Frau Satilmis, sowohl die Einkommens- und Arbeitszufriedenheit als auch die allgemeine Lebenszufriedenheit der Beschäftigten, die im Homeoffice arbeiten, ist fast durchweg höher. Wie erklären Sie sich diese Ergebnisse?
Zum einen liegt das an der Zusammensetzung der Beschäftigten, die im Homeoffice arbeiten. Unsere Daten haben gezeigt, dass die Nutzung von Homeoffice zwischen einzelnen Gruppen stark variiert: Höherqualifizierte, Beschäftigte mit höheren Einkommen und Beschäftigte mit Vollzeitstellen nutzen Homeoffice öfter. Diese Gruppen verzeichnen oft generell höhere Werte, wenn es um die Zufriedenheit mit dem eigenen Einkommen und der Arbeit oder um die generelle Lebenszufriedenheit geht.
Zusätzlich dazu beeinflussen aber auch Faktoren die Zufriedenheit, die dem Arbeiten im Homeoffice selbst innewohnen. Das Arbeiten im Homeoffice bietet an erster Stelle oft eine höhere Flexibilität in der Gestaltung des Arbeitsalltags, was es vielen ermöglicht, ihre Arbeitszeit an ihre persönlichen Bedürfnisse anzupassen. Es entfallen oft auch lange und stressige Pendelzeiten und die gewonnene Zeit kann für persönliche Dinge genutzt werden. Darüber hinaus können Beschäftigte den heimischen Arbeitsplatz oft individueller gestalten und dort in einer vertrauten Umgebung arbeiten.

Vor allem bei Hochschulabsolventen ist der Anteil der Homeoffice-Beschäftigten demnach stark angestiegen. Bei unqualifizierten Tätigkeiten ist der Anteil aber nach wie vor gering?
Viele Berufe und Tätigkeiten, die einen Hochschulabschluss erfordern, sind wissensintensiv und können gut digital ausgeführt werden. Diese Berufe beinhalten häufig Aufgaben wie Forschung, Analyse, Beratung oder kreative Tätigkeiten, die sich gut für das Arbeiten von zuhause aus eignen. Unqualifizierte Tätigkeiten hingegen sind oft an einen physischen Arbeitsplatz gebunden (z.B. in der Produktion, im Einzelhandel oder in der Gastronomie), was Homeoffice schon rein strukturell unmöglich macht.
Und warum arbeiten Vollzeitbeschäftigte häufiger von zu Hause als Teilzeitbeschäftigte?
Viele Unternehmen bieten Homeoffice-Möglichkeiten hauptsächlich für Vollzeitbeschäftigte an, da diese oft als wichtiger für den Geschäftsbetrieb angesehen werden, während Teilzeitkräfte oft weniger Optionen haben oder striktere Vorgaben erhalten. Zudem haben Vollzeitbeschäftigte in der Regel ein größeres Aufgabenspektrum und mehr Verantwortung, was es ihnen eher ermöglicht, ihre Arbeit (oder Teile davon) auch von zu Hause aus zu erledigen.
Auch das Arbeitsvolumen an sich könnte hier eine Rolle spielen, denn Teilzeitkräfte arbeiten häufiger nach einem festen Stundenplan, der weniger Raum für Homeoffice zulässt, als Vollzeitbeschäftigte.
Führt dies langfristig zu mehr Ungleichheit am Arbeitsplatz?
Vor allem bei der Eingangsfrage unseres Gespräches kam es schon durch: Das Arbeiten im Homeoffice hat durchaus Vorteile. Allerdings haben unsere Ergebnisse auch gezeigt, dass nicht alle Beschäftigten in Deutschland in gleichem Maße von Homeoffice profitieren – das könnte bestehende Ungleichheiten auch in Zukunft durchaus noch verstärken.
Wenn beispielsweise die Möglichkeit zum Homeoffice vor allem den höher qualifizierten Beschäftigten und Beschäftigten in Vollzeit vorbehalten ist, könnte dies durch eine von Arbeitgebenden wahrgenommene höhere Produktivität, Effizienz und Wichtigkeit der Aufgaben dazu führen, dass sich Einkommensunterschiede und Unterschiede in den Karrierechancen weiter verfestigen.
Höhere Einkommen und bessere Arbeitsbedingungen für diese Beschäftigten könnten im Gegensatz zu stagnierenden Löhnen und schlechteren Bedingungen für unqualifizierte und prekär beschäftigte Arbeitnehmende stehen.
Dazu gehören auch Unterschiede nach Branchen und Regionen?
Ja, die unterschiedliche Nutzung von Homeoffice zwischen den Wirtschaftsbereichen könnte außerdem regionale und branchenspezifische Ungleichheiten verstärken. Zudem kann die Wahrnehmung von bestehender Ungleichheit auch psychologische Auswirkungen auf Beschäftigte haben. Unzufriedenheit über fehlende Möglichkeiten kann das Engagement und die Motivation derjenigen verringern, die nicht im Homeoffice arbeiten können.
Um dem entgegenzuwirken wäre es wichtig, allen Beschäftigten (wenn möglich) Zugang zu flexiblen Arbeitsmodellen und Weiterbildungsmöglichkeiten zu bieten, sowie eine Kultur der Gleichbehandlung innerhalb der Unternehmen zu fördern.
