Ein LNG-Tanker kann rund eine Terawattstunde (TWh) Gas transportieren. Um die nationalen Gasspeicherziele in Deutschland zu erreichen, fehlen bis Anfang November noch zusätzliche 60 TWh.

Ein LNG-Tanker kann rund eine Terawattstunde (TWh) Gas transportieren. Um die nationalen Gasspeicherziele in Deutschland zu erreichen, fehlen bis Anfang November noch zusätzliche 60 TWh.

Bild: © Grispb/Adobestock

Das Bundeswirtschaftsministerium versucht Sorgen um etwaige Engpässe bei der Gasversorgung in der kalten Jahreszeit zu zerstreuen. "Nach aktuellem Erkenntnisstand ist eine Gasmangellage im kommenden Winter nicht zu erwarten", heißt es in einem Papier des Hauses. Einen staatlichen Eingriff schließt man aber für die Zukunft nicht aus. 

Man nehme es ernst, dass die deutschen Gasspeicher deutlich weniger gefüllt seien als in den vergangenen Jahren, so das Ministerium. "Gleichzeitig gilt: Niedrigere Speicherstände reduzieren den Puffer für außergewöhnliche Situationen." Das sei vor allem dann relevant, wenn mehrere Belastungen gleichzeitig aufträten: "etwa eine längere Kältephase zusammen mit dem Ausfall wichtiger Importinfrastruktur oder zusätzlichen Störungen auf dem internationalen LNG-Markt."

Staatlicher Eingriff birgt Risiken

Speicherstände von 60 bis 70 Prozent zu Winterbeginn würden nach Einschätzung des Ministeriums zusammen mit Importmöglichkeiten ausreichen, um eine durchschnittliche Winternachfrage zu decken. Derzeit sind die deutschen Gasspeicher zu rund 50 Prozent gefüllt. 

Das Haus von Ministerin Katherina Reiche (CDU) sieht vor allem die Privatwirtschaft in der Pflicht. "Die Wintervorsorge liegt grundsätzlich bei den Gasunternehmen und Händlern." Ein staatlicher Eingriff berge Risiken. "Staatliche Gaskäufe können zusätzliche Nachfrage schaffen, Preise erhöhen und private Einspeicherung verdrängen. Zudem besteht das Risiko, dass Marktteilnehmer künftig darauf vertrauen, dass der Staat bei niedrigen Speicherständen ohnehin einspringt."

Ministerium bereitet sich auf alles vor

Dennoch bereite die Bundesregierung "die notwendigen Handlungsoptionen so vor, dass sie bei einer Verschlechterung der Lage schnell und gezielt eingesetzt werden können", so das Ministerium. Dabei würde beobachtet, wie sich Speicherfüllstände, Importe, LNG-Verfügbarkeit, Infrastruktur, Nachfrage und die Situation in den europäischen Nachbarländern entwickelten.

Die politische Diskussion um die sehr niedrigen Gasspeicher-Füllstände in Deutschland zieht derweil weitere Kreise. Neben dem Bundeswirtschaftsministerium hatte auch Klaus Müller, der Chef der Bundesnetzagentur, am vergangenen Mittwoch (19. August) an die Gashändler appelliert, ihrer Verpflichtung nachzukommen und Gas einzuspeichern. Der Verband BDEW reagierte darauf gestern mit einer deutlichen Klarstellung und Einordnung.

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"Gashändler und Lieferanten sichern mit ihren individuellen Beschaffungsportfolios ihre vertraglichen Lieferverpflichtungen ab. Dazu gehören auch Speichermengen", wird BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae in einer Pressemitteilung zitiert. Wie der jeweilige Gashändler oder Lieferant die Versorgung sicherstelle, liege in der Entscheidung der Unternehmen. Es bestehe keine Pflicht, dies über Einspeicherung von Gasmengen zu gewährleisten. Gegenüber den vergangenen Jahren sei mit dem Aufbau der LNG-Terminals eine weitere Säule in der Versorgung hinzugekommen.

Wirtschaftliche Grenzen und Füllstandsvorgaben

"Die Gashändler gehen täglich mit Marktbewegungen um. Allerdings müssen sie wirtschaftlich agieren“, betonte Andreae. Die Befüllung der Speicher sei deswegen langsamer als in den Vorjahren. "Gas teurer einzuspeichern, als über Termingeschäfte verkauft werden kann, birgt das Risiko von Verlusten. Hier bestehen schlicht wirtschaftliche Grenzen", warnte die BDEW-Chefin.

Die Füllstandsvorgaben seien "reine Kennvorgaben, die nicht automatisch staatliches Handeln auslösen". Gleichzeitig führten sie jedoch zu Fehlanreizen, die durch die Erwartung potenziellen staatlichen Eingreifens die marktliche Speicherbefüllung hemmten.

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BDEW bringt neue Speicher-Anreize ins Spiel

Dennoch sei es richtig, die Lage sehr aufmerksam zu beobachten. Der BDEW brachte zudem einige flankierende Instrumente und Anreize ins Spiel, um gegenzusteuern. Beispielsweise wäre ein marktnahes Instrument wie die Ausschreibung von Long Term Options denkbar. Dadurch könne man absichern, dass auch zum Ende des Winters hin noch genug Gas in den Speichern gehalten wird.

