Dass die Wärmewende dezentrale Lösungen braucht, ist in der Energiebranche unbestritten – doch eine davon wird bisher kaum beachtet: Photovoltaik-Thermie-Kollektoren, kurz PVT, kombinieren Stromerzeugung und Wärmegewinnung in einem einzigen Dachmodul.
Was lange als Nischentechnologie galt, gewinnt gerade in einem Segment an Relevanz, das für Stadtwerke strategisch interessant ist: vor allem im urbanen Bestand.
Fürs Reihenhaus geeignet
"In innenstädtischen Bereichen, wo der Platz nicht da ist oder Geräusche ein Problem darstellen, ist PVT eine gute Lösung", sagt Stefan Jakob, Geschäftsführer und Mitbegründer von Enerix, einem der wenigen Franchise-Netzwerke, das PVT-Module seit rund einem halben Jahr aktiv im Programm führt. PVT-Module ließen sich demnach auch auf einem Reihenhaus gut platzieren.
"Die Technik ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass die Module auf Langlebigkeit ausgerichtet sind", sagt Jakob weiter. Die früheren Solarthermie-Photovoltaik-Kombinationen seien mit den heutigen "nicht mehr vergleichbar".
Kein Außengerät, kein Lärm
Der entscheidende technische Unterschied zur klassischen Luft-Wasser-Wärmepumpe liegt auf dem Dach: PVT-Kollektoren ersetzen die Außeneinheit vollständig. Marcel Lang, Portfolio-Manager beim Solargroßhändler IBC Solar, beschreibt den praktischen Vorteil so: "Es gibt bei PVT keine Außeneinheit wie bei Wärmepumpen mit den entsprechenden Abstandsvorgaben. Für Kunden, die darauf Wert legen, ist das ein Vorteil."
Für Stadtwerke, die dezentrale Wärmeversorgung im Bestand denken, ist das keine Kleinigkeit. Gerade in dicht besiedelten Quartieren, wo weder Außengerät noch Erdbohrung realistisch sind, öffnet PVT einen Installationsweg, der sonst nicht existiert.
Auch Wärmepumpenhersteller haben das erkannt: Nibe etwa hat seine Sole-Wasser-Wärmepumpen explizit für den PVT-Betrieb optimiert und bewirbt die Technologie als vollwertigen Ersatz für klassische Erdsonden. Die Anforderungen an die Geräte sind dabei hoch – die Quellentemperatur im Solekreislauf schwankt je nach Jahreszeit und Sonneneinstrahlung zwischen eisigen Minuswerten und bis zu 70 Grad Celsius im Hochsommer.
Vergleichbare Erträge, klarer Systemvorteil
Die Ertragserwartungen für PVT müssen realistisch eingeordnet werden. "Eine PVT-Anlage hat einen identischen elektrischen Ertrag wie eine klassische PV-Anlage mit gleich leistungsstarken Modulen", stellt Lang von IBC Solar klar. "On top kommt dann noch die Leistung der Kollektoren als thermischer Ertrag."
Gegenüber der Alternative – klassische Wärmepumpe plus separate PV-Anlage – ergibt sich also kein dramatischer Effizienzsprung beim Strom. Der Mehrwert liegt in der integrierten Wärmeauskopplung auf begrenzter Dachfläche, dem entfallenden Außengerät und dem geringeren Platzbedarf für den Wärmespeicher.
Der Klimatechnikhersteller Viessmann erklärt den Ansatz: Eine einzige Dachfläche liefere gleichzeitig Eigenstrom und Wärme, wobei die Kollektorflüssigkeit die PV-Zellen kühle und deren Stromertrag steigere. Spezialhersteller wie Triple Solar beziffern den Vorteil gegenüber konventionellen Wärmepumpen mit bis zu 20 Prozent höherer Effizienz.
Wachstum auf niedrigem Niveau
"Das Thema Wärmepumpe ist weiter im Kommen" ordnet Pierre Wolfram, Head of Central Sales bei IBC Solar, die aktuelle Marktlage ein. Die Kundenanfragen zeigten 2026 bislang einen "leichten Trend nach oben". "Bei der PVT-Lösung sehen wir aktuell sogar stärkere Wachstumsraten, aber auf einem niedrigeren Niveau."
Das Potenzial der Technologie sieht Wolfram vor allem in der Systemlogik: "Wer die Vernetzung von Strom, Wärme und Kälte in Zukunft am intelligentesten managt, wird für Kunden am interessantesten sein."
Der Bundesverband Wärmepumpe (BWP) teilt die grundsätzliche Aufbruchsstimmung. BWP-Geschäftsführer Martin Sabel plädiert in diesem Zusammenhang für einen weiteren Blick auf verfügbare Technologien. "Alternative Wärmequellen wie Erdwärme und PVT-Kollektoren bieten hocheffiziente, langfristige Lösungen, die gerade im urbanen Raum und im Mehrfamilienhausbereich die Wärmewende verlässlich absichern."
Für den Gesamtmarkt rechnet der BWP 2026 mit rund 330.000 verkauften Heizungs-Wärmepumpen – ein Plus von etwa elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Demgegenüber rechnet der Bundesverband der Solarwirtschaft (BSW Solar) mit unter 20.000 verkauften Solarthermie-Anlagen im laufenden Jahr – davon nur ein Teil PVT-Anlagen.
Noch eine Nische – aber eine mit Logik
Für Stadtwerke, die dezentrale Wärmeversorgung strategisch weiterentwickeln, lohnt es sich jedoch, PVT trotz des geringen Marktanteils genauer zu betrachten – nicht als Massenprodukt, sondern als gezielte Antwort auf spezifische Rahmenbedingungen: urbaner Bestand, Denkmalschutz, Platzmangel, Lärmempfindlichkeit.
"Die Nachfrage ist heute schon da, hauptsächlich im städtischen Bereich", sagt Enerix-Chef Jakob. "Ich gehe davon aus, dass PVT seinen Platz künftig im Markt finden wird."