Die Auswirkungen kurzfristiger Marktbewegungen im Energiemarkt auf die Sicherheitsanforderungen werden von European Commodity Clearing (ECC) begrenzt. Preisvolatilität sei trotzdem wichtig, betont Ralf Prinzler. Er ist seit 2025 Chief Risk Officer im Vorstand der ECC, im Interim führt er das Haus aktuell auch als CEO.
Als Chief Risk Officer verantwortet Prinzler die Überwachung sämtlicher risikomanagementbezogener Aktivitäten des Clearinghauses. In dem Themengebiet kennt er sich schon länger aus: Zuvor arbeitete er über zwei Dekaden bei der deutschen Förderbank KfW in verschiedenen Funktionen im Risikomanagement.
Ralf Prinzler, reden wir über das Clearing in der Energiekrise und heute. Welche Situation war damals für Sie der "Härtefall" und wie konnte der Clearing-Mechanismus funktionsfähig bleiben?
Wenn wir heute auf die zurückliegende Energiekrise und insbesondere auf das Jahr 2022 zurückblicken und die damalige Situation mit der aktuellen vergleichen, wird deutlich, dass die Marktinfrastruktur widerstandsfähig geworden ist. Im Jahr 2022 stellten extreme Energiepreise und starke Preisschwankungen die Marktteilnehmer vor große Herausforderungen. Während im OTC-Handel teilweise Kreditlinien wegfielen, blieben die börslichen Märkte durchgehend funktionsfähig.
Die EEX und die ECC haben auch in diesem volatilen Umfeld einen verlässlichen Rahmen für Handel, Clearing und Risikoabsicherung bereitgestellt. Die Krise im Jahr 2022 hat gezeigt, wie wichtig Börse und Clearinghaus als stabilisierende Elemente des Marktes sind. Die Märkte sind heute robuster, und viele Unternehmen sind besser auf volatile Marktphasen vorbereitet.
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Seit diesem Monat hat Ralf Prinzler interimsweise die Aufgaben des CEO der ECC übernommen. Hintergrund: Als neue CEO hat der ECC-Aufsichtsrat Sabina Salkic bestellt. Sie ist am 1. Juli 2026 für eine Einarbeitungsphase in das Unternehmen eingetreten und wird, vorbehaltlich der abschließenden regulatorischen Genehmigung, die Funktion als CEO voraussichtlich ab April 2027 übernehmen.
Die ECC ist nach eigenen Angaben eines der führenden Clearinghäuser für Energie- und Commodity-Märkte. Die ECC entstand 2006 als Ausgründung der Energiebörse EEX in Leipzig und feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen.
Können Sie erklären, warum das in volatilen Zeiten systembedingt passiert – und was Sie tun können, um die Belastung zu glätten, ohne das Risiko zu erhöhen?
Preisvolatilität können und sollten wir nicht verhindern. Sie ist ein natürlicher Bestandteil funktionierender Märkte. Unsere Aufgabe als Clearinghaus ist es, die Risiken so zu steuern, dass wir auch in volatilen Phasen jederzeit das Kontrahentenausfallrisiko übernehmen können.
Dabei enthalten unsere Margin-Modelle heute ebenso wie künftig antizyklische Elemente und Puffermechanismen. Beides trägt dazu bei, die Auswirkungen kurzfristiger Marktbewegungen auf die Sicherheitsanforderungen zu begrenzen. Gleichzeitig gibt es auf der Handelsseite Instrumente, die eine geordnete Preisbildung auch in außergewöhnlichen Marktphasen unterstützen. Dazu gehören beispielsweise Volatilitätsunterbrechungen bei starken Preisbewegungen.
Diese Mechanismen haben sich während der Energiekrise bewährt und wurden anschließend weiter überprüft und optimiert. Unser Ziel bleibt, hohe Sicherheitsstandards mit möglichst effizientem Kapitaleinsatz für die Marktteilnehmer zu verbinden.
Wir reduzieren den Margin-Bedarf, ohne selbst mehr Risiken einzugehen.
In der Energiepreiskrise stiegen Volatilität und Margin-Anforderungen stark. Welche Anpassungen mussten Sie damals operativ und methodisch vornehmen?
Wir mussten während der Energiepreiskrise keine grundlegenden Anpassungen am Clearing-Mechanismus vornehmen. Das ist aus meiner Sicht ein wichtiger Befund, denn die Systeme und Risikomodelle haben auch unter extremen Marktbedingungen funktioniert.
Operativ haben wir den Austausch mit unseren Kunden deutlich intensiviert, insbesondere bei Fragen zu potenziellen Margin-Anforderungen und zum Liquiditätsmanagement.
Unabhängig von der Krise bleibt die Kapitaleffizienz im Clearing ein zentrales Anliegen unserer Kunden. Deshalb entwickeln wir unsere Services kontinuierlich weiter. Ein Beispiel dafür ist die geplante Einführung eines Portfolio-Marginings für die von uns geclearten Derivate. Dieser Ansatz ermöglicht, Risikostreuungseffekte über verschiedene Märkte hinweg besser zu berücksichtigen. So reduzieren wir den Margin-Bedarf, ohne selbst mehr Risiken einzugehen.
Welche Ereignisse waren in den letzten 20 Jahren geschäftlich und regulatorisch entscheidend?
