Dott ist seit Juli 2019 Geschäftsführer bei E-Regio.

Dott ist seit Juli 2019 Geschäftsführer bei E-Regio.

Bild: © E-Regio

Ist die kommunale Wärmeplanung endlich beschlossen, fehlen vielerorts Personal und Ressourcen für die Umsetzung. Mit der Genossenschaft "Energiewende RheinEifel" wollen zwölf Kommunen und der Regionalversorger E-Regio die Wärmewende gemeinsam voranbringen. Im Interview erklärt Stefan Dott, warum Kooperation für ihn der Schlüssel zum Erfolg ist, welche Rolle ein digitaler Zwilling spielt und wie sich die Flutkatastrophe 2021 auf die Zusammenarbeit auswirkt.

Herr Dott, was war die Motivation dafür, eine Energiewendegenossenschaft mit anderen kommunalen Partnern zu gründen?

Der Ausgangspunkt war die kommunale Wärmeplanung. Sie ist richtig und wichtig, aber die Kommunen haben bereits eine enorme Aufgabenfülle – und nun kommt die Wärmewende als neue Daueraufgabe hinzu. Ein wichtiger Aspekt ist zudem die Struktur unserer Region: In unserem Versorgungsgebiet leben rund 400.000 Menschen in 19 sehr unterschiedlich geprägten Kommunen. Viele Verwaltungen haben gar nicht die personellen Möglichkeiten, diese Aufgabe allein zu bewältigen.

Die Städte und Gemeinden haben schon sehr früh im Wärmeplanungsprozess erkannt, dass die eigentliche Arbeit erst danach beginnt. Um in die Umsetzung zu kommen, wollen sie stärker zusammenarbeiten, voneinander lernen und Synergien nutzen. Nicht jeder muss alles selbst machen. Dafür braucht es aber neue Formen der Zusammenarbeit und eine Koordination.

Daher ergänzen wir uns als Partner sehr gut: Die Kommunen bringen das tiefe Wissen um die Gegebenheiten vor Ort mit und den engeren Kontakt zu den Menschen und Unternehmen, E-Regio das energiewirtschaftliche Know-how und die Koordinierungskompetenz.

Warum ist gerade die Wärmewende so anspruchsvoll?

Weil sie weit mehr ist als ein technisches Infrastrukturprojekt. Es geht um Bestandsgebäude, hohe Investitionen, Eigentumsfragen und viele unterschiedliche Akteure. Die Wärmewende ist eine große Koordinationsaufgabe. Deshalb reicht Planung allein nicht aus. Ein Jahr Planung steht oft 20 Jahren Umsetzung gegenüber. Die entscheidende Frage lautet: Wie werden aus Plänen konkrete Maßnahmen? Am Ende zählt nicht der Plan, sondern die Umsetzung. Dafür braucht es einen Motor, der den Prozess dauerhaft antreibt.

Was sind die Aufgaben der Genossenschaft und wie funktioniert die Finanzierung?

Die Genossenschaft koordiniert die Aktivitäten der Mitgliedskommunen und führt als eine der ersten konkreten Maßnahmen einen digitalen Zwilling für die Region ein, der die Komplexität reduziert und möglich macht, dass Planungen fortlaufend aktualisiert werden können. Die Genossenschaft kümmert sich um Aufgaben wie die Fortschreibung der Wärmeplanung, die Entwicklung von Vorkonzepten oder Bürgerbeteiligung. Sie investiert aber nicht selbst in Projekte.

Finanziert wird das über ein Umlagesystem. Die Kommunen bündeln ihre Haushalts- und Fördermittel und finanzieren gemeinsam Leistungen, die allen zugutekommen. Das Genossenschaftsprinzip passt dafür sehr gut: Es gibt einen einheitlichen Grundbeitrag und ergänzend größenabhängige Beiträge nach Einwohnerzahl. Größere Kommunen zahlen etwas mehr, kleinere entsprechend weniger. Das schafft Transparenz und entlastet insbesondere kleinere Kommunen.

Welche Rolle übernimmt E-Regio dabei?

Wir verstehen uns als Motor der Kooperation und als Partner. Die Genossenschaft wird von zwei Vorständen geführt: Einer wird von E-Regio vorgeschlagen und verantwortet das operative Geschäft, der andere vertritt die kommunale Seite. Unsere Aufgabe ist es, Kompetenzen bereitzustellen, aufzubauen oder einzukaufen. Wenn beispielsweise Bürgerbeteiligungen organisiert werden sollen, prüfen wir, ob wir das selbst leisten können oder externe Partner benötigen. Die Leistung wird dann zentral organisiert und mehreren Kommunen zur Verfügung gestellt. Dadurch entstehen erhebliche Synergien.

Sie haben den digitalen Zwilling angesprochen. Welche Rolle spielt dieser?

