Anna-Theresa Korbutt hat geschafft, was man von einer Chefin eines Verkehrsverbunds nicht erwarten würde: Die Geschäftsführerin des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV) erhielt den Bundes-Fahrgastpreis vom Fahrgastverband für ihr Engagement zum Deutschlandticket. Korbutt polarisiert. Nun war sie zu Gast beim ZFK-Frauennetzwerk und sprach darüber, warum grundlegende Veränderungen eine klare Haltung erfordern und welche besonderen Herausforderungen der öffentliche Personennahverkehr dabei zu meistern hat.
Seit April 2021 führt Korbutt den HVV. Der Verkehrsverbund verantwortet Organisation und Vertrieb des öffentlichen Personennahverkehrs in der Metropolregion Hamburg. In ihrer Rolle befasst sie sich unter anderem mit der Digitalisierung von Vertriebsprozessen und der Einführung neuer Tarifmodelle wie dem Deutschlandticket.
Korbutts beruflicher Weg ist geprägt von verschiedenen Perspektiven auf Mobilität und Logistik. Nach mehreren Jahren in Stabs-, Strategie- und Marketingfunktionen bei der Deutschen Bahn folgten Stationen in der Schweiz und in Österreich. Dort leitete sie unter anderem die Konzernstrategie und Unternehmensentwicklung der Österreichischen Bundesbahnen. Bis 2020 war sie Geschäftsführerin des größten österreichischen Stückgut-Spediteurs. Heute engagiert sie sich zusätzlich als Vorsitzende des VDV-Ausschusses "Preisbildung und Vertrieb" sowie als Aufsichtsrätin bei der Westbahn.
Vorreiterin beim Deutschlandticket
Für ihr Engagement im Zusammenhang mit dem Deutschlandticket wurde Korbutt im März 2023 mit dem Bundes-Fahrgastpreis des Fahrgastverbands Pro Bahn ausgezeichnet. Auf der Website des Verbands heißt es, dass sie sich frühzeitig gegen die Vorwände der Verkehrsbranche aussprach, nach denen die Umsetzung des Deutschlandtickets sehr lange dauern würde.
Dabei habe sie von Vertretern der Branche auch einiges an Kritik ertragen müssen. "Ich habe damals bereits mit meinen Teams begonnen, das Deutschlandticket vorzubereiten, als es in der Politik gerade erst diskutiert wurde. Wir waren die Ersten, die angefangen haben, Vorverkaufslisten zu führen und den Vorverkauf zu starten – und dass, obwohl es weder eine Produktdefinition noch einen Preis gab." Ein mutiges Verhalten, das ihr letztlich Recht gab. "Immer wieder heißt es, das könne man nicht einfach so machen. Ich sage: Doch, kann man."
Verantwortung, Leidenschaft und Vertrauen
Mit Mut zur Verkehrswende – unter diesem Titel erklärt Korbutt in ihrem Vortrag, warum es ihrer Ansicht nach Mut braucht, damit Unternehmen fähig zur Veränderung sind. Für sie setzt sich Mut aus Verantwortung, Leidenschaft und Vertrauen zusammen.
"Verantwortung ist Geben und Nehmen. Wer etwas bewegen will, muss selbst aktiv werden." Gerade in Führungspositionen ist diese Haltung entscheidend. Veränderung entstehe nicht dadurch, dass man Aufgaben konsequent weiterreiche, sagt Korbutt. "Und ja, das bedeutet, dass ich mich als Geschäftsführerin auch mal zur Projektleiterin mache. Dass ich selbst zu Terminen einlade, selbst Protokolle führe. Ab dem Moment, an dem du verlernst, es selbst zu machen, kannst du andere nicht mehr anleiten." Gleichzeitig gehe es darum, das Team mitzunehmen, Bereiche bewusst abzugeben. Dazu gehöre auch, auszuhalten, dass nicht alles sofort funktioniere. Lernprozesse seien aus ihrer Sicht immer gemeinschaftlich.
Ebenso deutlich sprach Korbutt über das Thema Leidenschaft. In vielen Organisationen werde Energie gezielt reduziert, sagte sie. "Passion, Tonalität und dafür zu brennen, werden uns in Führungsrollen häufig abtrainiert." Dabei seien es gerade Haltung und sichtbares Engagement, die Orientierung schaffen könnten.
Eng damit verbunden sei das Thema Vertrauen. Korbutt betonte, dass es dabei nicht nur um Vertrauen in Mitarbeitende gehe, sondern auch um Vertrauen in die eigenen Entscheidungen. "Wenn man selbst Zweifel an dem hat, was man sagt, wird das jemand spüren", sagte sie. Diese Unsicherheit lasse sich nicht verbergen und wirke unmittelbar auf Teams.
Blick zurück zum Kunden
Warum diese Klarheit gerade jetzt erforderlich sei, machte Korbutt mit Blick auf die aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen deutlich. In Zeiten von Unsicherheit suchten Menschen Orientierung. Veränderungen seien dabei selten bequem. "Veränderungen sind nicht populär, sie sind nicht wählerfreundlich", sagte sie. Dennoch seien sie notwendig, um langfristig handlungsfähig zu bleiben.
Für den öffentlichen Personennahverkehr bedeute das vor allem, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen. Korbutt verwies auf historisch gewachsene Prozesse, die Entscheidungen verlangsamten und Innovation erschwerten. Dabei werde auch die Perspektive der Fahrgäste häufig zu wenig berücksichtigt. "In den bestehenden Strukturen sitzen alle am Tisch – nur der Kunde nicht", sagte sie.
ÖPNV als Massenprodukt denken
Um diesen Perspektivwechsel greifbar zu machen, erklärt Korbutt: "Ich strapaziere an diesem Punkt ganz gerne mit der Aussage, dass wir es doch eigentlich schaffen müssten mit unserem konventionellen Gut so gut am Kunden zu werden wie Ikea." Standardisierte Prozesse, zentrale Strukturen, gleiche Abläufe, einfache Systeme, eine klare Ausrichtung auf Kundinnen und Kunden. Ikea habe ein Momentum geschaffen, das die Menschen verstehen und mögen.
"Wir haben in unserem ÖPNV und Verkehrswendekosmos verlernt, standardisiert zu denken. Jeder Bus sieht anders aus. Jeder Bezug, jede Tür ist anders. Sogar bei der Lenkradhöhe gibt es Unterschiede und wir behaupten, dass es so sein muss. Muss es nicht." Es sei wichtig, darüber nachzudenken, wie ein Massenprodukt im ÖPNV verständlicher und einheitlicher gestaltet werden könne. Das Deutschlandticket nannte sie in diesem Zusammenhang als einen wichtigen Schritt.
Zum Abschluss ihres Vortrags kehrte Korbutt zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Veränderung beginne dort, wo Menschen bereit sind, gewohnte Muster zu verlassen, Irritationen auszuhalten und Verantwortung zu übernehmen – auch dann, wenn der Weg nicht sofort Zustimmung findet.




