen Job gut macht. Und das sehen wir gerade.
Eine abschließende Botschaft?
Ich wünsche mir, dass die Bedeutung des Wärmesektors noch stärker ins Bewusstsein rückt. Mehr als 55 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland entfallen auf Wärme. Wir diskutieren viel über Atomenergie oder Tempolimit – das ist alles auch ein Thema. Aber im Wärmesektor spielt die Musik, wenn es um die Energiewende geht. Wer Klimaziele erreichen, Energiekosten senken und Versorgungssicherheit herstellen will, kommt daran nicht vorbei.