Die Hoffnung auf eine Entspannung im Iran-Konflikt hat den Gaspreis seit Wochenbeginn zwar wieder sinken lassen. Am niederländischen Handelspunkt TTF kostete Gas im Day-Ahead-Handel 57,40 Euro je Megawattstunde (MWh). In der vergangenen Woche war die Notierung zeitweilig noch auf 63,44 Euro je MWh gestiegen. Doch kommt es jetzt wirklich zu einer dauerhaften Entspannung rund um die für Flüssiggas- und Öltransporte so wichtige Handelsroute, die Straße von Hormus?
Andere europäische Länder intervenieren offensiver
Für die beiden Energieanalysten Florian Boehnke und Andreas Schröder vom Preisinformationsdienst ICIS steht fest: Wenn der Iran-Konflikt über den September hinaus anhält, wird es kritisch mit der Erreichung der nationalen Gasspeicherziele in Deutschland. "Dann muss zu erhöhten Preisen eingekauft werden, um die Ziele noch zu erreichen", verdeutlicht Boehnke auf ZFK-Anfrage.
Ohne staatliche Eingriffe werde Deutschland in dem Fall seine eigens gesetzten Ziele wohl nicht mehr erreichen – anders als andere Länder in Europa, in denen der Staat offensiver auftrete beziehungsweise zugunsten der Versorgungssicherheit interveniere. Auch in Deutschland halten die beiden Analysten eine staatliche Intervention mittlerweile für gerechtfertigt.

Wenn sich in der Straße von Hormus bis Ende September nichts bewegt, wird es eng.
Florian Boehnke
Senior Analyst für den Gas- und LNG-Markt beim Preisinformationsdienst ICIS
Beruhigt sich die Lage hingegen in den nächsten zwei Monaten, könne Deutschland sein Ziel von durchschnittlich 70 Prozent noch erreichen, so die auf Gas und LNG spezialisierten Analysten. Derzeit gehen sie von einem Speicherstand von 72 Prozent zum 1. Dezember aus. "Wenn sich aber in der Straße von Hormus weiter nichts bewegt, dann wird es eng", so Boehnke.
Deutschland steht bei der Befüllung seiner Gasspeicher unter Zeitdruck. Aktuell befinden sich in den Speichern rund 116 Terawattstunden (TWh) Erdgas. Um die europäische Vorgabe von 80 Prozent zu erreichen, müsste der Speicherstand auf knapp 200 TWh steigen. "Aus unserer Sicht erscheint das unter den aktuellen Marktbedingungen äußerst ambitioniert", erklärt Boehnke. Das nationale Ziel von durchschnittlich 70 Prozent entspricht rund 173 TWh.
Höheres Einspeicher-Tempo als im zweiten Quartal erforderlich
Seit Beginn des Iran-Kriegs wurden nach ICIS-Berechnungen in Deutschland rund 70 TWh innerhalb von fünf Monaten eingespeichert. Selbst um die nationalen Speicherziele in den kommenden vier Monaten noch zu erreichen, sei die Einspeicherung zusätzlicher 60 TWh notwendig. Sollte Deutschland hingegen nur mit der Geschwindigkeit aus dem zweiten Quartal weiter einspeichern, läge der Füllstand nur bei rund 65 Prozent. Europaweit fehlen derzeit rund 280 TWh, um vor dem Winter einen Füllstand von 80 Prozent zu erreichen.
"In diesem Fall landen wir in unseren Prognosen zum Ende des Winters, im März 2027, bei einem Füllstand von knapp 21 Prozent", erklärt Boehnke. Das wäre der niedrigste Wert zu dieser Jahreszeit seit 2019.
Wie wieder mehr LNG nach Europa "gelockt" werden könnte
Gasmarkt
Aufgrund des anhaltend hohen Preisniveaus für Erdgas an den Großhandelsmärkten fehlen weiterhin die preislichen Anreize zur Speicherung. Hinzu kommt, dass die amerikanischen LNG-Exporteure derzeit bevorzugt Asien ansteuern, wo die Preise attraktiver sind.