Diese digitale Plattform ist eine zentrale Grundlage der Zusammenarbeit. Im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung wurde ein erster Datenbestand aufgebaut. Dieser wird kontinuierlich erweitert und dadurch immer wertvoller.

Jetzt entsteht ein gemeinsames Modell für die gesamte Region. Wärme- und Energieflüsse enden schließlich nicht an Gemeindegrenzen.

Das Besondere ist, dass wir nicht mehr isoliert auf einzelne Kommunen schauen. Bisher hatte jede Kommune ihren eigenen digitalen Zwilling. Jetzt entsteht ein gemeinsames Modell für die gesamte Region. So wird ein Gesamtblick und damit ein Gesamtplan möglich. Wärme- und Energieflüsse enden schließlich nicht an Gemeindegrenzen. Dadurch werden Potenziale sichtbar, die man lokal vielleicht gar nicht erkennen würde. Wenn eine Kommune bestimmte Ressourcen nicht selbst bereitstellen kann, lassen sich möglicherweise Potenziale in Nachbarkommunen nutzen. So entstehen neue Synergien für die Planung und später auch für die Umsetzung.

Können Sie ein Beispiel für solche Synergien nennen?

Nehmen wir die Planung von Wärmenetzen. Man kann ähnliche Vorarbeiten in jeder Kommune einzeln durchführen oder einmal entwickeln und die Erkenntnisse auf vergleichbare Situationen übertragen.

Natürlich unterscheiden sich die Kommunen. Es gibt größere Städte wie Euskirchen, Bornheim oder Rheinbach und eher ländlich geprägte Gemeinden. Deshalb werden nicht alle Themen für alle gleichermaßen relevant sein. Bei Bürgerbeteiligung oder Kommunikationsmaßnahmen lassen sich jedoch oft gemeinsame Lösungen entwickeln. In anderen Bereichen arbeiten dann eher Gruppen von Kommunen mit ähnlichen Voraussetzungen zusammen.

Wichtig ist, dass Wissen systematisch ausgetauscht wird. Viel zu oft hängt Wissenstransfer vom Zufall ab. Die Genossenschaft schafft Transparenz und sorgt dafür, dass Erfahrungen und Informationen gezielt geteilt werden.

Was unterscheidet Ihren Ansatz von dem anderer Kooperationen?

Es gibt vergleichbare Netzwerke, etwa im Stadtwerkebereich. Für die Wärmewende in einer ganzen Region gibt es jedoch bislang kein solches Modell. Unser Ansatz verbindet vier Elemente: Transparenz schaffen, Kräfte bündeln, Lösungswege entwickeln und schließlich ins Handeln kommen. Viele Kooperationen konzentrieren sich auf Informationsaustausch. Das ist wichtig, reicht aber nicht aus. Unser Anspruch ist, konkrete Umsetzung zu ermöglichen. Die Frage lautet nicht nur: Wie kooperieren wir? Sondern: Wie handeln wir gemeinsam? Wie kommen wir schneller zu Ergebnissen? Daran wollen wir uns messen lassen.

Wo sehen Sie die größten Risiken für Ihr Modell?

Kooperation funktioniert nur mit Kooperationsbereitschaft. Glücklicherweise erleben wir diese Bereitschaft in unserer Region sehr stark. Dabei spielt sicherlich auch die Flutkatastrophe von 2021 eine Rolle. Viele Kommunen und auch E-Regio waren unmittelbar betroffen. Das hat deutlich gemacht, welche Folgen der Klimawandel haben kann, und gleichzeitig den Zusammenhalt gestärkt. Natürlich kann es bei gemeinsamen Mitteln oder Prioritäten zu Reibungen kommen. Deshalb haben wir bewusst eine Struktur mit kommunaler und operativer Führung gewählt.

Das größte Risiko ist aus meiner Sicht aber ein anderes: dass am Ende nichts passiert. Dass gute Ideen entwickelt werden, aber nicht in die Umsetzung kommen. Deshalb braucht es klare Verantwortlichkeiten, professionelle Strukturen und einen Motor, der den Prozess vorantreibt.

Braucht es mehr Öffentlichkeit für Projekte wie Ihres?

Ja, das halte ich für wichtig. Viele Kommunen haben ihre Wärmeplanung noch gar nicht abgeschlossen. Umso wichtiger ist es, erfolgreiche Ansätze sichtbar zu machen. Und auch heute schon zu überlegen: Wie geht es nach der Wärmeplanung für uns weiter? Ich denke, unsere Idee lässt sich auf viele Regionen in NRW und darüber hinaus übertragen. Wir müssen nicht nur planen und handeln, sondern auch zeigen, wie Zusammenarbeit funktionieren kann. Gespräche wie dieses sind ein Teil davon. Denn die Wärmewende wird nur gelingen, wenn gute Beispiele bekannt werden und andere davon lernen können.

Danke für das Gespräch!

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