Nach der Liberalisierung der Energiemärkte Anfang der 2000er-Jahre war die Gründung der ECC im Jahr 2006 ein entscheidender Meilenstein. Mit der Ausgliederung der Clearing-Aktivitäten aus der EEX und der Öffnung für weitere Börsenpartner entstand die Grundlage für ein europaweites Clearing-Netzwerk und zahlreiche Partnerschaften, darunter die gemeinsame Gründung der EPEX SPOT im Jahr 2009.
Regulatorisch war die Finanzkrise 2008/2009 ein Wendepunkt. Sie hat die Bedeutung eines abgesicherten, transparenten Handels über zentrale Gegenparteien deutlich gemacht. In der Folge wurde mit EMIR der regulatorische Rahmen geschaffen, der für viele standardisierte Derivate das zentrale Clearing über eine CCP wie die ECC vorschreibt.
Aus Marktperspektive zählen zudem die fortschreitende Integration der europäischen Energiemärkte, die Marktkopplung sowie das starke Wachstum des Intraday-Handels zu den prägendsten Entwicklungen der vergangenen Jahre.
Unsere Kernaufgabe ist es, das Kontrahenten-Ausfallrisiko für die Marktteilnehmer zu minimieren.
Clearing senkt das Kontrahentenrisiko, kann aber Liquidität binden. Wie steuern Sie den Zielkonflikt zwischen robuster Risikovorsorge und Marktliquidität?
Sicherheit und Stabilität haben für uns als zentrale Gegenpartei (CCP) oberste Priorität. Unsere Kernaufgabe ist es, das Kontrahentenausfallrisiko für die Marktteilnehmer zu minimieren und auch in volatilen Marktphasen ein verlässliches Clearing sicherzustellen.
Natürlich hat robuste Risikovorsorge ihren Preis und bindet Kapital und Liquidität. Deshalb arbeiten wir kontinuierlich daran, die Margin-Effizienz zu verbessern, ohne Abstriche beim Risikomanagement zu machen. Die Einführung unseres neuen Margin-Modells "ECC Prisma for Commodities" kann insbesondere für Teilnehmer, die in mehreren Terminmärkten aktiv sind, Kapitalvorteile schaffen.
Dass Clearing einen hohen Mehrwert bietet, zeigt sich auch daran, dass die Zahl der Börsen- und Clearingteilnehmer seit Jahren wächst.
Mehr Teilnehmer nutzen automatisierte Handelsstrategien.
Welche Produkt- oder Teilnehmertrends sehen Sie im Clearing am stärksten – mehr kurzfristige Produkte, mehr Cross-Commodity-Produkte oder mehr nicht traditionelle Akteure? Und wo stoßen klassische Risikomodelle an Grenzen?
Wir sehen vor allem eine deutlich größere Vielfalt an Marktteilnehmern. Über die Marktplätze der EEX Group und unserer Partnerbörsen sind heute mehr als 1.000 Unternehmen bei der ECC zugelassen. Dabei beobachten wir eine zunehmende Internationalisierung des Handels sowie eine wachsende Bedeutung von Akteuren aus den Bereichen erneuerbare Energien und Umweltmärkte. Zudem nutzen immer mehr Teilnehmer automatisierte Handelsstrategien.
Darüber hinaus ermöglichen wir mit unserem Direct-Clearing-Participant-Modell die direkte Mitgliedschaft bei der ECC für ausgewählte Spotmärkte. Das Modell besteht seit rund zehn Jahren und wird insbesondere in den Strom-Spotmärkten genutzt – für Gas erweitern wir dieses Modell sukzessive weiter.
Die Herausforderung für Risikomodelle besteht darin, dass sie auf historischen Daten basieren. Deshalb ergänzen wir sie durch umfangreiche Stresstests mit historischen und hypothetischen Szenarien, um auch außergewöhnliche Marktbewegungen abzubilden.
Welche Entwicklungen halten Sie für die nächsten Jahre für zentral – den zunehmenden kurzfristigen Handel, neue Produkte wie Herkunftsnachweise und Wasserstoff, strengere Regulierung oder Cyber-Resilienz? Was bedeutet das für Stadtwerke und kommunale Unternehmen als Marktteilnehmer?
Insgesamt bewegen wir uns in einem sehr dynamischen Umfeld. Die Regulierung wird uns weiterhin umfangreich begleiten, gleichzeitig gewinnen Cyber-Resilienz und Künstliche Intelligenz weiter an Bedeutung. Wir investieren hier kontinuierlich, um den Anforderungen an uns als Betreiber kritischer Infrastruktur gerecht zu werden und höchste Standards für unsere Kunden zu erfüllen.
Gleichzeitig ändert sich durch den immer kurzfristiger werdenden Handel sowie neue Marktsegmente wie Batteriespeicher, Herkunftsnachweise und perspektivisch Wasserstoff der Bedarf unserer Handelsteilnehmer. Unser Angebot entwickeln wir daher in enger Abstimmung mit unseren Kunden weiter.
Für Stadtwerke und kommunale Kunden, die einen sehr wichtigen Teil unserer Kundenbasis bilden, ist Sicherheit in diesem dynamischen Umfeld ein entscheidender Faktor. Dazu tragen wir mit den geeigneten Absicherungsinstrumenten und einer verlässlichen Infrastruktur entscheidend bei.