Deutschland wird den Großteil seiner selbstgesteckten Ziele für die Energiewende bis 2020 verfehlen. Gleichzeitig ist mittelfristig nach dem beschlossenen Atom- und Kohleausstieg die Versorgungssicherheit gefährdet, wenn die abgeschalteten Kapazitäten nicht rechtzeitig flexibel ersetzt werden und der Ausbau der Transportnetze schneller vorankommt. Zu diesem Fazit kommt der Energiwende-Index, in dem McKinsey seit 2012 halbjährlich den Status der Energiewende in Deutschland beurteilt.
Mit 866 Mio. Tonnen lagen die CO2-Emissionen 2018 trotz einer Reduktion um 4,5 Prozent gegenüber 2017 immer noch 116 Mio. Tonnen über dem anvisierten Ziel von 750 Mio. Tonnen CO2e. McKinsey-Seniorpartner Thomas Vahlenkamp warnt angesichts dessen: "Laufen die Emissionseinsparungen im gleichen Tempo weiter wie im vergangenen Jahrzehnt, werden die CO2e-Ziele für 2020 erst acht Jahre später erreicht und die Ziele für 2030 sogar erst 2046."
Erfolge im Stromsektor – Rückschläge bei Verkehr und Industrie
Bisher hat McKinsey zufolge fast ausschließlich der Stromsektor zu den CO2e-Einsparungen beigetragen: im ersten Halbjahr 2019 konnte ein Minus von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum festegestellt werden. Im Heizsektor wurden die Emissionen ebenfalls reduziert – um zehn Prozent von 130 Mio. auf 117 Mio. Tonne CO2e reduziert. Im Gegensatz dazu seien im Verkehrssektor die Emissionen seit 2012 von 153 Mio. auf 162 Mio. Tonnen CO2e gestiegen.
Auch in der Industrie hat sich laut McKinsey der CO2e-Ausstoß von 180 Mio. auf 196 Mio. Tonnen erhöht. Die Schlussfolgerung der Berater: Um den CO2e-Ausstoß substanziell zu senken, bedarf es neben weiteren Maßnahmen für mehr Energieeffizienz einer umfassenden Elektrifizierung von Verkehr, Wärme und Industrie, Stichwort „Sektorkopplung“. Nur so könnten auch diese Sektoren von der CO2e-freien Energieerzeugung durch Wind- und Solaranlagen profitieren.
Deutschland drohen Versorgungsengpässe
Der beschlossene Kohleausstieg sieht die Abschaltung von 29 Gigawatt (GW) Kohlekapazität bis 2030 und weiteren 17 GW bis 2038 vor. "In den nächsten zehn Jahren gehen somit im Zuge des Atom- und Kohleausstiegs rund 43 Prozent der gesamten gesicherten Leistung des Jahres 2018 vom Netz", warnt McKinsey-Experte Vahlenkamp. Ohne ausgleichende Maßnahmen sei die Versorgungssicherheit in Deutschland in Gefahr. Bis 2030 würden Kapazitäten von 17 GW benötigt, um die Stilllegungen zu kompensieren, um Schwankungen bei den Erneuerbaren auszugleichen und Spitzenlasten abzufedern.
Passiert dagegen nichts, könnten schon ab Mitte des kommenden Jahrzehnts Engpässe auftreten, die sich bis 2030 verschärfen. Vor allem mit Blick auf 2023, wenn das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet und voraussichtlich die erste Phase des Kohleausstiegs umgesetzt sein wird, gibt es McKinsey zufolge akuten Handlungsbedarf, da die reine Bauzeit eines Gaskraftwerks 1,5 bis 2,5 Jahre beträgt – Planungs- und Genehmigungszeiten nicht eingerechnet.
Fehlende Stromtrassen als Risiko
Um keine Versorgungsengpässe zu riskieren, sollten daher die Erneuerbaren weiter ausgebaut werden, insbesondere der ins Stocken geratene Windenergieausbau. Zudem müssten neue flexible Kraftwerke errichtet oder vorhandene Kraftwerke als Reserve erhalten werden. Auch die Transportnetze müssten verstärkt werden. Bis zum ersten Quartal 2019 wurden jedoch nur 1.087 km der bis 2020 geplanten rund 3.600 km Stromtrassen fertiggestellt. Vahlenkamp klingt fast schon fatalistisch: "Läuft der Netzausbau in diesem Tempo weiter, wird das Ziel für 2020 erst im Jahr 2037 erreicht." (sig)


