Jörg Hübeler ist Leiter Marktentwicklung bei Neste Deutschland

Jörg Hübeler ist Leiter Marktentwicklung bei Neste Deutschland

Bild: © Neste

Elektromobilität und Brennstoffzellen-Antriebe gelten als die beiden Grundpfeiler der Verkehrswende. Doch der Ausbau des Ladenetzes braucht noch Zeit. Auf Stadtwerke kommen zudem hohe Kosten zu, um die Flotte umzurüsten und neue Fahrzeuge anzuschaffen. Der finnische Kraftstoffhersteller Neste bietet eine Lösung an, die es nach Unternehmensangaben ermöglicht, bestehende Dieselfahrzeuge deutlich klimafreundlicher zu betreiben - ohne, dass die Ladeinfrastruktur dafür angepasst werden muss. "Neste MY Renewable Diesel" nennt sich das Produkt. Dahinter verbirgt sich sogenanntes "hydriertes Pflanzenöl" (Englisch: "Hydrotreated Vegetable Oil", HVO). Auch andere Unternehmen wie der französische Mineralölkonzern Total bieten reines HVO, sogenanntes HVO100, an.

Der erneuerbare Diesel wird zu 100 Prozent aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt. Bei Neste besteht er zu 92 Prozent aus Abfallprodukten wie Fetten und Speiseöl sowie aus anderen Reststoffen. Auf Palmöl verzichtet der Hersteller nach eigenen Angaben in Deutschland vollständig. Auch weltweit möchte das Unternehmen bis Ende 2023 auf den umstrittenen Ausgangsstoff verzichten.

Flotte dekarbonisieren

Das Versprechen bei erneuerbarem Diesel von Neste: Der Kraftstoff spart gegenüber fossilem Diesel bis zu 90 Prozent an CO2-Emissionen ein. Durch das Verbrennen von HVO werden zwar Emissionen frei. Das CO2 wurde aber zuvor von den Pflanzen aus der Atmosphäre gebunden, wie der Hersteller erklärt. Bei der Elektromobilität müsse man zudem berücksichtigen, dass der aktuelle deutsche Strommix noch zu gut 50 Prozent aus fossilen Quellen stamme und Elektrofahrzeuge indirekt ebenfalls für Treibhausgasemissionen sorgten.

"HVO ist dagegen eine Lösung, um schon heute die kommunale Flotte zu dekarbonisieren", sagt Jörg Hübeler, Leiter Marktentwicklung bei Neste Deutschland. "Gerade bei Sonderfahrzeugen – etwa Kehrmaschinen bei der Straßenreinigung oder Fahrzeugen für Abfalltransporte – ist HVO der schnellste und effizienteste Weg, um die Emissionsminderungsziele für den Fuhrparks zu erreichen."

Als weiteres Beispiel nennt der Neste-Experte den Winterräumdienst. Dort brauche es Fahrzeuge, die etwa bei Minusgraden und über lange Zeiträume hinweg kehren könnten. Batteriebetriebene Fahrzeuge würden hier an ihre Grenzen stoßen. Hier sieht Hübeler gute Argumente für einen dauerhaften Einsatz von HVO. Bei der Busflotte wäre dies vor allem im Übergang attraktiv: Denn hier müssten Stadtwerke in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren hohe Investitionen stemmen, um Dieselfahrzeuge zu ersetzen. "Mit unserem erneuerbaren Diesel können bereits im Einsatz befindliche Stadtbusse noch einige Jahre weiter betrieben werden."

Modellprojekt in Bamberg

Ein Modellprojekt dazu findet bald in Bamberg statt (die ZfK berichtete). Dort haben die Stadtwerke angekündigt, den Betrieb ihrer Busflotte mit dem "Klima-Diesel" aus 100 Prozent hydrierten Pflanzenölen zu testen. Das Pilotprojekt soll Mitte April mit zwei Bussen starten. Ab Sommer sollen alle 57 konventionell betriebenen Busse der Stadtwerke ausschließlich mit dem 100 Prozent regenerativen Kraftstoff HVO100 betankt werden.

Während der Pilotphase sollen die Motorleistungen beobachtet und die Abgase der Busse detailliert analysiert werden. Hat sich der Kraftstoff bewährt, werden ab dem Sommer alle 57 konventionell betriebenen Busse der Stadtwerke ausschließlich mit dem "Klima-Diesel" betankt.

Hersteller geben Fahrzeuge frei

Aufgrund der wenigen Pilotprojekte ist derzeit noch offen, wie alte Fahrzeuge auf den Einsatz von HVO reagieren. Laut dem Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) haben jedoch mittlerweile annähernd alle Fahrzeughersteller die von ihnen produzierten Dieselmotoren für HVO100 freigegeben – teilweise sogar rückwirkend für Bestandsfahrzeuge. Für Lkw und Busse lägen diese Freigaben bereits seit mehreren Jahren vor.

"Grundsätzlich können auch ältere Fahrzeuge den erneuerbaren Diesel tanken, wenn ein sogenannter XtL-Aufkleber im Tankdeckel zu finden ist", sagt auch Hübeler.

