Das Bundeswirtschaftsministerium reagiert auf die historisch niedrigen Füllstände der Gasspeicher: Finanzielle Anreize sollen Händler dazu bewegen, mehr Gas einzuspeichern. Für den Winter 2026/27 bleibt die Lage angespannt. Laut Speicherverband INES könnten die Gasspeicher bei einem sehr kalten Winter – wie im Jahr 2010 – bereits Ende Januar leer sein. An einzelnen Tagen könnte es dann zu Gasunterdeckungen von mehr als 25 Prozent kommen. Die Folge wären stark steigende Preise und im schlimmsten Fall physische Versorgungseinschränkungen.

Gaspreis unterstreicht angespannte Lage

Der Gaspreis stieg in der vergangenen Woche auf 83,75 Euro je Megawattstunde – den höchsten Stand seit Ende 2022. Die deutschen Speicher sind zu rund 56 Prozent gefüllt; ihr Füllstand ist damit so niedrig wie seit 15 Jahren nicht mehr. Wesentliche Ursachen sind das infolge des Iran-Kriegs reduzierte LNG-Angebot und fehlende wirtschaftliche Anreize zur Einspeicherung.

Die Situation ist dennoch nicht mit der Lage im Jahr 2022 gleichzusetzen. Damals hatten einige Discounter langfristige Festpreisverträge abgeschlossen, ihre Beschaffung aber nicht ausreichend abgesichert. Insolvenzen und Lieferstopps zwangen vor allem Stadtwerke, kurzfristig zusätzliche Kunden zu übernehmen und Mengen zu extrem hohen Preisen nachzubeschaffen.

Regulierung mindert Risiko einzelner Lieferantenausfälle

Aus diesen Erfahrungen wurden regulatorische Konsequenzen gezogen. Die Anforderungen an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Lieferanten wurden erhöht. Für Stromlieferanten gelten inzwischen zudem Anforderungen an angemessene Absicherungsstrategien. Auch die Ersatzversorgung wurde neu geregelt: Fällt ein Lieferant aus, werden Haushaltskunden höchstens drei Monate lang durch den örtlichen Ersatzversorger beliefert. Das Risiko einer Wiederholung des Discountereffekts von 2022 ist damit geringer, aber nicht beseitigt.

Stadtwerke und andere Lieferanten beschaffen ihre Mengen typischerweise auf Grundlage historischer Verbrauchswerte und durchschnittlicher Temperaturverläufe. Abweichungen gleichen sie über kurzfristige Handelsgeschäfte aus. Bei einem kalten Winter und einem knappen Angebot kann die Nachbeschaffung teuer oder nur eingeschränkt möglich sein.

Beschaffungsplanung bleibt anfällig

Geht die Beschaffungsplanung für 2026/27 von durchschnittlichen oder eher milden Temperaturen aus, könnte sie das Risiko eines kalten Winters unterschätzen. Saisonale Wetterprognosen bieten keinen Schutz vor längeren Kälteperioden in Nordwesteuropa. Stadtwerke betrachten zwar extreme Szenarien, müssen dabei aber Kosten und Endkundenpreise abwägen.

Hinzu kommt die angespannte Angebotsseite. Niedrige Speicherstände treffen auf einen LNG-Markt, auf dem Europa mit asiatischen Abnehmern konkurriert. Weitere Ereignisse könnten Preise und Versorgung zusätzlich belasten: eine Eskalation im Nahen Osten, Ausfälle bei Gas- oder LNG-Lieferanten, eine steigende Nachfrage aus Asien oder ein kalter Winter in Nordwesteuropa. Besonders kritisch wäre das Zusammentreffen mehrerer Faktoren: Niedrige Speicherstände verringern den Puffer, ein angespannter LNG-Markt erschwert die Wiederbeschaffung, und ein kalter Winter beschleunigt die Ausspeicherung.

