Sehr offen für die Power-to-X(PtX)-Technologie zeigte sich am Dienstag (6. November) der Parlamentarische Staatssektretär im Bundeswirtschaftsministerium, Thomas Bareiß, beim Tennet-Symposium "Land in Sicht" zur Zukunft von Wind Offshore. "Wasserstoff ist die Schlüsseltechnologie der nächsten Jahre", so der CDU-Politiker. Da Wind- und Sonnenenergie lediglich 150 Mrd. kwh pro Jahr zur Verfügung stellten, bei einem Gesamtbedarf von 2.400 Mrd. kWh, benötige das System Zwischenlösungen. Dies seien vor allem Erdgas und grünes Gas. Vor diesem Hintergrund sei es notwendig, jetzt PtX weiterzuentwickeln und die Technologie zur Marktreife zu bringen.
"Wir wollen 100 Mio. Euro in die Hand nehmen", versprach Bareiß. Denkbar seien Reallabore. Unter Umständen könnte auch der Ansatz getestet werden, ein regulatorisches Reallabor einzurichten. In diesem Zusammenhang müsste auch die Option durchdekliniert werden, ob ein Netzbetreiber solch eine Anlage eigenständig nutze. Es herrsche derzeit ein großer Diskussionsbedarf in diesem Feld; deshalb sollte in den nächsten Monaten über dieses Thema geredet werden, so Bareiß.
Große Power-to-Gas-Anlage auf dem Meer
In diesem Zusammenhang stellt auch der Gastgeber Tennet seine Vision des Nord Sea Wind Power Hub vor: Einer künstlichen Insel in der Nordsee, die die Kraft der Offshore-Parks bündelt und dann via Gleichstrom-Autobahnen den Strom in die Anrainer-Staaten transportiert. Ein wesentliches Element ist auch eine Power-to-Gas-Anlage, die Wasserstoff produziert.
In Bezug auf die Offshore-Industrie sagte Staatssektretär Bareiß, dass es richtig und wichtig war, den Bau großer Konverter-Stationen ("Steckdosen") auf dem Meer den Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) zu überlassen. Auch wenn andere Länder andere Modelle betrieben – dort errichten Parkbetreiber die Plattformen –, habe man jetzt eine Synchronisation zwischen der Errichtung der Parks und der Netzinfrastruktur erreicht. Die Lernkurve sei durchschritten.
Neben der Netzanbindung auf dem Meer sei natürlich auch der Aufbau der drei großen Stromautobahnen in Deutschland ein ganz wichtiges Thema, schließlich müsse der Strom vom Meer in die großen Lastzentren in Süddeutschland transportiert werden. Bareiß geht davon aus, dass die ersten HGÜ-Leitungen bis 2025 fertiggestellt sind – sonst drohe unter Umständen sogar eine Trennung der Strompreiszone in zwei Teile. Dies müsse unbedingt verhindert werden.
Neue Kapazitäten im NEP einplanen
Da nun das Ausbauziel für 2030 auf 65 Prozent erneuerbare Energien erhöht wurde, muss jetzt bereits im Netzentwicklungsplan (NEP) nachgedacht werden, welche neuen Kapazitäten dafür notwendig werden. Ferner müssen die Innovationen bei der Leitungstechnik gefördert werden. Hier investiert das Ministerium derzeit 61 Mio. Euro in rund 500 Forschungsprojekte für zukunftsfähige Stromnetze.
Der Netzentwicklungsplan war während des Symposiums Thema weiterer Foren. Mitte vergangenen Jahres hatte Tennet mit der Entwicklung eines NEP 2.0 für Furore in der Branche gesorgt. Der Ansatz war, durch innovative Ansätze wie die Digitalisierung den herkömmlichen Leitungsausbau zu minimieren, um am Ende Kosten zu sparen. Im Prinzip ist daraus eine Debatte um das methodische Vorgehen bei der Erstellung des Netzentwicklungsplanes entstanden – zwischen den innovativen Kräften, die gerne mehr Technik in die Netze integrierten, also Experten der ÜNB, und der Versorgungssicherheits-Fraktion, die keine Experimente zulassen möchte, also den Ministerien und der Bundesnetzagentur.
Das System ist an seinen Grenzen angelangt
Bernd Klöckl, Head of Grid Planning bei Tennet, freute sich, dass der Vorstoß zu einer Diskussion in der Branche geführt hat. Da das System an sein Grenzen stoße, müssten neue digitale Technologien zu einem Teil der Netzentwicklungsplanung werden. Es müsse einfach stärker integriert gedacht werden, so Klöckl.
Auch Hans Seidl, Netzexperte der Dena, pflichtet Klöckl bei. "Der bestehende NEP stößt an seine Grenzen." Man müsse jetzt auch die Schnittstellen in die anderen Sektoren sehen, aus einem NEP müsse eine Systemplanung werden. Man müsse jetzt sämtliche Optimierungsmöglichkeiten nutzen – über Systemebenen hinweg.
BMWi will keine methodische Diskussion
"Wir können uns keine methodischen Diskussionen erlauben", machte Ministerialrat Michael Schultz aus dem Bundeswirtschaftsministerium deutlich. Schließlich sei der Faktor Zeit sehr wichtig – gerade beim Netzausbau.
Mit "Was können wir kurzfristig machen?", zeigte Stephanie Ropenus, Netzexpertin des Think Tanks Agora Energiewende, einen gangbaren Weg auf. Schließlich können durch besondere Möglichkeiten wie beispielsweise lastflusssteuernde Mittel schon Redispatch-Mittel eingespart werden.
Homann sieht den Sicherheits-Aspekt als höchste Priorität
Der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, verwehrte sich gegen den Vorwurf, seine Behörde stelle sich gegen Neuerungen. Vielmehr gehe es ihm um die Sicherheit. Irritierend sei für ihn, dass bislang noch keine Vorschläge an seine Behörde herangetragen wurden. Zudem sehe er keinen Schulterschluss bei diesem Thema bei den ÜNB. Bislang handele nur Tennet. Und ferner müssten die Ingenieure auch bei neuen Technologien wie einer automatisierten Betriebsführung die Verantwortung übernehmen, dass es am Ende funktioniert. Schließlich gehe es um die Sicherheit der Netze. (al)



