Der Präsident der Bundesnetzagentur Jochen Homann begrüßte launig das Publikum bei den 14. Deutschen Energietagen in München: Nach eineinhalb Jahren Streitereien um den 5G-Ausbau sei es schön, wenn es mal wieder um die Energiewende gehe.
Dennoch ärgert sich der BNetzA-Präsident, dass immer noch nicht bei allen klar sei, dass der Bau der Stromautobahnen von Norden nach Süden notwendig sei. Die Lücke, die durch den Atom- und Kohleausstieg gerissen werde, lasse sich nicht durch Erneuerbare-Energien schließen, "das gehe an der Realität vorbei".
Sektorenkopplung im Norden mindert Strommenge für den Süden
Und auch die Speichermöglichkeiten in Deutschland seien keineswegs ausreichend, eine Dunkelflaute zu kompensieren. Von den nötigen 20 Terrawattstunden, die über Speicher zur Verfügung stehen müssten, sei man meilenweit entfernt.
Was ihm inzwischen auch Sorgen mache: Dass man im Norden darüber nachdenke, was man mit dem überschüssigen Strom, der eigentlich in den Süden transportiert werden solle, machen soll. Wenn man diesen in die Sektorenkopplung schiebe, fehle er im Süden. Dennoch sei die Sektorenkopplung sinnvoll, aber sie könne nicht das Stromnetz ersetzen.
50 Millionen Energieexperten
Ärgerlich sei auch das, was die Politik teilweise verbreite: Zuletzt habe man in Bayern bejubelt, dass der Freistaat eine Stromleitung "wegverhandelt" habe. Dies sei ein Vorschlag der beiden Ministerien gewesen, noch längst jedoch keine Festlegung. Widerspreche man dem, sehe es aus, als würde die Bundesnetzagentur das hintertreiben, was die Politik geplant habe.
Unterstützung gab es auch von Transnet-BW-Chef Werner Götz: Es könne nicht die Frage im Raum stehen, brauchen wir dieses Projekt? "Die Zahlen sprechen alle dagegen". Inzwischen sei es bei wie beim Fußball, wenn zu Weltmeisterschaften 50 Millionen Bundestrainer die Geschehnisse kommentieren. Jetzt habe man 50 Millionen Experten, die wissen, wie die Energiewende funktioniere.
Mehr Gewissheit vor Bürger-Informationspolitik nötig
Lars Rößing, Gleichbehandlungsbeauftragter von Amprion sieht zum Teil auch bewusste Falschmeldungen, die an Bürger – auch von Bürgerinitiativen – herangetragen würden. "Wir können die Akzeptanprobleme nicht mit besserer Technik lösen, sondern dazu braucht es klare politische Bekentnisse", fordert EWE-Vorstand Urban Keussen.
Nach Homanns Meinung war die gesamte Informationspolitik für den Trassenausbau zu früh angesetzt. Das klinge zwar unsympathisch, aber am Anfang wisse man einfach nicht, wo welche Leitungen verlaufen, welche Technik verwendet werde. Und dann gerate man sofort in den Verdacht, dass man etwas in der Hintertasche habe.
"Von dem ausgehen, was am Markt verfügbar ist"
"Wir mussten vom ersten Tag an permanent Fragen beantworten, die wir zu dem Zeitpunkt noch gar nicht beantworten konnten und dann kommt der Verdacht auf, dass dort irgendwas gemauschelt wird", schildert Homann seine Erfahrungen. Ebenso könne man zum aktuellen Zeitpunkt wissenschaftlich noch nicht ausgereifte Ideen nicht berücksichtigen.
"Wir müssen von dem ausgehen, was jetzt auf den Markt verfügbar ist und nicht in zehn Jahren". Man sollte einfach nicht anfangen, die Bürger zu informieren, wenn man nur eine grobe Vorstellung von dem Vorhaben hat, so sein Fazit. Und außerdem, bekräftigt er zweimal, beim Netzausbau sei inzwischen auch eine gewisse Zuversicht angebracht. (sg)
