Hohe Energiepreise sind ein zentraler Treiber des EU-Wettbewerbsdefizits gegenüber anderen Weltregionen. Und dieses Defizit hat sich in den vergangenen beiden Jahren infolge der Energiekrise vergrößert. Zu diesem Befund kommt der frühere EZB-Präsident und italienische Ministerpräsident Mario Draghi, der am Montag im Auftrag der EU-Kommission einen ausführlichen Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union vorstellte.
Gaspreise seien im Endkundengeschäft, aber auch im Großhandel drei- bis fünfmal so hoch wie in den USA, während sie früher lediglich zwei- bis dreimal so hoch gewesen seien, schreibt der Wirtschaftsprofessor. Stromendkundenpreise, insbesondere solche für Industriekunden, seien aktuell zwei- bis dreimal so hoch wie in den USA und China. Früher seien sie genauso hoch wie in China gewesen und bis zu 80 Prozent höher als in den USA.
Hohe Preisschwankungen als Wettbewerbsnachteil
Doch nicht nur das hohe Preisniveau sieht Draghi kritisch. Auch die Preisschwankungen seien deutlich höher als in anderen Weltregionen. Die Preisspanne zwischen höchsten und niedrigsten Energiepreisen in EU-Mitgliedsstaaten hätten sich 2022 verdoppelt und seien im Folgejahr um weitere 15 Prozent gestiegen.
Aus Draghis Sicht hat das vor allem strukturelle Ursachen, die durch die Energiekrise verschärft wurden. Europas Gashandel ist ihm zu kleinteilig. So kann die Union ihre Marktmacht nicht ausspielen.
Zu viel Kurzfristmarkt
Zudem ist Europa noch zu sehr vom Kurzfristmarkt abhängig. Das gilt sowohl für den Gashandel, wo infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine Langfristverträge wegbrachen, als auch für den Stromhandel, wo längerfristige Stromabnahmeverträge, sogenannte PPAs, noch immer unterentwickelt sind.
Als weitere Kostentreiber nennt Draghi Steuern, die Unternehmen in Europa entrichten müssen, in den USA dagegen nicht, und die CO2-Kosten, die es im Endkundenvertrieb in den USA demzufolge nicht gibt.
Dekarbonisierung als Chance
Aus Sicht des Ökonomen ist die Umstellung des europäischen Energiesystems hin zur Klimaneutralität eine Chance, um die EU-Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu verringern und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Aber: "Es wird Zeit brauchen, bevor wir durch die Dekarbonisierung einen größeren Abwärtseffekt auf Energiepreise sehen werden." Noch 2030 werde die Stundenzahl, in denen fossile Kraftwerke den Strompreis setzten, gegenüber dem Jahr 2022 im Großen und Ganzen gleich sein.
"Kostenvorteile der Dekarbonisierung vorziehen"
Europa werde erst dann die Früchte der Energiewende vollständig ernten, wenn erneuerbare Energien mit Kernkraft regelmäßig Preise setzen und relevante Investitionen in Netze, Speicherung und Flexibilität zu Ende gebracht und amortisiert sind, schreibt Draghi.
Der Italiener empfiehlt erstens, die Energiekosten für Verbraucher zu senken. "Die Kostenvorteile der Dekarbonisierung sollten vorgezogen und an alle Kunden weitergegeben werden."
Draghi für "dynamische Preisdeckel"
Zweitens soll die Dekarbonisierung beschleunigt werden. Dazu sollen alle verfügbaren Technologien und Lösungen – genannt werden beispielsweise erneuerbare Energien, Kernkraft, Wasserstoff, Batterien, Lastmanagement und Infrastrukturhochlauf – eingebunden werden.
Im Gassektor sollen Langfristverträge etwa mit den USA forciert werden, um sich von kurzfristigen Entwicklungen unabhängiger zu machen. Auch sollen Sammeleinkäufe erleichtert werden. Draghi spricht sich außerdem dafür aus, Spekulationsgeschäfte einzudämmen. Als Beispiel nennt er ein europäisches Handelsregelwerk und die Verpflichtung, in der EU zu handeln. Auch "dynamische Preisdeckel" kann er sich vorstellen.
Mehr PPAs und Eigenverbrauch
Im Strombereich tritt der Italiener für eine Vereinfachung von Genehmigungs- und Bürokratieprozessen ein, um erneuerbare Energien und Infrastrukturen zu beschleunigen. Zudem sollen Stromnetze europaweit stärker standardisiert, koordiniert und digitalisiert werden, um Engpässe zu vermeiden.
Ferner soll die Nutzung von PPAs im Industriesektor sowie die Stromerzeugung für den Eigenverbrauch gefördert werden. Darüber hinaus setzt sich Draghi für den Einsatz der CO2-Abscheidungs- und Speichertechnologie ein. (aba)
Den vollständigen Bericht in der englischen Originalfassung lesen Sie hier.
