Der Abschied von russischem Erdgas wird nach Ansicht des designierten Rheinenergie-Chefs Andreas Feicht die Energiemärkte nachhaltig verändern. „Die Preise werden steigen, auf dem Weltmarkt hat niemand auf uns gewartet“, sagte Feicht am Mittwoch auf der Stadtwerketagung des Handelsblatts. Die großen LNG-Exporteure wie Katar erwarteten langfristige Abnahmeverträge, Deutschland hingegen verfolge ein klares Klimaziel. Dazwischen müsse ein Kompromiss gefunden werden. „Das führt zu mehr Volatilität“, erklärte Feicht. „Wir bekommen kurzfristige Strukturen. Das Marktmodell, dass wir hatten, geht zu Ende.“
Die beiden Interessenlagen zusammenzuführen sei im Wesentlichen eine politische Aufgabe. Die Vertragsdauer bei den LNG-Verträgen werde sich zwischen zehn und 15 Jahre bewegen. „Unter zehn Jahren wird es nicht gehen“, so der frühere Energie-Staatssekretär. Die Pläne der Bundesregierung für den zügigen Bau von zwei bis drei schwimmende LNG-Terminals in Norddeutschland gingen in die richtige Richtung, doch seien die Kapazitäten eben begrenzt.
Warnung vor staatlichen Eingriffen in den Strommarkt
„Es ist ein erster Schritt auf einem langen Weg“, so Feicht weiter. Da Deutschland und Europa bei der Erdgasbeschaffung eine Prämienaufschlag zahlen müssten und das Preisniveau hoch bleibe, werde dies auch Konsequenzen für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit haben. „Es kann sein, dass wie gewisse Wertschöpfungsstufen verlieren“, betonte Feicht. In die Debatte darüber müsse die Politik nach der Bewältigung des Krisenmanagements ab der zweiten Jahreshälfte einsteigen.
Nachdrücklich warnte der künftige Rheinenergie-Chef von staatlichen Eingriffen in den Stromgroßhandelsmarkt, wie etwa die Entscheidung Frankreichs, Gaskraftwerke von der Preisfestsetzung auszuschließen. „Davon halte ich gar nichts“, sagte Feicht. Eine Folge der höheren Volatilität sei auch, dass die Anforderungen an das Portfoliomanagement der Energieversorger für die Beschaffung immer größer würden. Zudem werde deutlich mehr Kapital benötigt, um die gestiegenen Risiken abfedern zu können.
"Die Energiekrise ist noch nicht überall angekommen"
Mit Blick auf die von der Bundesregierung beschlossenen Entlastungen für die privaten Haushalte, appellierte der frühere Energie-Staatssekretär, die Belastungen durch die Preisexplosion auch für den unteren Mittelstand nicht zu unterschätzen. „Die Krise ist noch nicht überall angekommen, auch noch nicht bei den Jobs.“ Wenn die Politik hier nicht frühzeitig reagiere, könnten in der Folge die Spaltungstendenzen in der Gesellschaft zunehmen. (hil)



