Das Netzwerk betrachtet neue digitale Werkzeuge als produktivitätssteigernd und zukunftsweisend.

Das Netzwerk betrachtet neue digitale Werkzeuge als produktivitätssteigernd und zukunftsweisend.

Bild: @ Liubomir/AdobeStock

Ingo Hamm ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt und war Berater bei McKinsey & Company.Bild: © Julian Beekmann

Gastbeitrag von
Ingo Hamm,
Professor für Wirtschaftspsychologie
Hochschule Darmstadt


Virtuelle Meetings sind bequem – aber oft auch ermüdend und wenig inspirierend. Neurowissenschaftliche Studien zeigen: Der digitale Tunnelblick kann unsere Denkweise verengen und echte Inspirationsmomente blockieren.

Darüber schreibt der Wirtschaftspsychologieprofessor Ingo Hamm in einem Gastbeitrag – anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Buches  "Kettensprenger", das Wege zu selbstbestimmter und erfolgreicher Arbeit aufzeigt. Als ehemaliger McKinsey-Berater und Konzernmanager kennt Hamm die Anforderungen der modernen Arbeitswelt sowohl aus theoretischer als auch aus praktischer Perspektive.

Seine These: Die Zukunft liegt weder im reinen Homeoffice noch im starren Büroalltag – sondern in völlig neuen Formen des Teamworks.

Die Zukunft der Arbeit: Mehr Freiheit wagen – und trotzdem das "Wir" nicht verlieren

Wer heute von "Homeoffice" oder "Remote Work" spricht, klingt fast schon altmodisch. Gerade erst sind diese Begriffe aus einer Nische ins Zentrum des Arbeitsalltags und der gesellschaftlichen Debatte gerückt – und schon dienen sie als Zündstoff für neue Kontroversen. Sollen jetzt alle zurück ins Büro? Oder ist das Büro der Zukunft überhaupt noch ein Ort, an dem sich Menschen selbstverständlich begegnen?

Die wahre Herausforderung ist viel grundlegender: Es geht nicht nur um Präsenz oder Absenz, sondern um nichts Geringeres als die Frage, wie wir Arbeitsleben gestalten können, das sowohl individuelle Freiheit als auch gemeinschaftliches Zugehörigkeitsgefühl ermöglicht.

Menschen meiden das Büro selten, weil sie einfach den Arbeitsweg sparen oder sich über Dresscodes beschweren wollen. Viel grundlegender ist das Bedürfnis nach Autonomie. Selbstbestimmte Tagesgestaltung, mehr Privatsphäre, das Gefühl, nicht ständig fremdbestimmten Routinen zu unterliegen – das sind die echten Motive. Es geht um Respekt, um erwachsene Zusammenarbeit auf Augenhöhe, anstatt Micro-Management und restriktive Kontrolle.

Die Diskussion berührt deshalb große gesellschaftliche Fragen nach Freiheit, Würde und Selbstbestimmung. Nicht die Kaffeemaschine steht im Mittelpunkt, sondern der Wunsch, Räume fürs eigene Handeln zurückzugewinnen.

Virtuelle Teams – Vertrauen als große Baustelle

Digitale Tools, Video-Calls und Teamchats erleichtern vieles – aber sie bilden das Zwischenmenschliche eben nur sehr unvollständig ab. Wer für längere Zeit ausschließlich durch Bildschirme und Kacheln blickt, verliert allmählich den natürlichen Draht zum Team. Die Zwischentöne verschwinden, spontane Begegnungen, geteiltes Lachen, informelle Gespräche am Kaffeeautomaten fehlen. Studien zeigen: Vertrauen ist vielleicht der wichtigste Leistungsfaktor für Teams überhaupt.

Forschende fanden dabei heraus, dass Vertrauen in persönlichen Teams fast doppelt so stark auf die Leistung einzahlt wie in virtuellen Teams. Vertrauen ist also keine Nebensache, sondern das tragende Fundament für produktive Zusammenarbeit, Motivation und Engagement.

Virtuelle Meetings sind bequem, aber sie langweilen und machen uns häufig weniger kreativ. Neurowissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass der digitale Tunnelblick unsere Denkweisen verengt und echte Inspirationsmomente blockiert. Wer stundenlang nur auf einen Bildschirm starrt, verpasst jene kleinen Impulse von außen, die kreative Ideen überhaupt erst ermöglichen – das Unvorhergesehene, der freie Blick, die spontane Anspielung.

Spontane Assoziationen, spielerischer Austausch und ganzheitliches, vernetztes Denken entfalten sich in offenen, beweglichen Begegnungsräumen. Kreative Energie entsteht im Raum, im direkten Kontakt, im Miteinander.

Resilienz ist Teamsache – Isolation schwächt uns alle

Auch die so oft beschworene Resilienz leidet unter Vereinzelung und virtueller Isolation. Resilienz entfaltet sich viel weniger im stillen Kämmerlein – sie lebt von Austausch, geteiltem Umgang mit Rückschlägen und echten Beziehungen im Arbeitsalltag. Gerade wenn Herausforderungen und Unsicherheiten wachsen, ist sozialer Zusammenhalt der entscheidende Anker. Teams, die gemeinsam belastende Situationen meistern, entwickeln Höchstleistungen – emotionaler Halt und geteilte Erfahrung stärken das Gefühl, gemeinsam fast alles schaffen zu können.

