Die Windkraftanlagen werden immer größer, um höhere Luftschichten zu erreichen. Die Nabenhöhen betragen mittlerweile schon 159 Meter.

Die Windkraftanlagen werden immer größer, um höhere Luftschichten zu erreichen. Die Nabenhöhen betragen mittlerweile schon 159 Meter.

Bild: © juwi

Rund 600 bis 800 MW an Windkraft wurden in der Regel  in den vergangenen Jahren im Süden der Republik zugebaut.  Doch der 2017 eingeführte Ausschreibungsmodus und die 10-H-Regelung in Bayern haben jetzt den Zubau an Windkraftanlagen südlich der Mainlinie (also die Netzengpasslinie) stark dezimiert. Deshalb wird von vielen Akteuren eine sogenannte Regionalquote immer wieder ins Spiel gebracht, um einen Ausgleich beim Ausbau der Windenergie zu erreichen.

Erst jüngst haben rund 60 Unternehmen unter Leitung des Projektentwicklers Juwi einen Appell zur Einführung einer regionalen Steuerung lanciert, berichtet Michael Herr, Leiter Public Affairs beim Projektentwickler Juwi, bei einem Fachgespräch der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen am Dienstag (20. November) in Berlin zu einer ausgewogenen regionalen Verteilung der Windkraft. Dies stelle eine „no-regret“-Maßnahme dar und sollte am besten noch im „Energiesammelgesetz“ im Herbst 2018 Niederschlag finden, so Herr.

System in Schieflage: 102 zu 1029 Anlagen

Die Situation hat sich stark verschärft in den vergangenen 18 Monaten. Laut Daten von Jürgen Quentin von der Fachagentur Windenergie an Land lag die Verteilung beim Windkraft-Anbau zwischen Nord- und Süddeutschland in den Jahren 2010 bis 2016 etwa bei 75 Prozent zu 25 Prozent. Nimmt man nun aber die Zahlen der ersten sechs Ausschreibungsrunden her, so sind zuletzt nur noch 10 Prozent der Zuschläge südlich des Mains lokalisiert. 102 Anlagen südlich des Mains stehen 1029 Turbinen im Norden gegenüber.

Aufgrund dieser verschärften Situation schlagen nun die im Appell formierten Unternehmen vor, die regionale Steuerung über eine Preis- und/oder Mengensteuerung im Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) auszugestalten. Das BMWi habe bereits diesbezüglich verschiedene geeignete Modelle von Forschungsnehmern entwickeln lassen.

Entschärfung der Netzengpasssituation

Die im Appell formierten Unternehmen sehen nämlich in einem stärkeren Zubau im Süden eine Entschärfung der Netzengpasssituation sowie der anfallenden Redispatchkosten. Zudem würden dringend erforderliche Wind-Onshore-Potenziale im Süden nicht entwickelt, da das unternehmerische Risiko einer Nicht-Bezuschlagung von Projekten an Süd-Standorten als zu hoch eingeschätzt werde. In den Konzentrationszonen im Norden und Osten hingegen würden Akzeptanzprobleme befördert, während gleichzeitig Regionen und Akteure (kleinere Akteure wie Energiegenossenschaften und Bürgerenergie) in Süddeutschland von der Wind-Onshore Nutzung und Wertschöpfung ausgeschlossen werden.

Corinna Klessmann, Direktor Energy Policies bei Ecofys/Navigant, stellte die unterschiedlichen Instrumente für eine regionale Steuerung vor: ein Quotenmodell, ein Boni/Mali-System und differenzierte Höchstpreise. Eine Maximalquote gebe es bereits, nämlich die Maximalquote für Anlagen im Netzausbaugebiet in Norddeutschland, die bei maximal  902 MW pro Jahr liege. In der Diskussion ist jetzt innerhalb der Koalition auch eine Mindestquote für Projekte in Süddeutschland. Generell ist eine Quote wohl am treffsichersten, um einen Zubau im Süden zu garantieren, doch eine politische Einigung erscheint schwierig, urteilt Klessmann.

Boni/Mali-Modelle sind wenig treffsicher

Boni/Mali-Modelle sind weniger treffsicher für eine Verlagerung in den Süden. Ein Boni/Mali-Modell sei bereits im für die Windkraft so bedeutenden Referenzertragsmodells etabliert; auch die Verteilnetzkomponente bei gemeinsamen Ausschreibungen von Windenergie und Photovoltaik sei solch ein Instrument.  Zudem sei derzeit auch eine Netzkomponente südlich der Mainlinie in der Diskussion – zur Besserstellung von Geboten im Süden. Die regionale Wirkung solcher Bonus-Modelle ist aber unsicher, meint die Ecofys-Expertin. Als wenig geeignet stuft Klessmann die differenzierten Höchstpreise ein.

Nicolai Herrmann, Prokurist bei Enervis Energy Advisors, warnte vor der Annahme, eine Lokalisierung der Anlagen im Süden sei volkswirtschaftlich die bessere Wahl. Schließlich haben die Anlagen im Süden einen geringeren Windertrag und entsprechend höhere Erzeugungskosten. Laut Analysen von Enervis werde noch rund 35 GW an Windkraft benötigt, um die 2030-Klimaziele zu erreichen. Gebraucht werden in Summe etwa 80 GW Windkraft. Nach Ansicht von Enervis ist in Deutschland auch das entsprechende Flächenpotenzial vorhanden; es stünden rund 40 GW an Bruttopotenzialflächen zur Verfügung.

Es fehlen noch 27 Prozent  

Diese Ausbauziele von etwa 3,5 GW pro Jahr erschienen der energiepolitischen Sprecherin der Grünen, Julia Verlinden, aber zu gering. Laut verschiedener Studien sei ein jährlicher Ausbau von etwa 5 GW pro Jahr nötig, um die Klimaziele zu erreichen. Und um das 2030-Ziel von 65 Prozent Erneuerbare im Stromsektor zu erreichen, fehlten noch 27 Prozent. (al)

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