Mehrere Faktoren können sich gegenseitig verstärken

Damit besteht ein systemisches Risiko, das über die Bonität einzelner Lieferanten hinausgeht. Selbst ein grundsätzlich solide abgesicherter Versorger kann betroffen sein, wenn zusätzliche Mengen nur noch zu extremen Preisen verfügbar sind.

Der Markt bildet Risiken über die Preise ab. Daraus folgt jedoch nicht, dass alle Unternehmen diese Risiken hinreichend abgesichert haben. Eine frühzeitige Vorsorge für ein Stressszenario verursacht höhere Kosten. Bleibt das Szenario aus, kann das Unternehmen dadurch Wettbewerbsnachteile erleiden. Wenn viele Unternehmen so handeln, würde ein kalter Winter zahlreiche Versorger, Stadtwerke und Industriekunden treffen.

Die Industrie trüge im Krisenfall die Hauptlast

Private Haushalte und andere geschützte Kunden sind bei einer physischen Gasknappheit besonders abgesichert. Die Hauptlast notwendiger Verbrauchsreduzierungen würde deshalb voraussichtlich die Industrie tragen. Auch ohne Abschaltungen wären Industrieunternehmen durch stark steigende Gas- und Strompreise erheblich betroffen. Mögliche Folgen wären Produktionskürzungen und Standortverlagerungen.

Im Frühjahr 2026 hätte die Politik nicht die Krisenmaßnahmen des Jahres 2022 wiederholen müssen. Möglich gewesen wären begrenzte und marktnahe Instrumente: Anreize für eine frühzeitige Einspeicherung, die Absicherung strategisch notwendiger Speichermengen, Stresstests für Lieferanten und Grundversorger sowie Transparenz über die zugrunde gelegten Wetter-, Import- und Ausfallszenarien.

Politische Maßnahmen liegen auf dem Tisch

Für konsequentes Handeln ist es nach wie vor nicht zu spät. Einige Maßnahmen liegen bereits auf dem Tisch. Ein Beispiel ist die befristete Rückkehr der Steinkohle-Reservekraftwerke an den Markt. Die SPD-geführte Vorgängerregierung hatte dieses Instrument in der Energiekrise 2022 mit dem 2024 ausgelaufenen Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz bereits erfolgreich erprobt. Auch die jetzige Bundesregierung hat sich die Maßnahme im Koalitionsvertrag vorgenommen, um die Strompreise zu senken.

Jetzt könnte die Rückkehr der Reserve zum richtigen Hebel werden. Durch den Einsatz der Reservekraftwerke ließen sich nicht nur die Strompreise senken, sondern auch erhebliche Gasmengen bei der Verstromung einsparen. Laut dem EWI in Köln könnten dadurch bis zu 24 Terawattstunden Gas pro Winterhalbjahr in Deutschland und den europäischen Nachbarländern eingespart werden. Das entspräche mehr als 17 Prozent des derzeit in deutschen Speichern gelagerten Gasvolumens und könnte rund zwei Millionen Durchschnittshaushalte ein Jahr lang mit Gas versorgen.

Plausibles Stressszenario wäre die richtige Basis

Deutschland steht nicht vor einer Wiederholung des Jahres 2022, aber möglicherweise vor einer anders gelagerten Risikokonstellation: Die Lieferanten sind regulatorisch zwar resilienter und die Ersatzversorgung schützt Grundversorger besser vor einzelnen Lieferantenausfällen. Gleichzeitig könnte die Branche aber das Risiko eines kalten Winters unterschätzt haben.

Niedrige Speicherstände, ein knappes LNG-Angebot und eine Beschaffung, die sich an durchschnittlichen oder milden Temperaturen orientiert, bilden eine problematische Kombination. Versorgungssicherheit sollte deshalb nicht nur für das wahrscheinlichste Szenario hergestellt werden, sondern auch für ein plausibles Stressszenario.

Erste politische Maßnahmen sind auf den Weg gebracht worden. Weitere liegen auf dem Tisch und sollten jetzt umgesetzt werden, solange Vorsorge noch günstiger ist als Krisenmanagement.

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