Die jüngste Energiekrise und die hohen Liquiditätserfordernisse der Energiebranche haben den Blick der Bankenbranche und deren Risikoeinschätzung auf das vermeintlich sichere Finanzierungsmodell Stadtwerke und Energiebranche verändert.
Von einem „Zeitenwechsel“ sprach der Restrukturierungsexperte und frühere Gasag-Chef Gerhard Holtmeier beim Stadtwerkekongress des Handelsblatts in Berlin.
„Der Welpenschutz der Stadtwerke als Teil der Kommune ist vorbei. Banken sehen die Kommunalwirtschaft nicht mehr als geschützten Bereich“, betonte Holtmeier, der auch im Aufsichtsrat des verstaatlichten Gasimporteurs Uniper sitzt.
Banken stellen mehr und tiefergehende Fragen
Die Risiken des Geschäftsmodells Energieversorgung stünden nach wie vor im Fokus der Bankbranche, Stadtwerke würden sich in Finanzierungsgesprächen deshalb mit viel mehr und viel tiefergehenden Fragen konfrontiert sehen.
Sparkassen und Volksbanken seien mit der momentanen Situation am Energiemarkt überfordert, für große Banken hingegen seien Themen wie Sicherheitsleistungen im Handel (Marginings) Routine.
Holtmeier fordert Nachjustierungen bei Eigenkapitalrendite für Netze
Es komme mittlerweile häufiger vor, dass Banken bei Finanzierungen eine Unterlegung mit 20 bis 30 Prozent Eigenkapital forderten oder eine alternative Finanzierung.
Da gleichzeitig die Investitionserfordernisse im Zuge der Energiewende massiv gestiegen sind, werde sich das auch auf die Ausschüttungsstrategie der Stadtwerke auswirken. „Ich gehe davon aus, dass die Städte und Kommunen in den nächsten zehn Jahren keine Ausschüttungen mehr sehen werden“.
Um entsprechende Investitionen in die Infrastruktur anzureizen, müsse bei der Eigenkapitalverzinsung im Netzbereich nachkorrigiert werden, so Holtmeier weiter.
Förderbank-Chef sieht Parallelen zur Lehman-Pleite
Dass sich die Sicht der Bankenbranche auf die Kommunalwirtschaft verändert, unterstrichen auch die Ausführungen von Hinrich Holm, dem Vorstandsvorsitzenden der Investitionsbank Berlin.
„Wir waren zu Beginn der Energiekrise schon sehr überrascht, dass wir in einer für uns bis dahin als absolut sicher eingestuften Branche eine Situation gesehen haben, die uns an die Pleite der Lehmanbank bei der Finanzkrise 2008 erinnert hat“, so Holm. Auch den Konkurs der Investmentbank habe damals niemand für möglich gehalten.
"Geschichte des Ingenieurs, in konkrete Cash-Flows übersetzen"
Über die Förderbanken, insbesondere die Kreditanstalt für Wiederaufbau, sei es gelungen, die Kunden der Energieversorger zu beruhigen und die Phase hoher Volatilität an den Märkten vergleichsweise gut zu überstehen. „Die Verwerfungen in den Bilanzen der Energieversorger werden sich erst in den nächsten Monaten und Quartalen rauskristallisieren“, so Holm. Der Konsolidierungsdruck in der Branche bleibe bestehen.
Mit Blick auf die Finanzierung von umfassenden Investitionen in die Energie-, Wärme-, und Verkehrswende sieht er aber nach wie vor viel Potenzial. „Die Energiebranche wird ein Know-how aufbauen müssen, wie man das Projekt oder die Geschichte des Ingenieurs in konkrete Cash-Flows übersetzt“, erklärte der Chef der Berliner Investitionsbank. Wichtig sei, dass der Markt diese „Geschichte glauben und nachvollziehen kann“. (hoe)
