Das Paket der EU-Kommission wurde am Mittwoch (14. Oktober) als Teil des Green Deal in Brüssel vorgestellt. Es zielt darauf, die energetische Sanierungsrate von Gebäuden von derzeit 1 Prozent pro Jahr mindestens zu verdoppeln. Derzeit gelten mehr als 75 Prozent des europäischen Gebäudebestands als energetisch sanierungsbedürftig.
"Mit ihrem Vorschlag für eine umfassende Renovierungswelle für Gebäude sendet die EU-Kommission ein wichtiges Signal an die Mitgliedstaaten", erklärten Chris Kühn, Sprecher für Bau- und Wohnungspolitik und Julia Verlinden, Sprecherin für Energiepolitik der Grünen Bundestagsfraktion in einer Presseerklärung.
Grüne: GEG schreibt Baustandards von vorgestern weiter fort
In Deutschland lege sie damit den Finger in die Wunde. Denn das "Zögern und Zaudern" der Bundesregierung hat zu einem riesigen Rückstand bei Sanierung und Klimaschutz im Gebäudebereich geführt. "Das kürzlich verabschiedete Gebäudeenergiegesetz (GEG) ließ fünf geschlagene Jahre auf sich warten, nur um Baustandards von vorgestern weiter fortzuschreiben", so Kühn und Verlinden.
Die Paris-Ziele im Gebäudesektor seien in Deutschland so nicht zu erreichen. Deutschland hinke nicht nur im Verkehrs-, sondern auch im Gebäudebereich weit hinter den notwendigen Maßnahmen hinterher, die in Brüssel längst jedem klar seien.
Bundesregierung muss bei ordnungsrechtlichen Anforderungen nachziehen
Im Gebäudebereich gehe es darum, Klima-, Ressourcen- und Verbraucherschutz zusammenzubringen. Daher sei es richtig, dass die EU-Kommission den Fokus auf öffentliche Gebäude und Sozialwohnungen lenke. Auch sei es gut, dass die EU-Renovation-Wave ordnungsrechtliche Anforderungen klar benenne.
"Hier muss die Regierungskoalition endlich nachlegen. Wir Grüne werden konkrete Vorschläge für eine umfassende Bauwende in den Bundestag einbringen", so Kühn und Verlinden. Eine sozial ausgewogene und klimafreundliche Wärmeversorgung sei möglich.
DUH: Energetische Sanierungsrate von mindestens 3 Prozent jährlich nötig
Lob für die EU-Initiative und einen Appell an die Bundesregierung, nachzuziehen, gab es auch von Seiten der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Ziel müsse sein, die Sanierungsrate auf jährlich mindestens 3 Prozent des Gebäudebestands zu erhöhen, heißt es in einer Pressemitteilung des DUH.
Gebäude mit den höchsten Einsparpotenzialen müssten prioritär angegangen werden, hierfür müssten Mindesteffizienzstandards stärkere Anreize setzen.
BDEW: Im Wärmemarkt an Tempo zulegen
Für das Erreichen der Klimaziele sei eine Modernisierungsoffensive im Wärmemarkt dringend notwendig. Aktuell seien die Sanierungsraten insgesamt viel zu niedrig. Dadurch würden erhebliche Potenziale zur CO2-Einsparung verschenkt, kommentierte BDEW-Chefin Kerstin Andreae laut einer Pressemitteilung die Initiative der EU.
"Gerade in Hinblick auf die geplante Anhebung des EU-Treibhausgasreduktionsziels 2030 müssen wir im Wärmemarkt an Tempo zulegen", erklärte Andreae.
Bis 2035 35 Millionen Gebäude in Europa sanieren
Die am Mittwoch von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorgestellte Strategie für eine Renovierungswelle zeigt laut einer Pressemitteilung der EU-Kommission auf, dass bis 2030 in Europa 35 Millionen Gebäude renoviert werden und bis zu 160.000 zusätzliche grüne Arbeitsplätze im Baugewerbe entstehen könnten.
Zudem soll eine umfassende Veränderung der Städte und der baulich gestalteten Umwelt ausgelöst werden.
Leitaktionen und vorgesehene Maßnahmen
- Strengere Vorschriften, Standards und Informationen in Bezug auf die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden, um Renovierungen im öffentlichen und privaten Sektor attraktiver zu machen.
- Die Gewährleistung einer leicht zugänglichen und gezielten Finanzierung, unter anderem durch die europäischen Vorzeigeprojekte "Renovieren" und "Vorantreiben", die in der Aufbau- und Resilienzfazilität im Rahmen von NextGenerationEU vorgesehen sind.
- Ausbau der Kapazitäten für die Vorbereitung und Durchführung von Renovierungsprojekten. Dies reicht von der technischen Unterstützung der nationalen und lokalen Behörden bis hin zu Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen zugunsten von Beschäftigten, die die neuen grünen Arbeitsplätze ausfüllen.
- Ausweitung des Marktes für nachhaltige Bauprodukte und -leistungen; darunter fallen die Integration neuer Werkstoffe und naturbasierte Lösungen sowie die Überarbeitung der Rechtsvorschriften über die Vermarktung von Bauprodukten und Zielvorgaben für Wiederverwendung und Verwertung.
- Ein neues europäisches Bauhaus, ein interdisziplinäres Projekt, dem ein Beratungsgremium aus externen Sachverständigen aus Wissenschaft, Architektur, Design, Kunst, Planung und Zivilgesellschaft vorstehen wird.
- Entwicklung von stadtteilbezogenen Konzepten für lokale Gemeinschaften, um auf erneuerbaren Energien und Digitalisierung basierende Lösungen zu integrieren und Bezirke mit ausgeglichener Energiebilanz zu schaffen, in denen die Verbraucher zu Prosumenten werden, die Energie an das Netz verkaufen.
Finanzierung auch über EU-Emissionshandelssystem
Im Zuge der für Juni 2021 vorgesehenen Überprüfung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie werde erwogen, den Vorgaben für die Wärme- und Kälteerzeugung aus erneuerbaren Quellen einen höheren Stellenwert zu geben und ein Mindestniveau an Energie aus erneuerbaren Quellen in Gebäuden einzuführen, erklärte von der Leyen weiter.
Die Kommission werde auch prüfen, wie die Haushaltsmittel der EU neben den Einnahmen aus dem EU-Emissionshandelssystem (EU-EHS) zur Finanzierung nationaler, auf einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen zugeschnittener Energieeffizienz- und Energiesparprogramme eingesetzt werden könnten. Der Ökodesign-Rahmen werde weiterentwickelt, damit effiziente, gebäudegerechte Produkte auf den Markt gebracht und ihre Verwendung gefördert würden. (hcn)