Grundsätzlich positiv sieht Michael Friedrich, Sprecher von Greenpeace Energy, die Ankündigung der Bundesregierung, die aus seiner Sicht überfällige nationale Wasserstoffstrategie auf den Weg zu bringen. Wichtig sei nun, dass erneuerbarer Wasserstoff entsprechend seiner energiepolitischen Bedeutung in die künftige Energiesystemplanung der Bundesregierung einbezogen und der Strom- und Gasnetzausbau gemeinsam betrachtet würden. Zudem brauche es "klare Zielvorgaben zum Ausbau der deutschen Elektrolyseurkapazitäten, mit einem klaren Zeithorizont und der Prämisse von 100 Prozent erneuerbaren Energien in Deutschland im Jahr 2040, weil nur so das 1,5-Grad-Ziel von Paris zu erreichen ist", unterstreicht Friedrich gegenüber der ZfK.
An Hemmnissen sieht er neben der hohen Abgaben- und Umlagenbelastung von Elektrolyseuren auch die aktuell noch hohen Investitionskosten, "da derzeit kein sinnvolles Markteinführungsprogramm existiert, das Economies of Scale-Effekte auslöst, wodurch die Kosten pro installiertem Kilowatt Leistung zügig gesenkt und zugleich Wirkungsgradpotenziale erschlossen werden können". Auch das aufwendige Genehmigungsverfahren sieht er als Hürde, da Elektrolyseure als industrielle chemische Anlagen eingestuft werden. Aufgrund nicht vorhandener klarer CO2-Minderungsvorhaben für die verschiedenen Wirtschaftssektoren fehlten zudem die Absatzmärkte.
26.000 Windgas-Kunden – erfolgreiche Zusammenarbeit mit Stadtwerken
Greenpeace Energy selbst könne dieses Problem allerdings aufgrund "der Förder- und Mehrzahlbereitschaft" seiner derzeit bundesweit 26.000 Windgas-Kunden meistern. Diese bezahlen für das Gemisch aus Erdgas und Wasserstoff (Beimischung derzeit rund 1 Prozent) einen Fördercent von 0,4 Cent/kWh auf den normalen Gaspreis. Hergestellt wird das Windgas per Elektrolyse aus überschüssigem Windstrom von Enertrag im brandenburgischen Prenzlau, den Stadtwerken Mainz und Brunsbüttel sowie vom Stadwerk Haßfurth (Bayern), mit dem die Ökoenergiegenossenschaft gemeinsam einen Elektrolyseur betreibt.
"Die Zusammenarbeit ist gut und beiderseits vorteilhaft. Wir können so neue Quellen für grünen Wasserstoff erschließen und ermöglichen den Stadtwerken umgekehrt den wirtschaftlichen Betrieb ihrer Elektrolyseure auch nach Auslaufen der Förderung für deren Bau. Weitere Projekte stehen vor der Genehmigung und werden umgesetzt werden, sind aber noch nicht spruchreif", sagt Friedrich.
Arge Netz: Technologische Führungsposition bei PtX ausbauen
"Damit die Energiewende weiter Wachstumsmarkt bleibt, muss die technologische Führungsposition im Bereich PtX konsequent ausgebaut werden. Die Technik ist einsatzreif, und die Unternehmen wollen in die grüne Energiezukunft investieren. Dabei bleibt es unerlässlich, dass die Bundesregierung zügig einen breiten Marktrahmen für P2X-Lösungen schafft". Dies unterstreicht Björn Spiegel, Vizepräsident des Bundesverbandes Windkraft (BWE) und Leiter der Politikabteilung bei der Erneuerbaren-Unternehmensgruppe Arge Netz gegenüber der ZfK. Die jetzt ausgelobten Reallabore für Power-to-Gas und die bereits angekündigte Wasserstoffstrategie der Bundesregierung sieht er als einen wichtigen ersten Schritt.
Zeitlich begrenzte Capex-Förderung für Elektrolysen einführen
Nötig sei jedoch, flankierend die CO2-Bepreisung in allen Sektoren umzusetzen, eine zeitlich begrenzte Capex-Förderung für Elektrolysen einzuführen sowie die Elektrolyse analog zur besonderen Ausgleichsregelung von Abgaben und Umlagen zu befreien, fordert Spiegel. Dies habe sich auch in den vom Bundeswirtschaftsministerium (BWMi) geförderten SINTEG-Projekten, wie dem Reallabor NEW 4.0 gezeigt, an welchem die Arge Netz beteiligt ist.
"Es ist positiv, dass das BMWI nicht mehr um das Ob einer CO2-Bepreisung und die Absenkung von Strompreisbestandteilen spricht, sondern um das Wie. Gleichzeitig muss jetzt allen Beteiligten in Bund, Ländern und Kommunen klar sein, dass wir beim Ausbau der Erneuerbaren nicht nachlassen dürfen. 65 Prozent bis 2030 sind schlicht eine klima- und energiepolitische Notwendigkeit. Es ist entscheidend, dass die Politik im Klimakabinett am 20. September jetzt mutig die Weichen für die neue Energiewelt stellt", sagt Spiegel.
Dena: Pro Quotenregelung für grüne Gase
Um die Nachfrage zu erhöhen, plädiert auch Jeannette Uhlig, Seniorexpertin Sektorkopplung bei der Deutschen Energie-Agentur (Dena), gegenüber der ZfK für ein Markthochlaufprogramm. Ergänzend brauche es Quotenregelungen zur Erhöhung der Nachfrage nach erneuerbaren und synthetischen Gasen in den Sektoren, beispielsweise eine Grüngasquote für das Gasnetz oder eine spezielle Unterquote im Kraftstoffsektor. (hcn)
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Mehr zur Marktentwicklung und -potenzialen von grünem Wasserstoff sowie den nötigen politischen Rahmenbedingungen finden Sie in der aktuellen September-Ausgabe der ZfK.
