Der Plan der Bundesregierung, die Produktion von grünem Wasserstoff von der EEG-Umlage zu befreien, führt in Umsetzung zu vielen offenen Fragen. „Wir brauchen noch etwas Zeit, auch weil wir das Kind bei diesem wichtigen Thema nicht mit dem Bade ausschütten wollen“, sagte Thorsten Herdan, Abteilungsleiter Energiepolitik im Bundeswirtschaftsministerium, beim Online-Seminar „Wasserstoff aus regionaler Perspektive“. Organisiert wurde es von der Nationale Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NOW) und GP Joule.
Die im Juni verabschiedete Nationale Wasserstoffstrategie enthalte den klaren politischen Auftrag, die Kosten für die Herstellung von grünem, klimafreundlichen Wasserstoff zu senken. Wie Herdan ausführte, gebe es nach Einschätzung des Bundeswirtschaftsministeriums in der Regulatorik aber aktuell keinen Ansatzpunkt, ausschließlich den für die Elektrolyse benötigten grünen Strom von der EEG-Umlage zu befreien.
Begünstigungen auch für Wasserstoff aus Erdgas
„Nach der jetzigen Logik würden wir auch Strom aus fossilen Quellen begünstigen, wenn er denn für die Wasserstoffherstellung genutzt wird“, so Herdan. „Das würde ganz klar im Widerspruch zur Nationalen Wasserstoffstrategie stehen.“ Wenn man diesen Weg dennoch beschreiten wolle, müsse man das intensiv politisch diskutieren, stellte der Abteilungsleiter klar.
Viel sinnvoller sei es, das Abgaben- und Umlagesystem als Ganzes in den Blick zu nehmen und entsprechend zu reformieren, betonte Herdan.
Farbenblind bei der Wasserstoffanwendung
Anders sei die Situation bei der Wasserstoffanwendung. „Hier wollen wir farbenblind fördern“, bekräftigte der Abteilungsleiter. In vielen Bereichen, etwa bei der Stahlproduktion, sei nicht nachvollziehbar, ob dort ausschließlich grüner Wasserstoff zum Einsatz komme. Hinzu komme, dass aktuell viel zu wenig grüner Wasserstoff zur Verfügung stehe. Grundsätzlich sei es zielführend, diese Frage dem Markt und nicht der Politik zu überlassen. Fördermittel sollten gezielt da eingesetzt werden, wo es keine Alternative für die Dekarbonisierung gebe.
Mit Blick auf das „regionale Potenzial“ von Wasserstoff sagte Herdan, dass es sehr wichtig sei, entsprechende Strukturen aufzubauen und Projekte an den Start zu bringen. „Wir sollten uns aber zugleich davor hüten, allzu große Erwartungen zu wecken. Wir werden nicht alle Energieprobleme mithilfe von hierzulande erzeugtem Wasserstoff lösen können – schon gar nicht wenn dieser auch noch grün sein soll.“
Herdan: Importe sind gut und richtig
Ein solcher Ansatz wäre zumindest unter den aktuellen Rahmenbedingungen nicht bezahlbar. „Es gibt aber auch gar keinen Grund, nicht weiterhin auch auf den Import von Energie zu setzen“, so Herdan weiter.
Mehr Realismus forderte er auch beim Aufbau von Produktionskapazitäten für grünen Wasserstoff. Es müsse nun zügig daran gearbeitet werden, bis 2030 zunächst Anlagen mit einer Gesamtleistung von bis zu 5 Gigawatt in Betrieb zu nehmen. „Aber es wäre gut, wenn daraus in der Debatte dann nicht auf einmal 50 Gigawatt werden. Wir sollten hier nicht über das Ziel hinausschießen, sondern mit überschaubaren Mengen arbeiten“, mahnte er.
Aus Fehlern bei den Erneuerbaren lernen
Grundsätzlich sei es wichtig, beim geplanten Markthochlauf für Wasserstoff aus den Fehlern bei den erneuerbaren Energien zu lernen. „Es wäre falsch, sich auf die Produktion zu fokussieren und zu hoffen, dass es irgendwann einen Markt geben wird. Wir müssen beides gleichzeitig planen und anreizen.“
Die von Herdan angesprochene Befreiung der industriellen Produktion von Wasserstoff mittels Elektrolyse wird auch in der Branche kontrovers diskutiert. Die Bundesregierung laufe Gefahr, einen Fehlstart hinzulegen und mehr Klimaschaden als Klimaschutz zu bringen, wenn sie die Wasserstoffproduktion vollständig und zu jeder Zeit von der EEG-Umlage befreie. „Das wäre ein starker Anreiz für die Industrie, ihre Elektrolyseure rund um die Uhr laufen zu lassen – auch dann, wenn der Strom für die Wasserstoffproduktion aus Braunkohlekraftwerken stammt, weil der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint“, kommentierte Greenpeace Energy.
Werden kleine Anbieter benachteiligt?
Der Plan der Bundesregierung sei zudem auch wettbewerbsrechtlich unfair, weil nur Großunternehmen profitierten, nicht jedoch kleinere Anbieter, denen dadurch Marktchancen genommen werden, hieß es weiter. „Sinnvoller, fairer und klimafreundlicher wäre eine Befreiung von der EEG-Umlage für alle Elektrolyseurbetreiber – aber nur in den Zeiten, in denen der Erneuerbaren-Anteil im Stromnetz besonders hoch ist“, fordert die Lobbyorganisation. (amo)
