Generalmajor Wolf-Jürgen Stahl ist seit 2024 Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin.

Generalmajor Wolf-Jürgen Stahl ist seit 2024 Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin.

Bild: © BAKS

Generalmajor Wolf-Jürgen Stahl ist Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS). Die Akademie ist die zentrale Weiterbildungsstätte der Bundesregierung für Sicherheitspolitik. Ziel ist, durch Weiterbildung, Konsultation und Kommunikation ein umfassendes Verständnis für die sicherheitspolitischen Ziele Deutschlands zu fördern. Der 2025 neu geschaffene Nationale Sicherheitsrat fungiert als Kuratorium der BAKS. Aus der Bundeswehr bringt Stahl ein breites Erfahrungsspektrum ein. Dazu zählen mehrere Auslandseinsätze, zuletzt als Kommandeur in Afghanistan von 2017 bis 2018 und Funktionen im Bundesministerium der Verteidigung. Im ZFK-Interview erklärt er, wie verwundbar die kommunale Infrastruktur ist und wie sich Stadtwerke auf die Bedrohung einstellen können.

General Stahl, wie verwundbar ist die kommunale Infrastruktur in Deutschland – Strom, Wasser, Entsorgung, Verkehr?

Als Soldat sage ich: Physisch ist jede Infrastruktur angreifbar. Mit den heutigen Waffensystemen – das zeigt der Ukrainekrieg eindeutig – können Sie alles treffen. Aber die entscheidendere Frage ist, was unterhalb der Schwelle einer offenen militärischen Auseinandersetzung passiert. Und da ist schon sehr viel im Gange – ich würde das militärisch als hybriden Angriff bezeichnen.

Was meinen Sie konkret?

Cyberangriffe, Desinformation, Sabotage – das sind die Instrumente des hybriden Krieges. Es geht nicht darum, Infrastruktur mit Waffengewalt physisch zu zerstören, sondern darum, zu stören, zu destabilisieren, zu verunsichern, Stimmungen zu schüren und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schwächen. Wenn jemand über Cyberangriffe in ein Wasserversorgungssystem eindringt und Parameter verändert, kann dies letztendlich auch zu physischen Schäden führen – ganz ohne eine einzige Rakete.

Wie haben sich staatsgelenkte Cyberangriffe in den vergangenen Jahren entwickelt?

Die Aktivitäten nehmen zu – das bestätigt das BSI in seinen Jahresberichten, Bitkom beziffert den jährlichen Schaden durch Cyberkriminalität auf 250 Milliarden Euro. Bei staatsgelenkten Angriffen ist Russland der Hauptakteur. Deutschland ist dabei ganz oben auf der Zielliste – wir sind die größte Volkswirtschaft in Europa, ein Meinungsführer, geografisch in der Mitte. Wenn hier nichts mehr funktioniert, blockiert das den gesamten europäischen Nachschub Richtung Osten.

In Russland wird Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen noch vor den USA als Feind Nummer eins gesehen.

Russland zielt also bewusst auf Deutschland?

Ja, und zwar auch deshalb, weil wir aufgrund unserer jahrelang engen Beziehungen zu Russland empfänglicher sind als andere Länder. In Russland wird Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen noch vor den USA als Feind Nummer eins gesehen. Das ist nicht spontan – das ist gezielte Indoktrination. Und bei uns verfängt russische Desinformation leichter als etwa in Finnland oder Schweden.

Warum sind die Skandinavier resistenter?

Die Finnen zum Beispiel haben die Russen noch nie unkritisch betrachtet. Sie haben sich jahrzehntelang auf eine mögliche Konfrontation vorbereitet und glauben an ihre Fähigkeit, diese zu bestehen. Das Mindset ist entscheidend. Dieses Mindset haben wir in Deutschland nicht – wir haben eine andere Debattenkultur, sind schneller verunsichert. Die "German Angst" ist international kein Klischee, sondern eine strategische Schwachstelle.

Gibt es neben Russland weitere staatliche Akteure, vor denen Stadtwerke auf der Hut sein müssen?