Eltern sind häufiger zu Hause. Ist das akzeptabel für die Kolleg:innen und Arbeitgeber:innen?
Das kommt darauf an, welche generelle Unternehmenskultur, Teamdynamik und individuelle Einstellung zu Work-Life-Balance herrscht. Wenn es beispielsweise Bedenken gibt, dass Mitarbeitende im Homeoffice weniger (auch spontan) erreichbar sind, oder wenn das Gefühl aufkommt, dass Eltern bevorzugt behandelt werden oder mehr Flexibilität erhalten, kann das natürlich zu Spannungen führen.
Generell wird eine Unternehmenskultur, die Flexibilität und Work-Life-Balance fördert, zunehmend geschätzt. Um eine positive Atmosphäre zu schaffen und mögliche Spannungen zu vermeiden, ist es wichtig, offene Kommunikation zu fördern und sicherzustellen, dass alle Mitarbeitenden fair behandelt werden – unabhängig von ihren familiären Verpflichtungen.
Es muss jedoch auch Verständnis dafür geben, dass Eltern aufgrund ihrer familiären Verpflichtungen flexiblere Arbeitsmodelle benötigen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein wichtiges Anliegen in einer modernen Gesellschaft und viele Kolleg:innen und Arbeitgebende erkennen die Herausforderungen an, die mit der Betreuung von Kindern verbunden sind.
Wenn Mitarbeitende trotz der flexiblen Arbeitsbedingungen produktiv bleiben und ihre Aufgaben erfüllen, sollte das von den Kolleg:innen und speziell von den Arbeitgebenden positiv bewertet werden – vor allem wenn sich zeigt, dass diese Flexibilität auch zur Zufriedenheit beiträgt.
Wie sollten Unternehmen auf die unterschiedliche Nutzung reagieren?
Unternehmen sollten individuelle Arbeitsmodelle anbieten, die den Bedürfnissen der Mitarbeitenden gerecht werden. Dies kann bedeuten, dass die Beschäftigten je nach ihren persönlichen Umständen (z. B. familiäre Verpflichtungen, Wohnsituation) unterschiedliche Homeoffice-Regelungen erhalten und dass Hybridarbeitsmodelle möglich gemacht werden.
Unternehmen sollten sicherstellen, dass alle Mitarbeitenden über die notwendige Technologie und Schulung verfügen, um effektiv im Homeoffice arbeiten zu können – das könnte den Zugang zu Software, Hardware und IT-Support umfassen.
Der Einsatz von digitalen Tools zur Zusammenarbeit kann helfen, die Teamdynamik zu stärken und sicherzustellen, dass alle Mitarbeitenden unabhängig von ihrem Arbeitsort gut zusammenarbeiten können. Gleichzeitig sollte sichergestellt werden, dass es transparente und klare Richtlinien für die Nutzung von Homeoffice im Unternehmen gibt und dass die Leistungsbewertung fair und objektiv erfolgt und nicht von der Arbeitsweise (Homeoffice vs. Büro) abhängt.
Und inwiefern ist es für kleinere Firmen immer noch schwieriger, Homeoffice anzubieten?
Zum einen ist das eine Ressourcenfrage. Für das Arbeiten im Homeoffice wird meist ein gewisses Level an technologischer Ausstattung benötigt. Sowohl Hardware als auch Software müssen gegebenenfalls beschafft werden, was kleinere Unternehmen durchaus vor finanzielle Herausforderungen stellen kann.
In vielen kleinen Unternehmen gibt es außerdem möglicherweise keinen dedizierten IT-Support oder nur begrenzte technische Ressourcen, was auch die Wartung von Homeoffice-Lösungen erschwert. Kleinere Unternehmen haben möglicherweise auch nicht die Ressourcen oder das Wissen, um sicherzustellen, dass Datenschutzbestimmungen eingehalten werden, wenn Mitarbeitende im Homeoffice arbeiten.
Zum anderen liegt das vermutlich aber auch an den Strukturen in kleineren Unternehmen. Hier wird öfter enger zusammengearbeitet (sowohl innerhalb der Belegschaft, als auch im Kontakt mit Kund:innen) und oft herrscht in kleineren Unternehmen auch eine eher traditionelle Arbeitskultur. Das kann dazu führen, dass der persönliche Kontakt als wichtiger erachtet wird und Homeoffice weniger praktikabel erscheint.
Wie sollte die Politik reagieren?
Die Politik sollte generell klare gesetzliche Bedingungen für Homeoffice definieren. Es sollte ein rechtlicher Rahmen geschaffen werden, der es Unternehmen erleichtert, flexible Arbeitsmodelle anzubieten, ohne dass sie befürchten müssen, rechtlichen Risiken ausgesetzt zu sein. Das könnte Regelungen zur Erreichbarkeit, zu Arbeitszeiten und zum Datenschutz umfassen.
Auch die spezifischeren Themen, über die wir bereits gesprochen haben, könnten durch die Politik unterstützt werden. Das könnte beispielsweise durch finanzielle Anreize oder Förderprogramme vor allem für kleine und mittlere Unternehmen erreicht werden. Zusätzlich sollten Initiativen zur Förderung der Digitalisierung in Unternehmen unterstützt werden, insbesondere in Bezug auf digitale Tools für Zusammenarbeit und Kommunikation.
Das Interview führte Boris Schlizio




