Von Christina Hövener-Hetz
Vor drei Jahren initiierte die studierte Betriebswirtin und Wirtschaftspsychologin Josephine Frey, Geschäftsführerin der Berliner FW Management Consulting, das erste Netzwerk für Geschäftsführerinnen der Kreislauf- und Entsorgungswirtschaft.
Binnen kurzer Zeit bildete sich ein Kreis hochambitionierter Frauen, vereint durch ein gemeinsames Ziel: Sie wollen jungen Frauen aufzeigen, wie vielfältig und chancenreich eine Karriere in der Entsorgungsbranche sein kann.
Gute Karrieremöglichkeiten
Als studierte Betriebswirtin ist Michaela Schröder von Haus aus eher ein Zahlenmensch. Das änderte sich, als die heutige Geschäftsführerin der Gemeinschafts-Müll-Verbrennungsanlage Niederrhein (GMVA) zum Ende ihres Studiums in den Niederlanden während eines Praktikums im Entsorgungsunternehmen Trienekens (Viersen) zum ersten Mal mit dem Thema Entsorgung näher in Berührung kam.
Die gebürtige Niederrheinerin war – wie sie sagt – "gefesselt". Sie erkannte damals, dass sie es mit einer Branche zu tun hatte, die nicht nur spannend war, sondern aufgrund der wachsenden Bedeutung von Umweltschutz und Müllvermeidung in den kommenden Jahren enorm an Bedeutung gewinnen würde.
Es war zugleich eine Branche, die eine Fülle unterschiedlicher neuer Karrieremöglichkeiten bietet. Als Frau war Schröder in der von Männern dominierten Branche zu Beginn ihrer Karriiere eine Exotin. Vor allem in den Führungspositionen der Unternehmen traf sie selten Kolleginnen. Auch heute liegt der Frauenanteil unter einem Drittel – und ist damit immer noch deutlich niedriger als in anderen Wirtschaftsbereichen. "Dabei ist eine Führungsaufgabe im Müll sexier als ihr Ruf", meinen Frey und Schröder schmunzelnd.
Vorbilder statt Frauenquote
"Vor allem bei den Geschäftsführenden ist noch Luft nach oben", sagt Schröder. Sie möchte die erfolgreichen Frauen sichtbar machen und deren Schlagkraft erhöhen. Ihr Credo: "Nicht eine staatlich verordnete Frauenquote führt dazu, dass sich Frauen mehr für Aufgaben in der Entsorgungsbranche interessieren, sondern wir brauchen Vorbilder." Umwelttechnologien sind mittlerweile auch bei Frauen ein gefragtes Studienfach. "Es ist nur merkwürdig, dass in den oberen Etagen der Unternehmen die Verantwortung in den Händen von Männern liegt" , so Schröder.
Das Netzwerk tagt mehrere Male im Jahr, immer an einem anderen Ort. Die Frauen geben eigene Erfahrungen weiter, zum Beispiel zum Thema Fachkräftesicherung. GMVA-Chefin Schröder berichtete in diesem Zusammenhang über das interne Nachwuchsförderprogramm in ihrem Unternehmen. Seit zwei Jahren werden jüngere Mitarbeitende, die sich darauf beworben haben, gezielt weitergebildet und auf eine Karriere im Unternehmen vorbereitet.
"Motivierte Mitarbeitende werden gezielt mit Blick auf die Bedürfnisse im Unternehmen weiterqualifiziert, gleichzeitig binden die Aussichten auf Karriere die Mitarbeitenden ans Haus. Sie müssen nicht weggehen, um woanders Karriere zu machen", betont Schröder.
Zwanglos und intensiv
Sarah Greinert, Geschäftsführerin von Interargem in Bielefeld sowie der modernen Abfallverbrennungsanlagen MVA Bielefeld und Enertec Hameln, hält den zwanglosen, aber intensiven Austausch für wertvoll. "Die Treffen sind eine hervorragende Möglichkeit, sich inhaltlich mit aktuellen Themen der Branche auseinanderzusetzen und sich gegenseitig zu unterstützen – zum Beispiel bei der Suche nach kompetenten Kandidatinnen für Führungspositionen."
Auch Greinert war unmittelbar nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften in die Entsorgungsbranche eingestiegen und von den vielen beruflichen Facetten und Möglichkeiten begeistert.
Selbstbehauptung stärken
Silvia Niessing, Geschäftsführerin der Märkischen Entsorgungsanlagen-Betriebsgesellschaft (MEAB) mit Hauptsitz in Potsdam, hat ihre Karriere in einem Bergbauunternehmen begonnen – in einer Männerdomäne. "So ein Netzwerk habe ich immer vermisst. Es ist wichtig, Erfahrungen mit Kolleginnen auf Augenhöhe auszutauschen und die Sichtbarkeit von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen – sowohl was fachliche Fragen betrifft als auch, wie Frau sich im Umgang mit männlichen Kollegen selbstbewusster behauptet."
"Gute gemeinsam erzielte Ergebnisse als eigene Erfolge zu verkaufen – darin sind Männer besser" , sagt Niessing, die nach einem Studium der Ingenieurgeologie noch in Umweltwissenschaften promoviert hat. Heute lasse sie sich nicht mehr einschüchtern und möchte das weitergeben.
Ehrlicher Austausch
Ella Stengler, Managing Director der CEWEP (Confederation of European Waste-to-Energy-Plants), genießt den "offenen und ehrlichen Austausch". Als Juristin beleuchtet sie Gesetzesvorhaben und versteht sich als Übersetzerin zwischen der juristisch-gesetzgeberischen und der technisch-praktischen Seite. "Vor der Abfallbranche liegen große Herausforderungen: 80 Prozent der Umweltgesetze werden in Europa beschlossen", gibt sie zu bedenken.
Derzeitige Kernthemen sind Fragen wie Emissionshandel und Klimaschutz sowie die Zukunft der Kreislaufwirtschaft – da sei es wichtig, immer auf dem aktuellen Wissensstand zu sein. Stengler schätzt die hohe Motivation aller Beteiligten, voneinander zu lernen.
Einblicke ermöglichen
Beim jüngsten Netzwerktreffen warfen die Expertinnen einen Blick auf den Energie Hub in Hamburg. "Wir hatten die Gelegenheit, die Abrissarbeiten des alten Kohlekraftwerks zu besichtigen. Kirsten Fust, Geschäftsführerin der Hamburger Energiewerke, und Robert Wacker, Geschäftsführer des Energie Hubs, informierten über den Stand der Transformation", so die Netzwerk-Mitgründerin und Managementberaterin Frey.
Kerstin Kuchta, Professorin an der TU Hamburg, zeigte in ihrem Vortrag auf, warum das Recycling von Abfällen aus Müllverbrennungsanlagen aufgrund der Materialzusammensetzung und Verunreinigungen oft noch schwierig ist. Andere aktuelle Themen im Netzwerk sind Wasserstofferzeugung, CO2-Abscheidung, Optimierung der Energieerzeugung, Fernwärmeversorgung und Wärmeplanung.
Der Beitrag ist zuvor in der August-Ausgabe der ZfK erschienen. Zum Abo geht es hier.