Zudem sei der Kraftstoff in Reinform lange lagerfähig und habe eine extreme Winterstabilität bis zu minus 22 Grad. In den nordischen Ländern wie etwa in Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Estland, Lettland und Litauen ist HVO auch deutlich verbreiteter. In Deutschland sind HVO-Kraftstoffe nur als geringfügige Beimischung von bis zu 26 Prozent zu konventionellen Kraftstoffen an öffentlichen Tankstellen erhältlich.

HVO in Reinform an öffentlichen Tankstellen

Stadtwerke dürfen den erneuerbaren Diesel allerdings schon heute nutzen, wenn sie ihn nur für Flottenfahrzeuge einsetzen und in einer eigenen Tankstelle betanken. Denn im öffentlichen Nahverkehr und in Non-Road-Anwendungen ist hundertprozentiges HVO bereits zulässig.

Im Februar haben sich nun die Ampel-Regierungsfraktionen darauf geeinigt, HVO auch in Reinform an öffentlichen Tankstellen freizugeben. Dazu soll der erneuerbare Dieselkraftstoff in die entsprechende DIN-Norm in der 10. Bundesimmissionsschutzverordnung (BImSchV aufgenommen werden. Eine Umsetzung dieses Beschlusses ist allerdings erst 2024 zu erwarten.

Preisunterschied zu Diesel

Den Preisunterschied zu fossilem Diesel beziffert Hübeler auf derzeit 30 Cent pro Liter. Die Differenz könnte in den kommenden Jahren noch schrumpfen. "Dafür sparen die Unternehmen allerdings Zusatzkosten für neue Elektrofahrzeuge und Ladeinfrastruktur ein."

Sorgen, dass die Rohstoffe für HVO ausgehen könnten, macht der Neste-Vertreter sich keine. So betrage die Gesamtproduktionskapazität für alle erneuerbaren Produkte des Konzerns derzeit rund 3,3 Mio. Tonnen. Bis Ende des Jahres soll die Kapazität auf 5,5 Mio. Tonnen ansteigen und bis 2026 auf 6,8 Mio. Tonnen jährlich ausgeweitet werden. Die globale HVO-Produktion wird 2025 voraussichtlich 30 Mio. Tonnen überschreiten, wie der Biodiesel-Händler Greenea 2021 prognostiziert hat.

"Der Rohstoffpool hat global enormes Skalierungspotenzial", sagt Hübeler. "Wir arbeiten derzeit auch an weiteren Ausgangsrohstoffen für die Produktion von unserem erneuerbaren Diesel."

Deutsche Bahn setzt auf HVO

In Deutschland setzt unter anderem die Deutsche Bahn bereits HVO bei Güterzügen ein. Der Vorteil aus Sicht des Unternehmens: Bestehende Dieselloks müssen nicht angepasst werden. Der Konzern plant, die noch bestehenden 3000 Dieselloks Schritt für Schritt mit dem Biokraftstoff zu betreiben. Nach Angaben der Bahn spart HVO rund 90 Prozent der CO2-Emissionen gegenüber Diesel ein.

Auch das Technologieunternehmen Liebherr setzt auf HVO: So hat das Liebherr-Werk in Ehingen (Baden-Württemberg) mit dem Einsatz von HVO100 begonnen. Die Nutzung umfasse nicht nur die Erstbetankung der Produkte vor der Auslieferung, sondern auch der Anlagen und der Unternehmensinfrastruktur. "Wir wollen HVO überall dort einsetzen, wo es gesetzlich erlaubt ist und wir eine stabile Versorgungslage durch Lieferanten gewährleisten können", lässt sich Phillip Federle, Abteilungsleiter Kranfahrzeuge Liebherr, auf der Unternehmenswebsite zitieren.

Technologieoffene Verkehrswende

Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) zeigt sich gegenüber dem Kraftstoff aufgeschlossen. "Um den Verkehr klimafreundlich zu gestalten, setzt sich das BMDV für einen technologieoffenen Ansatz ein", teilt ein Ministeriumssprecher mit. "Neben E-Fuels sind auch Biokraftstoffe wie HVO eine wichtige Option, insbesondere für die Bestandsflotte."

Ökologisch sei der Einsatz von HVO eine sinnvolle Alternative, da sich bis zu 95 Prozent an Treibhausgasen gegenüber fossilem Diesel einsparen ließen. "Inwieweit sich der Einsatz von HVO gegenüber E-Mobilität oder Wasserstoff wirtschaftlich rechnet, hängt vom konkreten Anwendungsfall und den jeweiligen Total Costs of Ownerhip, also den Gesamtkosten des Fahrzeuges über die Nutzungsdauer, ab", so der Sprecher.

Einsatz erst erproben

Zurückhaltender äußert sich dagegen der Verband kommunaler Unternehmen (VKU). "Aktuell beschäftigen sich die Gremien des VKU mit der Positionierung zum Einsatz von sogenannten HVO (Hydrotreated Vegetable Oils) als Kraftstoff in Fuhrparks kommunaler Unternehmen", sagt eine Sprecherin des kommunalen Branchenverbandes. "Dies ist ein Prozess, der auch davon abhängt, dass der tatsächliche Einsatz erprobt ist und belastbare Ergebnisse vorliegen." (jk)

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