China betreibt intensive Spionage – über den Cyberraum, über Studierende an Universitäten, über Mitarbeiter in Unternehmen. Es geht nicht nur ums Abschöpfen von Informationen, sondern auch um Meinungsbeeinflussung: Wie wird China wahrgenommen? Sollen wir abhängig bleiben? Das sind wirtschaftspolitisch relevante Fragen. Iran und Nordkorea agieren ebenfalls aktiv, schwerpunktmäßig mit Spionage.

Wenn der Strom in Südwest-Berlin ausfällt, schaut im Rest Deutschlands die Bevölkerung nicht aufs Regierungsviertel in Berlin – sie schaut auf ihr Stadtwerk.

Nach dem Berliner Stromausfall ist die Debatte auch auf kommunaler Ebene angekommen. Werden Stadtwerke in der nationalen Sicherheitsstrategie mitgedacht?

Ja, denn nationale Sicherheit ist immer ganzheitlich zu denken – im Wirkverbund von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Und kommunale Versorgungsunternehmen vereinen genau das: Sie sind Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge, sie sind Arbeitgeber, oft in kommunalem Eigentum. Wenn der Strom in Südwest-Berlin ausfällt, schaut im Rest Deutschlands die Bevölkerung nicht aufs Regierungsviertel in Berlin – sie schaut auf ihr Stadtwerk.

Wie gut sind Kommunen und Stadtwerke über die aktuelle Bedrohungslage informiert?

Das Problem ist heute nicht fehlende Information. BSI, Verfassungsschutz, BKA, Verbände – es gibt reichlich Berichte und Lageeinschätzungen. Die Herausforderung ist, die richtigen Informationen herauszufiltern und zu bewerten. Viele Kommunen haben schlicht keine Ressourcen, kein qualifiziertes Personal, die dafür zuständig sind.

Die Bedrohungslage wird nicht besser werden. Warum sollte Putin aufhören? Er hat jeden Grund weiterzumachen – und wird das intensiver tun.

Was würden Sie sich wünschen?

Eine nationale Bedrohungsanalyse – ein Dokument, in das alle relevanten Behörden einzahlen und das regelmäßig aktualisiert wird. Die Niederlande und Schweden machen das vor. Es geht nicht um Geheimhaltung, sondern um ein gemeinsames Lagebild, auf das sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beziehen können.

Auf welche hybriden Szenarien müssen sich Stadtwerke konkret einstellen?

Die Bedrohungslage wird nicht besser werden. Warum sollte Putin aufhören? Er hat jeden Grund weiterzumachen – und wird das intensiver tun. Zweitens: Die Komplexität unserer vernetzten Systeme schafft immer mehr Angriffspunkte – ein Schiff, das ein Unterseekabel kappt, ein Cyberangriff auf Windanlagen-Steuerungen, ein Brandanschlag auf ein Umspannwerk. Die Bandbreite ist enorm. Mein Rat an Versorgungsunternehmen: Bilden Sie sogenannte "Red Teams", die das eigene Unternehmen aus der Perspektive von Gegnern betrachten. Stellen Sie sich intern die Frage: Wo sind unsere verwundbarsten Punkte? Und was tun wir, wenn es passiert? Schutz ist zudem Führungsaufgabe – nicht der IT-Abteilung, nicht irgendeiner Stabsstelle. Es ist Chefsache.

Stichwort Resilienz: Was ist das Wichtigste?

Das richtige Mindset entwickeln. Wir sollten uns nicht darüber aufregen, dass es draußen regnet – wir sollten einen Regenschirm dabeihaben. Übersetzt: Wer für Wasser, Strom oder Wärme sorgt, muss Ausfälle als Teil der Realität akzeptieren und Notfallpläne haben. Egal ob der Grund ein Cyberangriff, ein Kabelfeuer oder ein Extremwetterereignis ist – die Wirkung für die Bevölkerung ist dieselbe. Und die erwarten, dass ihr Stadtwerk funktioniert.

Aber auch von der Bevölkerung ist zu erwarten, dass sie auf temporäre Ausfälle vorbereitet ist und dass den kommunalen Versorgungsunternehmen vertraut wird, dass temporäre Störungen schnellstmöglich beseitigt werden.

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