Erneuerbarer Strom wird zur Leitenergie: Der Erfolg von PV und Windkraft wird zum Treiber der Dekarbonisierung in allen Energiesektoren. Damit führe die Sektorenkopplung zu einer Verdreifachung des Strombedarfs.

Erneuerbarer Strom wird zur Leitenergie: Der Erfolg von PV und Windkraft wird zum Treiber der Dekarbonisierung in allen Energiesektoren. Damit führe die Sektorenkopplung zu einer Verdreifachung des Strombedarfs.

Bild: © Reiner Lemoine Stiftung

Um den künftigen Strombedarf in Deutschland von 1650 Terawattstunden im Jahr zu decken, müssten sich die Wind-Kapazitäten verfünffachen und PV verzehnfachen: Die Reiner Lemoine Stiftung (RLS) sieht darin auch eine ökonomische Chance: Durch lokale Wertschöpfung und Beteiligung könnten bislang importierte fossile Energieträger zunehmend durch die heimische Sonnen- und Windenergie ersetzt werden. Die 2006 gegründete Stiftung verfolgt die Vision ihres Gründers Reiner Lemoine eines Energieseystems mit 100 Prozent erneuerbare Energien.

In zwölf Punkten erklärt die Stiftung, wie Versorgung, Netze, Handel und Erzeugung künftig gestaltet werden sollen. Sie fordert einen energiepolitischen New Deal, der das Korsett des konventionellen Energiesystems aufbrechen und die Grundlogiken des Energiemarkts von der Zukunft her denken soll. Fundamental sind in dem Vorschlag dazu der massive Ausbau von Solar- und Windkraftwerken, die Etablierung von vernetzten Versorgungszellen und ein Kapazitätsmechanismus für die netzgebundene Stromerzeugung.
 
Vor-Ort-Versorgung entfesselt die individuelle Ökonomie der Flexibilität

Nach Sicht der Stiftung sind Netze künftig nur noch ein Teil der Lösung: Rund ein Drittel des Stroms muss bereits lokal erzeugt, gespeichert und verbraucht werden. Die politischen Weichen seien so zu stellen, dass die Versorgung vor Ort fundamental liberalisiert werde. Das heißt, es brauche in den neuen Versorgungszellen, also „hinter dem Zähler“, einen weitgehenden Verzicht auf Förderung, Abgaben und Bürokratie. Und es müsse ein Markt entstehen, der diese vernetzten Zellen miteinander verbinde, lauten die Forderungen der Stiftung
 
Eberhard Holstein, langjähriger Energiemarktexperte und Kuratoriumsmitglied der RLS: „Ein erneuerbares Energiesystem ist technisch ohne weiteres möglich. Dafür müssen wir den Ausbau vor Ort entfesseln. Bis zum Netzanschlusspunkt sollte jeder machen können, was er will. So entsteht in Mietshäusern, Quartieren oder Gewerbegebieten eine individuelle Ökonomie der Flexibilität. Wer die eigene Stromerzeugung ausbaut und gleichzeitig Lastspitzen abfedert, wird belohnt. Das gibt den dringend benötigten Anreiz, lokal in die erneuerbare Sektorenkopplung zu investieren.“
 
Erneuerbarer Kapazitätsmarkt setzt Anreize in der Null-Grenzkosten-Stromwirtschaft
 
„Zudem brauchen wir bei steigenden Anteilen erneuerbarer Energien ein neues Vergütungssystem: Dafür muss ein Erneuerbaren-Kapazitätsmarkt mit Grundpreisen für bereitgestellte Strommengen geschaffen werden“, so Holstein weiter. Hintergrund dafür sei, dass durch den Übergang in das erneuerbare Energiesystem mit niedrigen Grenzkosten produzierte Kilowattstunden immer häufiger an Wert verlieren würden. Zusammen mit CO2-Abgaben soll der Grundpreis künftig den netzgebundenen Zubau von Erzeugungskapazitäten anreizen. Dies müsse durch eine staatlich orchestrierte Steuerung erfolgen, ausgerichtet an den Verbrauchszentren und der Netzsituation.
 
Projekt EnergieSystemWende
 
Das Diskussionspapier basiert auf Überlegungen der Akteure der Reiner Lemoine Stiftung und wurde im Austausch mit zahlreichen, langjährigen Energiemarktfachleuten entwickelt. Das nun vorgelegte Diskussionspapier beschreibt demnach eine Zielvision für das erneuerbare Energiesystem. Der im Februar in Kooperation mit der Stiftung Neue Verantwortung erschienene Policy Brief empfahl ein Umdenken und Paradigmenwechsel. Im Herbst letzten Jahres hatte die RLS bereits eine Übersichtsstudie zur EnergieSystemWende vorgelegt, die systemische Hemmnisse und Lösungsansätze beschreibt. (sg)









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