Systemflexibilität wird laut Einschätzung der meisten Führungskräfte in der Energiebranche künftig zum wichtigsten Wertschöpfungsfaktor werden. Die meisten planen deshalb Investitionen in Batteriespeicher.

Systemflexibilität wird laut Einschätzung der meisten Führungskräfte in der Energiebranche künftig zum wichtigsten Wertschöpfungsfaktor werden. Die meisten planen deshalb Investitionen in Batteriespeicher.

Bild: © Karn/AdobeStock

Der Krieg im Nahen Osten und sinkende Strompreise belasten in diesem Jahr die Erträge der Energiebranche. Statt jedoch mit Unsicherheit zu reagieren, antworten die Unternehmen einhellig mit Kostendisziplin und gezielter Investitionssteuerung. Damit wollen sie ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder stärken. Im Fokus stehen vor allem Investitionen in die digitale Transformation und in Speichertechnologien. Das sind Ergebnisse der Studie "Industry Insights 2026" der Managementberatung Horváth.

Trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage will die Branche einerseits produktiver werden, aber auch gezielt investieren. Die digitale Transformation hat für das Topmanagement der Energiebranche die höchste strategische Priorität – in Verbindung mit der ebenfalls relevanten Cybersicherheit. Rund acht von zehn Top-Entscheidern halten die Digitalisierung der Kerninfrastruktur sowie der Kundenschnittstellen für wichtige Hebel in den nächsten fünf Jahren. Dabei liegt der Schwerpunkt nicht mehr auf einzelnen KI-Anwendungen, sondern auf durchgängig digitalisierten End-to-End-Prozessen als Fundament der Transformation. 92 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass digitale Prozessexzellenz zum entscheidenden Hebel für die notwendigen Investitionen wird.

Matthias Deeg ist Partner bei der Managementberatung Horvat.Bild: © Horvath

Die Führungskräfte sind sich einig, dass effiziente Arbeitsabläufe bei Planung, Genehmigung und Netzanschluss kurz- und mittelfristig mehr Kapazität freisetzen als einzelne KI-Tools.

Matthias Deeg,

Partner bei der Managemenberatung Horváth

Der Markt teile sich aktuell in Stadtwerke mit einer hohen Transformationsgeschwindigkeit, Ergebnisoptimierung und einer Beschleunigung des Hochlaufs der Investitionsausgaben in das Anlagevermögen – dies sei aber nur die eine Hälfte, kommentierte der Horváth-Partner Matthias Deeg auf ZFK-Anfrage. Die andere Hälfte sei noch sehr träge in langsamen Entscheidungsstrukturen gefangen und wundere sich, dass die Mittelfristplanung für 2027 folgend aktuell so schlecht aussehe.

"Die Führungskräfte sind sich weitgehend einig darüber, dass effiziente Arbeitsabläufe bei Planung, Genehmigung und Netzanschluss kurz- und mittelfristig mehr Kapazität freisetzen als einzelne KI-Tools", so Deeg weiter. Dennoch blieben zentrale Herausforderungen bei der Skalierung im Unternehmen. Weiterhin werde das Fehlen einer soliden Datengrundlage und qualifizierter Mitarbeitender von den Unternehmen bislang als Bremsklotz wahrgenommen.

KI soll aktuell oft die Datenqualität steigern

"Viele Stadtwerke kämpfen aktuell mit IT-Transformationen, ob im ERP, Kunden-, Abrechnungs- oder Workforce-Management. Datenverantwortung, Daten- und Qualitätsmanagement sind neue Managementfunktionen, die aktuell etabliert werden", umreißt der Horváth-Partner die Herausforderung. KI-Anwendungen, insbesondere im Einsatz gegenüber Kunden, würden teilweise verzögert, da die Kundendaten nicht ausreichend gepflegt seien. "Wir sehen, dass KI aktuell insbesondere eingesetzt wird, um die Datenqualität zu steigern", sagt Deeg.

Systemflexibilität als wichtigster Wertschöpfungsfaktor

Künftig werde die Fähigkeit, Angebot und Nachfrage nach Strom flexibel auszugleichen, für die Branche entscheidend sein. 96 Prozent der Führungsverantwortlichen sind sicher, dass Systemflexibilität zum wichtigsten Wertschöpfungsfaktor wird. Das spiegelt sich in konkreten Investitionsentscheidungen wider: 92 Prozent der Unternehmen wollen ihre Marktposition stärken und in Batterietechnologien investieren. Bei der Wärmewende gehen 85 Prozent davon aus, dass elektrische Heizsysteme den europäischen Markt dominieren werden.

Horváth berät nach eigenen Angaben in zahlreichen Projekten im Bereich der Flexibilitäten. Systemflexibilität werde, so Deeg, meist sehr assetbezogen gesehen: mit Stand-alone-Batteriespeichern (30 Prozent der EVUs) und Colocation-Batteriespeichern in der Nähe von Wind- und Solarparks. Die nachhaltige wirtschaftliche Systemflexibilität entsteht aus seiner Sicht aber in der Sektorenkopplung und in der Steuerung bestehender Anlagen.

Branche plant deutlich mehr Neueinstellungen

Zahlreiche KWK-Anlagen und Wärmepumpen würden in Kombination mit einem größeren Wärmespeicher sehr günstige Objektive für Flexibilisierung bieten. "Zusätzlich ist das Einsammeln von Anlagen respektive der Bau von Energieanlagen im Bereich B2B und B2C ein großer Hebel, um die Flexibilität beim Kunden zu steuern und Stromprodukte zu vermarkten, die nicht nur Kilowattstunden, sondern auch Kilowatt enthalten."

Die Investitionsbereitschaft der Branche wirke sich zudem auf das Personalwachstum aus. Die Energiebranche plane für 2026 ein Wachstum von 6,5 Prozent. "Investitionen in Netze, Batterien, Laststeuerung und digitale Optimierung sind der Schlüssel für eine stabile Stromversorgung", so Deeg. Die hohe Nachfrage nach Fachkräften sei zugleich ein deutliches Zeichen dafür, dass der demografische Wandel noch deutlich höher wirke als die erwartete Effizienzsteigerung durch KI oder Digitalisierung – das sei aber nicht mehr bei allen Unternehmen so.

Versorger gehen von rückläufigen Preisen aus

Die sinkenden Margen sind laut Deeg einerseits auf sinkende Netzrendite, Margendruck im Vertrieb und Verluste von Lieferstellen zurückzuführen. Die aktuellen hohen Strom- und Gaspreise würden einige Ergebnisse von Stadtwerken retten, die zum richtigen Zeitpunkt ihre Positionen gesichert haben. Dies sei jedoch eher temporär und kurzfristig, aber keine nachhaltige Entwicklung.

Mittelfristig gingen die meisten Energieversorger für die folgenden Lieferjahre von rückläufigen Preisen aus, was den Ergebnisdruck steigert. Parallel dazu würden sinkende Margen aus Flexibilisierungsvermarktung ab 2029 erwartet. Der Margendruck liege insbesondere auch darin, dass die aktuellen Renditen für Investitionen (Ausnahme Batterien und Rechenzentren) sehr niedrig verzinst würden und teilweise verzögert und über einen langen Zeitraum erst Ergebnisse erzielten. Darüber hinaus könnten unerwartete Verwerfungen (wie durch die Konflikte im Nahen Osten) die Preisentwicklungen verzerren.

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