Frankreichs Stromnöte haben sich in den vergangenen Tagen weiter vergrößert. Am Dienstag wurden nämlich neben Schulen und Kindergärten, Bahnen und Raffinerien wurden auch mehrere Kernkraftwerke des mehrheitlich staatlichen Energieriesen EDF bestreikt.
Schon in den Tagen zuvor hatten EDF-Beschäftigte an verschiedenen Standorten ihre Arbeit niedergelegt. Betroffen waren Kernkraftwerke, die derzeit wegen Reparatur- und Wartungsarbeiten stillstehen. Auch deshalb verschob EDF in der vergangenen Woche die Wiederinbetriebnahme von fünf Kernkraftwerken mit einer Leistung von insgesamt 4,5 GW.
1,6 GW Leistung weniger zur Verfügung
Die Streiks hatten jedoch auch Auswirkungen auf den laufenden Betrieb. So musste EDF allein für Dienstag zusätzliche 1,6 GW an verfügbarer Leistung kappen, wie aus Daten des Übertragungsnetzbetreibers RTE hervorgeht. Betroffen waren die Anlagen Paluel in der Normandie (1,3 GW) sowie Bugey 5 im Süden des Landes (0,3 GW). Insgesamt waren nach RTE-Daten zuletzt 29 von insgesamt 56 französischen Kernkraftwerksblöcken im Einsatz.
Sollten die Streiks anhalten und zu erheblichen Problemen in der Stromversorgung führen, könnte der Übertragungsnetzbetreiber EDF verpflichten, seine Beschäftigten zurück zur Arbeit zu rufen. Auch der Energiekonzern selbst hat das Recht, sein Personal zum Dienst zu verpflichten, um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Stromversorgung zu gewährleistern. Noch aber setzt EDF auf eine gütliche Einigung.
Folgen für Deutschland
Fast alle französischen Kernkraftwerke sollen nach jetzigem Stand wieder spätestens zu Jahresbeginn 2023 ans Netz zurückkehren. Für den Fall, dass es doch anders kommt und Frankreich in großem Stil Strom aus Deutschland importieren muss, erarbeiteten die deutschen Übertragungsnetzbetreiber in einem jüngst vorgestellten Stresstest mehrere Alternativszenarien.
In einem Szenario wurde die Gesamtleistung von nominell verfügbaren 61 GW auf maximal 45 GW, in einem anderen auf höchstens 40 GW begrenzt. "Die Sonderanalysen kommen zu dem Ergebnis, dass in allen [...] Szenarien die Versorgungssituation im kommenden Winter angespannt sein wird", teilte eine Sprecherin des Übertragungsnetzbetreibers Amprion mit.
Deutsche Kernkraftwerke als "weiterer Baustein"
In der Folge hatten die Übertragungsnetzbetreiber auch die Verfügbarkeit der verbliebenen deutschen Kernkraftwerke als "weiteren Baustein" empfohlen. Wie Bundeskanzler Olaf Scholz am Montag entschied, sollen nicht mehr nur die Nuklearanlagen Neckarwestheim und Isar 2 bis April 2023 am Netz bleiben, sondern auch Emsland in Niedersachsen. (aba)



