Von Jürgen Walk
Fernwärme ist ein wichtiger Baustein für die Energiewende. Sie verursacht deutlich weniger CO₂-Emissionen als Einzelheizungen. Dabei spart sie in den Häusern Platz für eigene Heizsysteme. Und sie wird immer klimafreundlicher. Immer mehr Anlagen werden auf Biomasse, Geothermie oder industrielle Abwärme umgestellt.
Dabei gibt das Wärmeplanungsgesetz einen festen Pfad vor: 2030 muss der Anteil erneuerbarer Energien oder unvermeidbarer Abwärme in jedem Wärmenetz mindestens 30 Prozent betragen, bis 2040 mindestens 80 Prozent. Bis 2045 müssen dann alle Netze vollständig klimaneutral sein.
Baden-Württemberg geht mit ehrgeizigen Zielen und innovativen Konzepten die Wärmewende an. Die Gesamtlänge der Wärmenetze liegt bei rund 4400 Kilometern. Unter den deutschen Bundesländern liegt das Land damit an Position 2, hinter Nordrhein-Westfalen (6500 Kilometer), aber vor Bayern (4000 Kilometer).
Top bei kommunaler Wärmeplanung
Mit Abstand führend dagegen ist Baden-Württemberg bei der Umsetzung der kommunalen Wärmeplanung. Das Land geht dabei mit besonders ehrgeizigen Zielen und innovativen Konzepten voran. Abweichend zur Bundesgesetzgebung, die kommunale Wärmepläne je nach Einwohnerzahl der Gemeinde ab 2026 oder 2028 vorschreibt, mussten die Stadtkreise und Großen Kreisstädte in Baden-Württemberg bereits bis Ende 2023 die Pläne erstellen. Die kleineren Städte und Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern können das freiwillig tun – und nutzen diese Möglichkeit häufig auch.
Diese Vorreiterrolle zeigt sich deutlich in den Zahlen: In Baden-Württemberg haben bereits 24 Prozent der Städte und Gemeinden die kommunale Wärmeplanung abgeschlossen. Das Land steht damit relativ einsam an der Spitze – gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 6 Prozent. Weitere 37 Prozent der Südwest-Kommunen haben den Prozess bereits aktiv gestartet.
Ebenfalls mit deutlichem Abstand an der Spitze liegt Baden-Württemberg bei der Zahl der Wärmenetze: Davon gibt es rund 900 im Südwesten – gefolgt von Schleswig-Holstein und Bayern mit jeweils rund 400 Netzen. Das zeigt, dass die Wärmeversorgung des Landes eher ländlich und dezentral strukturiert ist.
Der Anteil erneuerbarer Energien an der Wärmversorgung beträgt laut der Landesenergieagentur KEA-BW knapp ein Fünftel. Mit 81 Prozent stammt der Großteil aus Biomasse, insbesondere Holzenergie, aber auch Biogas. Umweltwärme trägt zwölf Prozent bei, dazu zählen Wärmepumpen und Geothermie. Solarthermische Anlagen auf dem Dach oder auf der Freifläche kommen auf acht Prozent.
Biberach: Der Energieversorger e.wa riss hat im Biberacher Wohngebiet Hochvogelstraße eine Anlage zur Nutzung von Erdwärme nach dem Prinzip der Kalten Nahwärme errichtet. Diese wurde 2016 in Betrieb genommen. Die Erdwärme wird mithilfe eines Erdsondenfeldes gewonnen. Dafür wurden 35 Erdsonden bis in eine Tiefe von 200 Metern versenkt. Die Erdwärme wird innerhalb der Erdsonden von einem Wasser-Glykol-Gemisch aufgenommen und durch unterirdisch verlegte Leitungen in die Häuser transportiert. Die Anlage wird mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben. Wärmegewinnung und -lieferung sind somit zu 100 Prozent regenerativ.
Donaueschingen: Seit März 2024 ist in Donaueschingen eine neue Hackschnitzelanlage in Betrieb. Neben dem Einsatz von Biomethan in einem Blockheizkraftwerk und Erdgas im Spitzenlastkessel steht damit ein weiterer Brennstoff zur Erzeugung der Wärme zur Verfügung.
Friedrichshafen: Industrie-Abwärme im Wärmenetz Friedrichshafen-Nordstadt: In diesem EU-geförderten (EFRE) Wärmenetz-Projekt wird Industrie-Abwärme genutzt, um ein Wohngebiet zu versorgen. Das Wärmenetz ist seit 2017 in Betrieb. Das Stadtwerk am See verhandelt derzeit über die Anbindung weiterer Industriebetriebe.
Herbrechtingen: Das Bio-Heizkraftwerk Herbrechtingen wurde 2004 offiziell in Betrieb genommen. Es zählt zu den größten Bio-Heizkraftwerken in Süddeutschland. Darin werden nur Reststoffe aus der Sägeindustrie oder Altholz verwertet, das bereits mehrfach als Möbel oder Bauholz genutzt wurde. Kein Baum müsse dafür gefällt werden, heißt es in Herbrechtingen, und die Brennstoffe stammen überwiegend aus dem näheren Umfeld.
Murrhardt: Die Nahwärme der Stadtwerke Murrhardt wird derzeit in vier Heizwerken durch die Verbrennung von Holzhackschnitzeln aus heimischen Wäldern erzeugt. Der Transport in die einzelnen Häuser funktioniert über zwei Wärmeleitungen
Radolfzell: Das Radolfzeller Wärmenetz ist ein dezentrales Nahwärmenetz, das von den Stadtwerken Radolfzell betrieben wird und verschiedene erneuerbare Technologien wie Solarthermie, Holzhackschnitzel und Blockheizkraftwerke nutzt. Ziel der Stadt ist Klimaneutralität bis 2035, wobei bereits Projekte wie das Solarenergiedorf Liggeringen umgesetzt wurden.
Rheinfelden: Historisch siedelte sich in Rheinfelden durch den Bau des Rheinwasser-Kraftwerks auch die energieintensive Chemieindustrie in Rheinfelden an. Für die Produktion musste viel Wärmeenergie in Form von Hochtemperaturdampf eingesetzt werden. Die Abwärmemengen wurden früher vom Chemieunternehmen Evonik an die Luft und in den Rhein abgegeben. Die Stadt Rheinfelden kam bereits 2017 mit dem Chemieunternehmen überein, diese Abwärme zur Beheizung von Wohn- und Gewerbegebäuden in der Stadt zu nutzen.
Bad Säckingen: Im Stadtnetz der Stadtwerke werden zwei große Blockheizkraftwerke mit Biomethan betrieben. Im Netz Leuserütte wird zusätzlich auch Solarthermie genutzt.
Sinsheim: Fernwärme wird m Sinsheimer Biomasseheizkraftwerk aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt. Der Brennstoff stammt vorrangig von den Grünschnittsammelplätzen im Rhein-Neckar-Kreis.
Tauberbischofsheim: Eine neue Anlage mit vier Hackgutkesseln läuft vollständig mit naturbelassenen Hackschnitzeln. Das Hackgut wird dabei aus dem regionalen Umkreis bezogen. Eine moderne Rauchgasreinigung gewährleistet zudem die Luftreinhaltung. Neben Wärme beliefert das Stadtwerk auch einen Kunden mit Kälte zur Kühlung des Gebäudes. Dabei wird ein Teil der benötigten Energie über eine PV-Anlage erzeugt, die ebenfalls das Stadtwerk betreibt.
Überlingen: Solarthermie, Holzhackschnitzel, Pufferspeicher und 3-Leiter-Wärmenetz Überlingen-Schättlisberg: Eine der größten Solarthermie-Anlagen Baden-Württembergs (4300 qm) in Verbindung mit einer erweiterten und modernisierten Holzhackschnitzelanlage und einem großen, neu gebauten Pufferspeicher ging 2023 in Betrieb. Innovativ: Das Wohngebiet Schättlisberg wird über eine 3-Leiter-Wärmenetz versorgt. Hier werden zunächst mit hoher Vorlauftemperatur (85 Grad) die Altbauten mit ihren konventionellen Heizanlagen versorgt, Der Rücklauf daraus (55 Grad) wird nicht in die Energiezentrale zurückgeleitet, sondern dient anschließend als Vorlauf für die Neubauten mit ihren Flächen-(Fußboden-)Heizungen.
Ihr Wärmenetz erfüllt alle Kriterien, ist aber nicht aufgeführt? Oder Sie planen ein spannendes Projekt für saubere Fernwärme? Schreiben Sie mir: j-walk(at)zfk.de
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Teil 1 der Serie: Wo die Wärme schon sauber ist: Nordrhein-Westfalen



