„Es ist gut und wichtig, dass die Relevanz von Wasserstoff und Biomethan nun auch im Gesetzestext gestärkt wird“, befand Prof. Dr. Gerald Linke. Für den Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches e.V. (DVGW) liegt ein weiterer positiver Aspekt darin, dass die kommunale Wärmeplanung nun eine angemessene Berücksichtigung im GEG findet.
Zentrale Aspekte, die der DVGW in den vergangenen Monaten mit Versorgungsunternehmen im Rahmen der Initiative H2 vor Ort im neuen Gasnetzgebietstransformationsplan (GTP) erarbeitet hat und die nun in die Gesetzgebung eingeflossen sind, runden laut Linke das deutschlandweite Zielbild für eine klimaneutrale Gasversorgung ab. Der GTP gilt als das zentrale Planungstool für den Einsatz von Wasserstoff, insbesondere im Wärmemarkt, und soll dessen Nutzung über die Gasverteilnetze für gewerbliche Kunden, Industrie und Verbraucher möglich machen.
Bundesnetzagentur muss handeln
Allerdings bewertet man beim DVGW die Regelungen für die Transformation von Gasnetzen nach wie vor als zu kleinteilig und teils auch zu realitätsfern. Deshalb erwartet man nun von der Bundesnetzagentur, „den Transformationsprozess der Gasverteilnetze hin zu Wasserstoff nicht durch restriktive Regelungen und lange Planungs- und Genehmigungsverfahren zu unterminieren“, wie Linke auf der gat 2023 bekräftigte.
Ähnlich sieht dies Thomas Gößmann. Der Vorsitzende der Geschäftsführung von Thyssengas fordert neben der Absenkung von Markteintrittsbarrieren vor allem Rechtssicherheit über klare Vertragsbedingungen. Hier befürwortet er etwa bei der Umstellung von Erdgas- auf Wasserstoffnetze beschleunigte Genehmigungsverfahren, jedoch warnt Gößmann vor oberflächlichen Regelungen. Das Etablieren von Standards ist hier aus der Sicht des Thyssengaschefs das Mittel der Wahl. Dabei sei zu berücksichtigen, dass die Genehmigungsbehörden mit dem Thema Wasserstoff bislang nur wenige Berührungspunkte und damit in den meisten Fällen noch keine Erfahrung hätten.
Internationale Standards erarbeiten
Als Exportland sei die Verständigung auf internationale Standards von besonderer Bedeutung für Deutschland, konstatierte auf der gat auch die Ministerialdirigentin im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Oda Keppler. Dies gelte unter anderem auch für die Qualitätskriterien für das Produkt Wasserstoff, da sonst der internationale Handel nicht in Gang komme.
Beim DVGW begrüßt man zudem, dass die Bundesregierung in einer Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes einen gesetzlichen Rahmen für die schnelle Genehmigung und den Aufbau eines Wasserstoff-Kernnetzes vorgelegt hat. Das Backbone-Netz müsse hier jedoch allen Regionen in Deutschland den Zugang zu klimaneutralem Wasserstoff ermöglichen, da sonst eine Abwanderung ganzer Wirtschaftszweige drohe, insbesondere im Bereich des Mittelstands. In einem zweiten Schritt braucht es daher auch eine Transformationsregulierung für Gasverteilnetze. Denn ohne eine umfassende Umstellung der bestehenden Gasverteilinfrastruktur könnten die Anschlüsse von 1,8 Mio. Industrie- und Gewerbekunden nicht zur Klimaneutralität transformiert werden, macht man bei DVGW deutlich.
Individuelle Lösungen schaffen
Klar ist dabei aber auch, dass die Nutzer und Verbraucher bei der Transformation der Wärmeversorgung im Mittelpunkt stehen müssen. Linke bringt die Situation so auf den Punkt: „Die Frage, wie Deutschland in Zukunft heizt, wird konkret vor Ort und nicht in Berlin entschieden.“
Diesen Zusammenhang zeigt auch die Bottom-up-Studie zur Dekarbonisierung des Wärmesektors, die die Fraunhofer Institute ISE und IEE im Auftrag des Nationalen Wasserstoffrats durchführen. Dabei untersuchen die Energieexperten jeweils fünf Szenarien für vier konkrete Netzgebiete (Mainz, Fellbach, Burg und Westerstede) mit sehr unterschiedlichen Ausgangsbedingungen. Das wichtigste Ergebnis ist laut Matthias Lenz, dass es keine One-size-fits-all-Lösung gibt. „Die Wärmebereitstellung ist für jedes untersuchte Gebiet unterschiedlich“, konstatiert der Leiter Netzplanung und -betrieb am Fraunhofer IEE.
Zeitintensive Datenbeschaffung
Deshalb lautet eine weitere Erkenntnis der Studie: Für die erfolgreiche Transformation der Wärmeversorgung sind Vor-Ort-Analysen zwingend erforderlich. Allerdings hat sich dabei auch herausgestellt, dass die lokalen Analysen aufgrund der Vielzahl an Einflussparametern hoch komplex ist und auf Schwierigkeiten bei der Datenbeschaffung trifft. Deshalb rät Experte Lenz den Netzbetreibern: „Fangen Sie früh an, mit ihren Kunden in den Dialog zu gehen.“
Die Fraunhofer-Experten empfehlen bei einer Einführung von verpflichtenden kommunalen Wärmeplänen zum jetzigen Zeitpunkt keine Technologieoption auszuschließen. Ein entscheidender Faktor bei der Umrüstung eines Gasverteilnetzes auf Wasserstoff ist die aktuelle und zukünftige Nachfrage nach Prozesswärme und Prozessgasen. Denn dies verändert auch die Versorgungsfrage für die dort vorhandenen Wohngebäude. Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft den Ausbau der Stromnetze. Bei hoher Verfügbarkeit und niedrigen Preisen von Wasserstoff kann deren Ausbau um bis zu 20 Prozent reduziert werden, berichtete Experte Lenz in Köln. (Michael Nallinger)
