Von Midjana Mujkanovic
Die Bewältigung des Klimawandels ist eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit – und sie betrifft nicht nur die Politik, sondern jeden Einzelnen, jede Branche und jedes Unternehmen. Um die ökologische Transformation erfolgreich zu meistern, braucht es mehr als technische Innovationen oder gesetzliche Vorgaben: Es braucht Menschen mit den richtigen Kompetenzen – sogenannten "Green Skills". Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff und warum sind diese Fähigkeiten heute so entscheidend?
In den Gesprächen mit den Expertinnen wird deutlich, dass Green Skills weit mehr sind als eine bloße Anpassung an den Wandel. Sie sind Treiber von Innovation und Wettbewerbsvorteilen und prägen zunehmend die Arbeitswelt von morgen. Ob in der Industrie, im Bildungssektor oder bei Stadtwerken – überall sind neue Denkweisen und Fertigkeiten gefragt, um nachhaltige Prozesse und Produkte zu entwickeln.

Green Skills umfassen Denk- und Handlungsweisen, die für eine nachhaltige Gesellschaft essenziell sind. Jana Fingerhut, Arbeitsmarktexpertin bei der Bertelsmann-Stiftung, führt die Definition des Europäischen Zentrums für die Förderung der Berufsbildung an, in der Green Skills als "Kenntnisse, Fähigkeiten, Werte und Einstellungen, die erforderlich sind, um in einer nachhaltigen und ressourceneffizienten Gesellschaft zu leben, sie zu entwickeln und zu unterstützen" definiert werden.
Sophie Fischer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Digital Engineering der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt, ergänzt, dass Green Skills sowohl spezifische Fachkenntnisse (Hard Skills) als auch ein allgemeines Nachhaltigkeitsbewusstsein (Soft Skills) beinhalten.
Beispiele reichen von der Nutzung nachhaltiger Technologien bis hin zur Förderung ressourcenschonender Prozesse. Beide Expertinnen betonen, dass diese Kompetenzen zwar aktuell an Bedeutung gewinnen, aber auf lange bestehende Prinzipien wie Brundtland-Bericht und Dreisäulenmodell der Nachhaltigkeit aufbauen.
Immer mehr Stellenanzeigen für Green Skills
Vor diesem Hintergrund werden nachhaltige Kompetenzen von Unternehmen zunehmend stärker nachgefragt. "Die Stellenanzeigen, in denen mindestens ein Green Skill verlangt wird, sind allein vom Jahr 2022 auf das Jahr 2023 um 22,4 Prozent gestiegen", betont Fingerhut.
Die wachsenden globalen Herausforderungen tragen dazu bei. Der Klimawandel und seine Auswirkungen, wie Wetterextreme oder Ressourcenknappheit, werden immer deutlicher spürbar. Um diesen Problemen zu begegnen, seien nachhaltige Kompetenzen unverzichtbar.

Die Relevanz von Green Skills erstreckt sich über nahezu alle Branchen. Besonders sichtbar werden sie in Bereichen wie im Baugewerbe, in der IT und in der Transportbranche. Hier sind sie beispielsweise bei der Montage von Solaranlagen, der Entwicklung nachhaltiger Energieinfrastrukturen oder dem Ausbau des Schienennetzes erforderlich.
Fischer verweist zudem auf die Landwirtschaft und den Bildungssektor, wo Anpassungen wie der Anbau klimaresistenter Rebsorten oder die Integration von Nachhaltigkeitsthemen in Lehrpläne notwendig sind. Beide Expertinnen sind sich einig: Green Skills sind nicht nur für "grüne" Branchen essenziell, sondern auch für traditionelle Sektoren, die zukunftsfähig bleiben möchten.
Green Skills sind nicht nur eine Antwort auf ökologische Herausforderungen, sondern auch ein wesentlicher Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg. Unternehmen, die nachhaltige Kompetenzen fördern, können Ressourcen effizienter nutzen, Kosten sparen und ihre Position auf einem zunehmend nachhaltigkeitsbewussten Markt stärken. "Arbeitnehmende mit Green Skills stärken Unternehmen im Wettbewerb", betont Fingerhut. Unternehmen, die frühzeitig in diese Kompetenzen investieren, können nicht nur flexibel auf zukünftige Regularien reagieren, sondern auch resiliente Strukturen aufbauen.
Schwierige Änderung von traditionellem Denken
Die Verankerung von Green Skills ist aber auch mit diversen Herausforderungen verbunden. Fischer sieht besonders das Umdenken in etablierten Strukturen als große Hürde: "Traditionelle Denkmuster und Verhaltensweisen aufzubrechen, ist eine große Herausforderung."
Gleichzeitig bestehen strukturelle Probleme, wie die langsame Anpassung von Ausbildungsplänen. "Die Ausbildungsordnungen für alle 328 Ausbildungsberufe werden nicht jedes Jahr neu geordnet." In der Übergangszeit sind daher Weiterbildungen entscheidend, um Green Skills schnell in den Arbeitsalltag zu integrieren.
Beide Expertinnen sind sich sicher, dass Green Skills künftig eine zentrale Rolle in vielen Berufsfeldern spielen werden. Sie sollten nicht isoliert auf den Klimawandel reduziert werden, sondern vielmehr als ganzheitliche Kompetenzen verstanden werden, die notwendig sind, um Herausforderungen kreativ und gemeinschaftlich zu bewältigen. Die Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann-Stiftung ergänzt, dass nachhaltige Fähigkeiten zunehmend in Berufsbildern verankert werden und langfristig die Arbeitswelt maßgeblich prägen werden.
Green Skills sind weit mehr als eine Reaktion auf die Klimakrise – sie bilden die Grundlage für Innovation, wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftliche Transformation. Ihre Umsetzung erfordert jedoch ein gemeinschaftliches Engagement von Unternehmen, Bildungseinrichtungen und der Politik. Nur durch kollektive Anstrengungen können Green Skills zu einem wirkungsvollen Hebel für eine nachhaltige und gerechte Zukunft werden.
