Die Geothermie-Anlage Sauerlach: Mit München setzt bereits eine deutsche Großstadt auf Erdwärme. Ob das auch der Hauptstadt gelingen kann?

Die Geothermie-Anlage Sauerlach: Mit München setzt bereits eine deutsche Großstadt auf Erdwärme. Ob das auch der Hauptstadt gelingen kann?

Bild: © Andy Ilmberger/Adobestock

In Berlin wird zum ersten Mal nach Erdwärme gebohrt. Das teilte die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKU) am Montag mit. Den Zuschlag für die Explorationsbohrung im Stadttteil Marzahn erhielt der landeseigene Energieversorger BEW Berliner Energie und Wärme.

Am Kraftwerksstandort Marzahn soll etwa 1950 Meter tief in die Erde gebohrt werden. Damit sollen vier thermalwasserführende Schichten erschlossen und untersucht werden. Die so gewonnen Daten sollen die Grundlage bilden für Wirtschaftlichkeits- und Machbarkeitsbewertungen. Die BEW verspricht sich außerdem davon, dass die Ergebnisse das Risiko für weitere Geothermie-Projekte in der Hauptstadt reduzieren.

Im Dezember 2025 hatte die Senatsverwaltung ein Vergabeverfahren für sieben Teilgebiete des landeseigenen Erlaubnisfeldes "Erdwärme Berlin" gestartet. Ein Erlaubnisfeld ist ein abgegrenztes geografisches Gebiet, für das ein Unternehmen oder eine Behörde das ausschließliche Recht erhält, nach bestimmten Bodenschätzen wie etwa Erdwärme zu suchen. Die aktuelle Vergabe an BEW markiert laut SenMVKU den Auftakt für weitere in dem Erlaubnisfeld.

Bereits 2023 hatte der Berliner Senat die "Roadmap Tiefe Geothermie Berlin" beschlossen. Dieser Fahrplan fördert Erkundungsmaßnahmen, die Erkenntnisse über den tiefen Untergrund liefern. Diese Daten sollen die bestehenden Investitionshemmnisse beseitigen und zu einem beschleunigten Ausbau der tiefen Geothermie beitragen. Außerdem will Berlin den Großteil des Stadtgebiets mit 3D-seimischen Messungen erkunden, um das technische Potenzial der tiefen Geothermie zu konkretisieren.

Große Erwartungen

Der Wärmeplan der Hauptstadt macht keine exakten Angaben zu Geothermie-Vorkommen. Dennoch gibt die SenMVKU an, "dass perspektivisch bis zu einem Fünftel des Berliner Wärmebedarfs mit mitteltiefer und tiefer Geothermie zur Verfügung gestellt werden könnte".

Man erwarte in 1500 bis 2000 Metern Tiefe ergiebige Thermalwasservorkommen mit Temperaturen von mindestens 55 Grad Celsius. Diese vermuteten Potenziale eigneten sich aufgrund der hohen Leistung und des Temperaturniveaus zur Einspeisung in große Wärmenetze.

Mehr dazu lesen Sie hier: Berlin stellt Wärmeplan vor

Auch die BEW hat Erwartungen an die Erdwärme: Tiefe Geothermie könne bis 2035 rund fünf Prozent der Fernwärmeerzeugung des Unternehmens ausmachen – ab 2045 sogar bis zu 15 Prozent.

BEW-Geschäftsführer Christian Feuerherd gab laut rbb im März bei einer Anhörung im Wirtschaftsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses an, dass sein Unternehmen "mit einer ersten Inbetriebnahme von tiefer Geothermie im Ostteil der Stadt durch die BEW im Jahr 2031" rechne.

Potenziell signifikanter Beitrag zur Wärmewende

Wenn die Explorationsbohrung tatsächlich die Erwartungen erfüllt und zudem zuverlässige Grundlagen für weitere Bohrungen im Stadtgebiet liefert, könnte damit ein großer Betrag zur Derkabonisierung der Wärmeversorgung geleistet werden. Der Berliner Wärmeplan sieht nämlich vor, dass Fernwärmenetze bis 2045 einen Anteil von 45 Prozent an der Wärmeversorgung haben.

Mehr dazu lesen Sie hier: Rückschlag für innovatives Geothermieprojekt

28 Prozent der Berliner Haushalte wurden im Jahr 2022 mit Fernwärme versorgt. Sie wird hauptsächlich mit fossilen Energieträgern betrieben. Der gesamte Wärmeverbrauch Berlins liegt bei 33,5 Terawattstunden im Jahr. Davon werden 90 Prozent fossil erzeugt und nur sechs Prozent durch erneuerbare Energie und Abwärme.

Risiken noch nicht abgesichert

Die Stadt hat noch wenig Daten über ihren tiefen Untergrund, das Fündigkeitsrisiko ist deshalb hoch. Ähnliches gilt auch für den Rest der Bundesrepublik: Das Potenzial für Geothermie ist vorhanden, wird aber nur wenig genutzt. Aktuell laufen 45 tiefe Anlagen, von denen zwei nur Strom erzeugen, zehn sowohl Strom als auch Wärme und die übrigen 33 ausschließlich Wärme. Sie stellen 442 Megawatt Wärmeleistung bereit und liefern rund zwei Terawattstunden Wärme im Jahr.

Einerseits fehlen notwendigen Daten über den Untergrund und entsprechende Genehmigungen, andererseits bremst das wirtschaftliche Risiko den Ausbau. Fündigkeitsrisiken gelten als die größten Hürden. Private Versicherer haben sich nach Rückschlägen bei nicht fündigen Projekten zurückgezogen.

Mehr dazu lesen Sie hier: Politisches Flattern belastet die Geothermie

Der Bund will mit dem Geothermie-Beschleunigungsgesetz gegensteuern. Das Gesetz wurde Ende 2025 beschlossen und soll Genehmigungen beschleunigen und Projekte planbarer machen. Außerdem sollen Fündigkeitsrisiken besser abgesichert werden. Die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) arbeitet dafür mit dem privaten Versicherer Munich Re zusammen.

Dieses Programm sieht die Finanzierung von Tiefbohrungen ab 400 Metern mit bis zu 25 Millionen Euro pro Projekt und fünf Jahren Laufzeit vor. Munich Re trägt im Innenverhältnis 30 bis 70 Prozent des Risikos, den Rest übernimmt die KfW. Der Bund stellt zudem 50 Millionen Euro als Reserve bereit, falls die Prämien für Schadensfälle nicht ausreichen.

Der Start verzögert sich aber: Mitte Oktober 2026 ist der erste Vertrag noch nicht unterzeichnet, obwohl die Kooperation Ende 2025 angekündigt wurde. Die KfW nennt sieben Projekte in konkreter Prüfung. Ob die Bohrung in Berlin darunter ist oder wer dort das Fündigkeitsrisiko trägt – das Land Berlin oder die BEW –, ist derzeit nicht bekannt.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper