Verdi-Chef Frank Bsirske.

Verdi-Chef Frank Bsirske.

Bild: © Verdi

"Die Präsenzkultur ist ein Auslaufmodell." Davon zeigte sich Frank Bsirske, Vorsitzender der Dienstleistungsgesellschaft Verdi, bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der VKU-Verbandstagung überzeugt. Das Thema der Diskussionsrunde: "Arbeiten 4.0 – Gestaltung digitaler Arbeitswelten". Über die Anwesenheit alleine könne sich künftig kein Mitarbeiter mehr definieren, sondern ausschließlich über Ergebnisse, so Bsirske.

Verdichtung der Arbeit

Die "Digitalisierung mache Leistung quantitativ und qualitativ messbar", das zwinge den Einzelnen in einem noch größeren Maß, sich mit der eigenen Leistungsfähigkeit auseinanderzusetzen. Der digitale Wandel führe aber auch zu einer Verdichtung der Arbeit, die mit ihr einhergehende Transparenz mit Blick auf die Leistung berge auch die Gefahr, dass Daten als Herrschaftsinstrument eingesetzt würden, so der Gewerkschafter. "Amazon ist hier ein Extrembeispiel. Hier werden Mitarbeiter zum Teil wegen zweimaliger Inaktivität innerhalb von fünf Minuten bereits zum Vorgesetzten zitiert", kritisierte Bsirske. Unter Inaktivität könne dabei bereits bloßes Stehen fallen.

Grundsätzlich berge die Digitalisierung aber ein großes Chancenpotenzial für Arbeitnehmer, beispielsweise die Möglichkeit, zeit- und ortsunabhängig zu arbeiten. "Nicht die Digitalisierung ist das Problem, sondern das, was die Menschen daraus machen", stellte der Verdi-Chef klar. Im Zuge des digitalen Wandels würden gerade Skills wie Prozessmanagement, Selbstreflexivität und Teamfähigkeit wichtiger.

Bsirske: "Personalvertretungen früh einbinden"

Für solche Ziele ließen sich auch die Personalvertretungen der Unternehmen gewinnen. "Wichtig ist, dass man sie möglichst früh einbindet und offen und transparent kommuniziert", forderte er. Angesichts des beschleunigten Strukturwandels in den nächsten acht Jahren komme der Weiterentwicklung des Bildungs- und Ausbildungssystems eine Schlüsselrolle zu.

"Wann endet die Arbeit und wann beginnt die Freizeit?"

Die Berliner Wasserbetriebe setzen bei ihren Digitalisierungsprojekten auf agile Methoden und ganz bewusst auf Teams aus jüngeren Digital Natives und älteren Mitarbeitern, die in diesem Bereich ihr Know-how noch ausbauen wollen. Dadurch entstehe eine andere Arbeitskultur, gleichzeitig würden Ängste genommen und letztlich auch gute Ergebnisse erzielt.

In diesen sogenannten Sprints werden Prototypen entwickelt, wie beispielsweise eine digitale Bauakte, sagte Kerstin Oster, Vorständin Personal und Soziales bei den Berliner Wasserbetrieben. Sie sieht in der zunehmenden Entgrenzung der Arbeit ein zunehmendes Problem. "Die Frage ist, wann endet die Arbeit und wann beginnt die Freizeit", so Oster. Die Flexibilisierung der Arbeit werde künftig noch deutlich zunehmen.

"Kommunale Unternehmen haben Vorbildfunktion"

"Die Digitalisierung wird auch über die Attraktivität der Städte entscheiden", betonte Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Aktuell hätten nur 15 Prozent der Kommunen einen konkreten Plan, wie sie die Digitalisierung umsetzen wollten. Kommunale Unternehmen hätten bei dem Thema eine Vorbildfunktion und müssten mit Blick auf den IT-Fachkräftemangel noch mehr mit ihren "attraktiven und sinnvollen Arbeitsplätzen" werben. Eine fest definierte Wochenarbeitszeit wird es laut Lansberg in zehn Jahren nicht mehr geben. "Die Leute werden zum großen Teil von zu Hause aus arbeiten."

Frank Bsirskes Prognose ging in die gleiche Richtung, in zehn Jahren werde es ein Wochenarbeitszeitkontingent geben. Doch wer profitiere eigentlich von der Digitalisierung und der damit einhergehenden höheren Produktivität? "Wäre dann nicht auch eine Arbeitszeitverkürzung die notwendige Antwort, um auf den steigenden Druck und die Arbeitsverdichtung zu reagieren?", fragte der Gewerkschaftschef. (hoe)

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