Ein LNG-Schiff kann ungefähr eine TWh Gas nach Deutschland bringen. In Europa lagen die LNG-Importe im Mai um 15 Prozent, im Juni um 25 Prozent und im Juli um 33 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Ein großer Teil der flexiblen Ladungen steuere bereits in Richtung Asien. „Deshalb sehen wir derzeit kaum Risiko, dass kurzfristig noch mehr LNG nach Asien abdreht“, versichert Schröder.
Warum langfristige Lieferverträge aktuell nicht helfen
"Um die Schiffe wieder nach Europa zu locken, muss der hiesige Gaspreis gegenüber Asien steigen", sagt Analyst Andreas Schröder von ICIS. Die Preisdifferenz zwischen beiden Regionen müsse unter einen US-Dollar pro Million British Thermal Units gedrückt werden. Nur so ließe sich ein "Locksignal" an die amerikanischen Exporteure senden. Das entspricht ungefähr drei Euro pro Megawattstunde.
"Die zentrale Frage ist daher, wie lange Europa noch wartet, um ausreichend hohe Preise zu bieten, um zusätzliche LNG-Mengen anzuziehen", umreißt Schröder die aktuelle Situation. Langfristige Lieferverträge könnten hier mittelfristig Abhilfe verschaffen, um Deutschlands Gasversorgung gegen derartige Marktschwankungen abzusichern. Für den jetzigen Winter sei dies jedoch kurzfristig keine Lösung.

Der Markt zahlt nicht genügend für Versorgungssicherheit.
Andreas Schröder
Head of Energy Analytics (Gas, LNG) beim Preisinformationsdienst ICIS
Aus Sicht von Andreas Schröder wäre eine staatliche Intervention bereits jetzt grundsätzlich gerechtfertigt. "Aktuelle Marktpreise würdigen die Rolle der Gasspeicher nicht ausreichend. Der Markt zahlt nicht genügend für Versorgungssicherheit", sagt er. Dass es auch anders gehe, zeige der Blick in eine Reihe anderer europäischer Länder.
Italien etwa habe in diesem Jahr mit einer Ausschreibung "zu sehr attraktiven Preisspreads" einen solchen Ansatz gewählt und sei dadurch auf einem guten Weg, einen Füllstand von 90 Prozent zu erreichen. Frankreich arbeite bereits länger mit einem staatlichen Unterstützungsmechanismus mit Differenzbeträgen, bei dem fehlende Erlöse über Netzentgelte umgelegt würden.
Komfortablere Speicherstände auch in Österreich und Polen
Auch die Niederlande hätten einen "weitgehenden Markteingriff" vorgenommen und ein staatliches Unternehmen mit der Befüllung beauftragt. Die niedrigen Speicherstände stiegen dort wieder, die Kosten dafür trügen später jedoch die Verbraucher – ähnlich wie bei der deutschen Gasspeicherumlage. Auch Polen und Österreich verfügten über etwas komfortablere Speicherstände als Deutschland. Im Notfall könne Deutschland an die Solidarität europäischer Nachbarn appellieren.
Schröder hält eine staatliche Intervention in Deutschland derzeit dennoch für unwahrscheinlich. Der Sommer sei bereits weit fortgeschritten, zudem verhalte sich die Bundesregierung bei Markteingriffen zurückhaltend. Die staatliche Gasspeicherreserve soll erst im kommenden Jahr befüllt werden.
Warum die Welt auf eine große LNG-Anlage in Katar schaut
Die Risiken weiter steigender Gaspreise seien im Energiemarkt noch nicht hinreichend eingepreist, ergänzt Florian Boehnke. Die Modelle von ICIS zeigen zwar, dass Europa auch mit niedrigeren Speicherständen durch einen kalten Winter kommen könnte. Das setze aber voraus, dass die große Produktionsanlage am Standort Ras Laffan in Katar ab Mitte Oktober wieder an den Weltmarkt liefert. Diese war im Frühjahr durch einen iranischen Angriff schwer beschädigt worden.
Bei einem Andauern des Konflikts zwischen den USA und Iran bis einschließlich des ersten Quartals 2027 seien Preise möglich, die rund 20 Prozent über den aktuellen Terminpreisen liegen könnten. Es handle sich daher um eine klare Risikoabwägung für die Speicher- und Energiebranche: "Abwarten kann sich lohnen, erhöht aber zugleich das Risiko höherer Preise später."