Montagmorgen in der Verwaltung: Drei Kolleginnen sind krank, das Ticketsystem ist voll und zugleich soll "jetzt endlich" ein KI-Assistent live gehen. Genau hier entscheidet sich, ob künstliche Intelligenz (KI) zur Entlastung beiträgt oder als zusätzlicher Stressor Motivation, Bindung und Handlungsfähigkeit angreift.

Kommunale Unternehmen spüren den Druck doppelt: Der Generationenwechsel reißt Lücken, Nachfolge wird zum Engpass und parallel steigen Erwartungen an Tempo, Service und Transparenz.

KI und Menschlichkeit

KI soll hier Abhilfe schaffen, indem sie Routinen verschlankt und Entscheidungen erleichtert. Allerdings: Sie ersetzt Führung nicht. Im Gegenteil. Je mehr Technologie verfügbar ist, desto wichtiger wird Orientierung.

Gute Führung im KI-Kontext beginnt dabei vermeintlich paradox: Mehr Technologie verlangt noch mehr Menschlichkeit. Denn KI ist zunächst nur ein Katalysator des Bestehenden. Wer sich als Führungskraft traditionell vor allem an Kennzahlen klammert, landet schnell im KPI-Autopiloten – Verantwortung wandert ins System ("Das Tool sagt …") oder nach unten.

Legitimität entsteht nicht durch Rechenleistung, sondern durch nachvollziehbare Abwägung, Verantwortungsübernahme und das Erklären sowie Korrigieren von Entscheidungen – so wie gute Führung in der prädigitalen Ära.

Was heißt das praktisch? Führung muss Sinn und Richtung geben: Worin liegt der Nutzen für die Kund:innen, was wird priorisiert, welche Ressourcen werden geschützt? Sie muss befähigen: kontinuierliches Lernen in kurzen Zyklen statt Einmal-Schulung, psychologische Sicherheit für Fragen und eine Innovationskultur, die im Alltag sichtbar ist. Sie muss Entscheidungsqualität sichern: durch Qualitätskontrollen in Bezug auf Algorithmus und Datenlage sowie klare Eskalation bei Grenzfällen.

Und vor allem: Führung muss Zusammenarbeit neu gestalten: Mitarbeitende arbeiten mit KI-Assistenz, aber rollenbasiert mit Antworten auf: Wer entwirft, wer prüft, wer entscheidet? KI muss sichtbar entlasten und Führungskräfte müssen dafür Sorge tragen.

Rollen und Reibung

Rollenbasierte Arbeit wird dabei zum Schlüssel. Statt "alle machen alles" braucht es klare Rollen: Prozess-Owner, Fach-Reviewer, Datenverantwortliche und einen KI-Coach, der Standards, Prompts und Lernfragen bündelt. Daraus entstehen neue Jobprofile, ohne dass jedes Stadtwerk sofort neue Stellen schaffen muss: Häufig reicht es, Verantwortung sichtbar zu machen, Schnittstellen zu entwirren und Kooperation über Abteilungsgrenzen hinweg zu organisieren.

Drei typische Reibungsverluste tauchen in derartigen Projekten allerdings fast immer auf. Erstens Unklarheit: Wer entscheidet wirklich, wenn das Tool empfiehlt? Unklare Verantwortung erzeugt Rückfragen und Frust. Zweitens Erschöpfung: Nicht KI macht müde, sondern Dauer-Change ohne Luft im System. Drittens Teilhabe: Wer KI "übergestülpt" bekommt, erlebt Kontrollverlust. Widerstand ist dann selten Unwillen, sondern ein Frühwarnsystem.

Exemplarisch: Ein Verkehrsbetrieb spart im Pilot seiner neuen KI pro Schicht 20 Minuten Dispositionszeit. Wenn diese Minuten sofort mit Zusatzaufgaben gefüllt werden, verpufft der Effekt. Erst eine Regel macht ihn real: Gesparte Zeit ist Qualitätszeit – für Fahrgastinfo, Rücksprache und Lernen.

Oder im Kundenkontakt: Generative KI formuliert eine Antwort, der Ton sitzt, ein Fachbegriff ist schief. Wer nur Tempo misst, produziert Reklamationen. Wer "KI entwirft, Mensch prüft" verankert, gewinnt Tempo und Qualität zugleich.

Vertrauen und Vorgehen

Kommunale Akzeptanz folgt dabei einer einfachen Formel: Vertrauen nach innen plus Legitimität nach außen. Intern zählt, ob Beschäftigte erleben, dass KI hilft und kritische Fragen erlaubt sind. Extern zählt, dass die Kund:innen transparente Informationen erhalten.

Vertiefende Informationen

E-Book zur Orientierung in der Arbeitswelt: 155 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft beantworten darin zentrale Fragen zur Zukunft der Arbeit. Das kostenlose Werk ist das vielfältigste seiner Art in Deutschland und Teil einer Veröffentlichungsreihe am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin.

Mehr als 10.000 verlinkte Fachartikel mit Schwerpunkt Arbeitswelt und digitale Transformation; Lehrunterlagen zur Mensch-Technik-Interaktion für Personalentwicklung sowie ein Fragebogen zur Erfassung der Erwartungen in der Belegschaft hinsichtlich KI gibt es kostenfrei in der stetig wachsenden Bibliothek des Autors.

Für Teamdialoge reichen wenige Fragen: Was wird leichter? Was wird schwerer? Wo brauchen wir Schutzräume? Welche Entscheidungen darf KI vorbereiten – und welche nicht? Kurz: Bürgernutzen vor Tool, Qualität vor Tempo und Verantwortung stets beim Menschen. So wird Führung zum echten Hebel in der digitalen Transformation.


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