Zudem sollten Anreize für die Einspeicherung gegeben werden, unter anderem durch die Reduzierung von Abgaben und Umlage. Es werde schnell ein rechtlicher Rahmen für die geplante nationale Gasreserve gebraucht, sagte Andreae und stellte klar: "Gashändler und Lieferanten erfüllen ihre vertraglichen Lieferverpflichtungen. Darauf können sich die Kundinnen und Kunden verlassen." Im Zusammenspiel mit Speicher- und Netzbetreibern sorgten die Gashändler für eine sichere Versorgung mit Gas.

Kerstin Andreae ist seit 2019 Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung.Bild: © Thomas Trutschel/Photothek

Große Gasverbraucher, die ihren potenziellen Gasverbrauch im Winter nicht abgesichert haben, sollten ihre unternehmerische Entscheidung überdenken.

Kerstin Andreae

BDEW-Hauptgeschäftsführerin

Andreae appellierte in dem Kontext auch an die großen Gasverbraucher wie die Industrie, die ihren potenziellen Verbrauch im Winter nicht abgesichert haben, sondern sich auf die Beschaffung von Mengen am Spotmarkt verlassen. Diese setzten sich einem erhöhten Preis- und Mengenrisiko aus. Ihr Rat: Die betroffenen Betriebe sollten diese unternehmerische Entscheidung zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch einmal überdenken.

Linke fordern Ministerin zum Handeln auf

Mit Blick auf die geringen Füllstände der Gasspeicher und Warnungen vor Preissteigerungen hat die Partei "Die Linke" die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) zum Handeln aufgefordert. Im Sommerinterview der Sat.1-Sendung "newstime" sagte Parteichefin Ines Schwerdtner, sie wundere sich, was Reiche tue, um die Speicher zu befüllen und Preise zu drücken.

Sie verwies auf "verstaatlichte Gaslieferanten", die man nutzen könne für die Befüllung der Speicher, und forderte, hohe Gewinne ("Übergewinne") von Konzernen steuerlich abzuschöpfen. So könne man für Entlastungen der Verbraucherinnen und Verbraucher sorgen, sagte Schwerdtner.

Eindringliche Warnung von Gasmarktexperte Endress

Die Energiekonzerne Sefe und Uniper sind zurzeit in staatlicher Hand. Beide Unternehmen wurden in der Gaskrise verstaatlicht, die auf Russlands Überfall auf die Ukraine Anfang 2022 folgte. Beide sollen bis Ende 2028 weitgehend privatisiert werden.

Gasmarktexperte Joachim Endress wird in seiner aktuellen Kolumne für die ZFK noch deutlicher. "Die Zurückhaltung des BMWE ist nicht nur falsch, sondern könnte am Ende alle sehr viel Geld kosten", warnt Endress.

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Europäischer Gaspreis steigt stark

Die Gasspeicherfüllstände in Deutschland lagen am 20. August bei 50,14 Prozent, EU-weit liegt der Wert bei 61,61 Prozent. Der Preis für europäisches Erdgas ist am Donnerstag kräftig gestiegen und hat damit die Aufwärtsbewegung der vergangenen zwei Wochen fortgesetzt. Der richtungweisende Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat wurde an der Börse in Amsterdam zu 65,29 Euro je Megawattstunde (MWh) gehandelt und damit drei Prozent höher als am Vortag. Grund waren erneute Drohungen von US-Präsident Donald Trump in Richtung Iran.

Zeitweise ging es mit dem Preis bis auf 65,66 Euro. Er bewegte sich damit weiter in Richtung des höchsten Standes seit Mitte März, als der Iran-Krieg die Notierung zeitweise bis auf etwa 70 Euro getrieben hatte. Vor dem Krieg hatte der Preis nur bei etwa 30 Euro gelegen.

Verivox: "Preissteigerungen kommen zeitverzögert"

Sollte das aktuelle Preisniveau bestehen bleiben, drohen Haushalten höhere Heizkosten von bis zu 20 Prozent, rechnete das Vergleichsportal Verivox vor. "Diese Preissteigerungen kommen zeitverzögert auch bei den Haushalten an. Am schnellsten steigen die Preise für Neukunden, da diese Angebote üblicherweise besonders streng kalkuliert sind. Mit der Zeit werden aber auch die Preise für Bestandskunden erhöht", sagt Thorsten Storck, Energieexperte bei Verivox.

Die Preise der günstigsten Gasangebote für Neukunden sind seit Anfang März 2026 von rund 8 auf 10 Cent pro Kilowattstunde (kWh) angestiegen. Für ein Einfamilienhaus mit einem Jahresverbrauch von 20.000 kWh bedeutet das höhere Kosten von rund 400 Euro.

Preiserhöhungen von bis zu 20 Prozent?

Bei den meisten Haushalten sind die Preissteigerungen aus dem Gas-Großhandel noch nicht angekommen. Flächendeckende Preiserhöhungen seien bisher nicht zu beobachten.

"Sollte das aktuelle Preisniveau der Großhandelspreise jedoch noch länger bestehen bleiben, sind früher oder später auch für Bestandskunden Preiserhöhungen zwischen 10 und 20 Prozent zu erwarten", sagt Thorsten Storck.

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Verbraucherschützer empfehlen Verträge mit Preisbindung

Angesichts der geringen Füllstände der Gasspeicher hat auch die Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Ramona Pop, vor steigenden Preisen für Gaskunden gewarnt. Gaskunden riet sie zur Vorsicht: "Verbraucherinnen und Verbraucher sollten jetzt prüfen, ob ihr Vertrag über den Winter hinaus eine Preisbindung vorsieht", sagte Pop. Das schütze zunächst vor steigenden Preisen. Zugleich lohne es, Preise zu vergleichen und gegebenenfalls zu einem günstigeren Anbieter zu wechseln.

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