Extreme Preisausschläge an den Gasspotmärkten haben bei einem der wichtigsten Abnehmer der Welt offenbar zu einem Sinneswandel geführt. "In den vergangenen Monaten waren chinesische Käufer am Markt sehr aktiv", sagte Experte Jean Baptiste Dubreuil von der Internationalen Energieagentur (IEA) bei einer Veranstaltung des Branchenverbands Zukunft Gas. "Das wird wahrscheinlich die Lage am LNG-Markt ändern."
Nach IEA-Angaben geht fast die Hälfte der seit 2021 unterzeichneten LNG-Liefermengen auf China zurück. Die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt würde sich damit gegenüber kurzfristigen Schwankungen absichern, erklärte Dubreuil. Dies bedeute jedoch nicht, dass dieses Flüssigerdgas dem Rest der Welt vorenthalten bliebe. "Wir haben gesehen, dass China LNG-Mengen auch wieder verkauft."
Chinas Gasbedarf dürfte steigen
Zugleich habe die Zahl von Langfristverträgen mit festen Abnehmern und Laufzeiten von zehn Jahren und mehr zugenommen, referierte der Experte. Heißt: Deutschland, das Erdgas nur mehr als Übergangstechnologie sieht und wohl auch deshalb neue Langfristverträge scheut, könnte sich in einem noch weiter verknappten LNG-Markt wiederfinden – und zunehmend auch auf Chinas Gnaden angewiesen sein.
Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur dürfte Chinas Gasbedarf in den kommenden Jahren weiter steigen, wenn auch in geringerem Maß als bisher. Schon dieses Jahr dürfte das Wachstum wegen coronabedingter Lockdowns, milderer Temperaturen und höherer Energiekosten auf drei Prozent zurückgehen. In den kommenden drei Jahren erwartet die Organisation ein Plus von fünf Prozent jährlich.
Krisenprofiteur China
Ein Drittel der Nachfrage dürfte China demnach mit heimischer Produktion decken können. Ein weiteres Drittel dürfte über Pipelinegas – etwa von Russland – kommen. Den Rest würde das Land über steigende LNG-Importe beziehen.
Bereits dieses Jahr profitierte Chinas Gaswirtschaft von Europas Energiekrise. Weil seine eigene Wirtschaft langsamer wächst als geplant und damit auch der Energiebedarf nicht so hoch war wie geschätzt, verkaufte das Land über Langfristverträge erworbenes, aber nun überschüssiges Gas zu enormen Preisen weiter.
China stoppt LNG-Verkäufe
Abnehmer war Europa, das nach IEA-Angaben in diesem Jahr doppelt so viel Flüssigerdgas importieren dürfte wie im Vorjahreszeitraum. Dabei kamen Spekulationen auf, inwiefern damit auch russisches Pipelinegas über den Umweg China weiter nach Europa transportiert wurde. Handfeste Belege dafür gibt es aber bislang nicht.
Ohnehin soll nun erst einmal mit dem chinesischen LNG-Geschäft mit Europa Schluss sein, wie der US-Nachrichtendienst "Bloomberg" berichtet. Demnach soll die Regierung der Volksrepublik seinem größten, staatseigenen Gasimporteur Sinopec angeordnet haben, nicht mehr weiter LNG nach Europa zu verkaufen. Der Grund: China braucht für den kommenden Winter selbst ausreichend Gasreserven. (aba)