Wer dagegen dauerhaft isoliert arbeitet, verliert nach und nach Motivation, verwandelt Belastung in Überforderung und wird eher anfällig für Stress und Erschöpfung. Resilienz ist also kein Solo-, sondern immer ein Gruppenerfolg.

Die Lösung ist kein ästhetischer Kompromiss, vielmehr der Königsweg moderner Arbeit: Das hybride Modell verbindet gezielt die Vorteile von Präsenz und Remote Work. Auch wenn es einfach klingt, liegt die Kunst in der Umsetzung. "Hybrid" muss dabei Struktur schaffen: Mit festen Routinen, klar definierten Tagen im Büro und verbindlichen Phasen für Arbeiten "on site" wird Zusammenhalt gestärkt.

Gleichzeitig behalten Mitarbeitende Autonomie für konzentriertes Arbeiten zuhause. Das Resultat: Produktivität kann nachweislich steigen, wenn Zusammenhänge und Schnittstellen bewusst organisiert und durch Führungskräfte aktiv begleitet werden.

Das Unsichtbare sichtbar machen – stille Motive in der Arbeitswelt

Hinter aller Technik und Organisation verbirgt sich eine unsichtbare Ebene. Unsere gemeinsamen Rituale, Motivationen und inneren Antriebe sind oft nicht Teil offizieller Meetings – aber sie entscheiden wesentlich über Erfolg und Zufriedenheit. Es geht um Sinn – die Suche nach einer Bedeutung in der eigenen Arbeit. Menschen wollen erleben, dass sie etwas bewegen, dass ihr Beitrag zählt. Zugehörigkeit, Anerkennung, Entwicklungsperspektiven und die Gelegenheit, selbstständig zu wachsen – all das sind unsichtbare, aber zentrale Motoren.

Die aktive Gestaltung dieser Motive, etwa durch Job Crafting – also das bewusste Mitgestalten des eigenen Arbeitsplatzes und der Aufgaben –, entfacht Engagement und Begeisterung. Welche Führungskraft erkennt das und fördert es aktiv? Wer den Menschen hinter der Arbeitskraft sieht, gewinnt Mitstreiter statt nur Erfüllungsgehilfen.

Unternehmenskultur entscheidet mehr denn je über Motivation und Bindung. Doch Kultur ist kein Zufallsprodukt, sondern wird gemacht: durch Vorleben, greifbare Werte, verbindliche Rituale und sichtbare Symbole. Es braucht Führungskräfte, die Werte glaubwürdig vorleben, Hierarchien abbauen, Fehler nicht als Makel, sondern als Lernchance begreifen. Auch Räume spielen hier eine Schlüsselrolle: Intelligente Gestaltung – mit Treffpunkten, Begegnungszonen, offenen Arbeitsflächen und Rückzugsorten – fördert Zusammenarbeit und spontane Kommunikation.

Es sind die berühmten "Waterholes“ der modernen Office-Architektur: Orte, an denen Teamgeist und Zugehörigkeit entstehen können, wie in einem natürlichen Ökosystem. Arbeit wird zukunftsfähig, wenn sie Kultur und Räume – nicht notwendigerweise im klassischen Büro! – so gestaltet, dass sich Zugehörigkeit und Individualität in Balance ergänzen.

Führungsstile im Wandel – Zwischen Diktat und Begleitung

Die Digitalisierung hat Führung grundlegend verändert. Moderne Führung ist situativ und individuell: Je nach Kompetenz und Motivation im Team wechseln Führungskräfte zwischen klarer Anleitung, gemeinsamem Erarbeiten von Lösungen, beratender Begleitung und schließlich vollständigem Delegieren. Entscheidend ist dabei Empathie – also ein echtes Gespür für die Menschen und die jeweilige Situation.

Nur wer bereit ist, zuzuhören, auf Augenhöhe zu agieren und Verantwortung zu teilen, wird in der hybriden Welt erfolgreich sein. Führung heute heißt: Beziehungsarbeit, Motivation und Vertrauen als Kernaufgaben annehmen.

In der Zukunft der Arbeit geht es nicht mehr um Gegensätze, sondern um die Balance: Die Integration von Freiheit und Gemeinschaft, von Verantwortung und Zugehörigkeit, von individueller Entfaltung und teamorientiertem Arbeiten. Wer dabei die grundlegenden psychologischen Motive versteht, Führung und Kultur auf Vertrauen und Dialog ausrichtet und Räume bewusst gestaltet, schafft nicht nur produktivere, sondern auch menschlichere und nachhaltigere Arbeitsumgebungen.

Die Zukunft gehört denen, die sowohl Freiheit als auch "Wir-Gefühl" wagen – und gestalten. Es ist Zeit für eine neue Arbeitskultur, die individuelle Autonomie fördert und das "Wir" zum verbindenden Element macht.

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