EWE-Chef Stefan Dohler.

EWE-Chef Stefan Dohler.

Bild: © Sebastian Vollmert/EWE

Stefan Dohler, Konzernchef von EWE, ist Regionalpatriot, das unterstreicht er mit seiner Forderung, aus Niedersachsen den neuen Ruhrpott machen zu wollen. Statt Kohle sollen die Erneuerbaren den Wohlstand bringen. Im Interview erklärt er, warum das auch im Interesse der anderen Bundesländer liegt.

ZfK: Herr Dohler, sie sagen, dass Niedersachsen der neue Ruhrpott werden soll. Das ist ja für ein kommunales Unternehmen eine offensive Kommunikation.
Stefan Dohler: Das mag so wirken, ist aber gar nicht so sehr in Abgrenzung oder Rivalität zu anderen Regionen gemeint. Fakt ist, dass die Region zwischen Ems und Elbe eine Schlüsselregion der Energiewende ist und alles hat, was es morgen braucht: erneuerbare Energien, Häfen, Speicher, Leitungsinfrastruktur, exzellente Hochschulen und Forschung sowie Unternehmen mit langjähriger Erfahrung. Diese Stärke wollen wir gemeinsam mit anderen innerhalb und außerhalb der Region noch besser bekannt machen und intensiver nutzen.

Wir haben uns daher unter anderem mit Kommunen, Hochschulen, Unternehmen und Handwerkskammern zur Allianz „Powerhouse Nord“ zusammengeschlossen. Denn die Transformationsaufgabe, vor der wir alle stehen, ist nicht nur auf die Energieversorgung beschränkt, sondern wirkt in alle Lebensbereiche und den Alltag der Menschen hinein. Wir müssen also regional die Kräfte bündeln und etwas anbieten, hinter dem sich viele Akteure versammeln können. Wenn wir es klug anstellen, dann können wir hier nicht nur Infrastruktur aufbauen, sondern auch einen guten Teil der Wertschöpfung ansiedeln und den Menschen in der Region konkrete Vorteile aufzeigen. Und ja, dann wären wir irgendwann der neue Ruhrpott – aber in sauber.

Was ist beim Powerhouse Nord schon entstanden?
Wir haben gemeinsam mit 14 weiteren Initiatoren unsere Allianz gegründet und der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit dabei sind zum Beispiel die Universitäten Oldenburg und Vechta, die Landessparkasse zu Oldenburg sowie Kommunen und regionale Verbände und Kammern. Ich freue mich sehr auf die gemeinsame Reise in den kommenden Jahren und wünsche mir, dass unsere Allianz schnell wächst und sich alle unterhaken, die hier in der Region guten Willens und voller Tatkraft an einer lebenswerten und erfolgreichen Zukunft bauen.

Das ist ja keine EWE-Aktion, sondern eine Gemeinschaft, die für alle offen ist. Zusammen wollen wir eine regionale Marke prägen und in Arbeitsgruppen Vorschläge zu Themen wie Fächkräftegewinnung, Unternehmensansiedlungen, Energie und Infrastruktur sowie Wissenschaft und Forschung entwickeln.

Eines Ihrer Themen im Norden ist gerade der Netzausbau und die damit verbundenen Netzentgelte, bei deren Erhebung sie sich mehr Fairness wünschen. Aber kommt mit angepassten Netzentgelten nicht die Strompreiszone durch die Hintertür?
Nein. In der Diskussion, die gerade von der BnetzA angestoßen wurde, geht es darum, dass die Menschen in den Regionen, die viel für die Energiewende in Deutschland tun und deshalb besonders intensiven Netzausbau betreiben müssen, nicht die ganzen Kosten übergeholfen bekommen. Das geht nicht.

"Was glauben Sie, wie lange das gut geht?"

Wir erwarten, dass Bürgerinnen und Bürger Windräder und Stromtrassen in ihrer Nachbarschaft akzeptieren und „belohnen“ diese Akzeptanz vor Ort mit höheren Preisen? Was glauben Sie, wie lange das gut geht? Es geht also schlicht um eine Begradigung der fehlgeleiteten Netzausbaukosten. Der Ausbau kommt allen zugute – daher müssen die Kosten auch fair von allen getragen werden.

Aber die Strompreiszone wäre hier keine Lösung?
Das könnte ich jetzt als Norddeutscher sehr leicht sagen, dann hätten wir im Norden günstigere Strompreise, da kommt die Industrie zu uns. Ob wir das in Deutschland aushalten und was das für Folgewirkungen hätte, das muss man sich sehr, sehr gut überlegen. Ich denke, da gibt es intelligentere Wege.

Eine Komponente wäre, die Netze zu entlasten, in dem wir mehr netzdienliche Nutzung etwa durch Elektrolyseure, Rechenzentren oder Batteriefabriken schaffen – aber dafür muss es stärkere finanzielle Anreize geben. Das nähme ein Stück weit Druck aus den Redispatchkosten und auch aus dem weiteren Netzausbaubedarf und entspräche im Effekt dem, was auch die Erwartung an eine Strompreiszone ist. Das ist volkswirtschaftlich jedoch sehr viel kompatibler, weil nicht plötzlich höhere Strompreise für bestimmte Regionen eingeführt werden.

Die Industriepolitik auf den Norden fokussieren, halten Sie das dann politisch für umsetzbar? Also, die südlichen Länder haben da bestimmt wenig Interesse dran.
Da bin ich mir aus zwei Gründen gar nicht so sicher: Wenn die Alternative ist, dass wir Gebotszonen bekommen, würde ich die Bundesländer gern noch mal fragen, was ihnen lieber ist. Denn auch die bayerischen Verbraucher haben eine Ersparnis, wenn ich bundesweit die Systemkosten senke. Diese Senkung bekomme ich aber nur hin, wenn ich die regionalen Gegebenheiten optimal nutze, also zum Beispiel durch systemdienliche Ansiedlungen und systemdienliches Verhalten anreize.

"Wenn ich nichts mache, bleibt es für alle teurer."

Das Prinzip ist simpel und sollte jeden überzeugen: Ich schaffe Anreize für spezifische Investitionen, um für das gesamte Bundesgebiet eine Kostenreduzierung zu erwirtschaften. Nur ein Teil dieser Reduzierung finanziert diesen Investitionsanreiz, der Rest stärkt den Standort Deutschland. Wenn ich nichts mache, bleibt es für alle teurer. Und der zweite Punkt: Dieses Grundprinzip kann ich bundesweit anwenden, überall dort wo es regional massive Überschüsse gibt. Es ist doch auch logisch: Lasst uns lieber die regionalen Vorteile nutzen, als eine teure Überbauung zu machen. Und ich benötige keine neuen Fördertöpfe, das System speist sich aus der nachgewiesenen Systemkostenreduzierung.

Das Interview führten Julian Korb und Pauline Faust.

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